SAARTHEMA extra - Wie das Saarland gegen Corona kämpft

Experten beantworten drängende Fragen

  26.03.2020 | 23:19 Uhr

Das öffentliche Leben im Saarland steht still und die Zahl der Corona-Patienten steigt täglich weiter. Experten haben Fragen der Saarländer zum neuartigen Coronavirus und dessen Folgen beantwortet.

Corona stellt unser Leben auf den Kopf. Weite Teile des wirtschaftlichen Lebens stehen still. Seit dieser Woche gilt ein weitgehendes Kontaktverbot in ganz Deutschland. Im Saarland gelten sogar schon seit dem vergangenen Wochenende Ausgangsbeschränkungen. Über allem steht das Motto: auf Abstand bleiben. Was macht das mit unserem Land, unserer Wirtschaft und unserem Alltag? Experten haben Fragen der SR-Nutzer beantwortet.




Die Zahl der diagnostizierten Covid-19-Patienten ist im Saarland am Donnerstag um 16 Prozent angestiegen, auf 540 Patienten. Im Bundesdurchschnitt waren es elf Prozent. Was könnte die Erklärung dafür sein?

Dr. Jürgen Rissland, Virologe:

Im Saarland gibt es momentan ein paar Probleme, was die Testkapazitäten in den Laboren angeht. Teilweise brauchen die Testergebnisse etwas länger als üblich. Und deswegen hängt das Geschehen im Saarland etwas nach. Die aktuellen Zahlen spiegeln also den tatsächlichen Zustand von vor einigen Tagen wider.


Es gibt immer wieder Klagen, dass Schutzmasken Mangelware sind, und Pflegekräfte und Ärzte sich nicht so gut schützen können. Wie ist die Lage am Universitätsklinikum?

Dr. Jürgen Rissland, Virologe:

Auch am Universitätsklinikum gibt es keine riesigen Vorräte. Aber die Lage lässt sich ein bisschen besser steuern, dadurch, dass nicht unbedingt notwendige Eingriffe schon so weit runter gefahren wurden, dass damit Masken und Kittel eingespart werden. Diese können zur Versorgung von kranken und schwerkranken Patienten und zum Schutz des Personals eingesetzt werden.

Anke Rehlinger, stellvertretende Ministerpräsidentin:

Die kassenärztliche Vereinigung für die niedergelassenen Ärzte beschreitet ebenfalls alle Wege, um Material beizuschaffen. Die Landesregierung hat am Dienstag beschlossen, in einem ersten Schritt für neun Millionen Euro Aufträge zu vergeben, damit Schutzmaterial ins Saarland kommen kann. Das ist allerdings nicht ganz einfach derzeit auf dem Markt.


Wie werden die Maßnahmen der Ausgangsbeschränkung auf Wirkung, Nebenwirkungen und Notwendigkeit überprüft? Wie stellt man fest, ob die Maßnahmen Wirkung zeigen?

Anke Rehlinger, stellvertretende Ministerpräsidentin:

Die Statistik wird Aufschluss geben, aber noch nicht direkt. Erst recht nicht, wenn die Statistik wegen der verzögerten Auswertung erst die Situation von vor einigen Tagen darstellt. In ein bis eineinhalb Wochen wird man möglicherweise in der Statistik ablesen können, ob die Maßnahmen gewirkt haben.


Werden wir, bis die Impfung kommt, in einer Art Quarantäne leben müssen?

Dr. Jürgen Rissland, Virologe:

Vermutlich nicht. Das öffentliche Leben lässt sich für einen gewissen Zeitraum reduzieren, aber es lässt sich nicht auf längere Sicht völlig außer Kraft setzen. Wir müssen aber jetzt abwarten, ob die Maßnahmen die erwünschte Wirkung haben. Im Hintergrund laufen Modellierungen. Und dort gibt es schon erste Hinweise, dass eine Wirkung zu erkennen ist. Aber die Zahlen genügen noch nicht, um zu sagen, dass die Maßnahmen ausreichen.



Wie funktioniert das Sofortprogramm für Kleinunternehmen?

Anke Rehlinger, Wirtschaftsministerin:

Die Landesregierung hat ein Formular ins Netz gestellt, bei dem eine Reihe von Fragen beantwortet werden müssen. Entgegen anderslautender Behauptungen ist es, um die Soforthilfen zu bekommen, nicht zwingend, dass man einen Kredit aufgenommen hat. Wenn Fragen zum Sofortprogramm offen sind, hilft das Wirtschaftsministerium weiter. Wichtig ist aber dennoch der Hinweis, dass es noch weitere Möglichkeiten gibt, die Betroffene ergreifen sollten: Sie sollten sich mit ihrer Hausbank in Verbindung setzen. Möglich ist auch der Anruf beim örtlichen Finanzamt, um zu sehen, ob man Steuerstundungen bekommen kann.


Wann ist damit zu rechnen, dass die Soforthilfe auf das Konto überwiesen wird?

Anke Rehlinger, Wirtschaftsministerin:

Für die ersten, die einen Antrag gestellt haben, sollte noch in dieser Woche der Bescheid rausgehen. Wenn es gut geht, könnte Anfang der kommenden Woche das Geld schon auf dem Konto sein.


Auch der Bund hat ein Hilfspaket angekündigt: Kann man beide Hilfspakete kombinieren?

Anke Rehlinger, Wirtschaftsministerin:

Das Sofortprogramm, das das Land aufgelegt hat, soll eine Fördermöglichkeit durch den Bund nicht ausschließen. Heißt: Jetzt beim Land etwas zu beantragen, heißt nicht, dass man nicht am Bundesprogramm teilnehmen kann. Beide Programme sollen aufeinander eingestellt werden, dazu laufen derzeit Gespräche mit dem Bund.


Sollte man derzeit Aufträge an Handwerker vergeben oder lieber warten, bis die Krise vorbei ist?

Arnd Klein-Zirbes, Hauptgeschäftsführer Handwerkskammer des Saarlandes:

Kunden sollten das Gespräch mit den jeweiligen Handwerksunternehmen suchen. Beispielsweise am Bau läuft die Arbeit noch gut weiter. Es gibt ja gar keinen Grund, weshalb man auf einer Großbaustelle, die sehr weitläufig ist, die Arbeit einstellen sollte. Die Handwerker kommen dann getrennt voneinander zur Baustelle und verteilen sich dort. Die Unternehmer haben ein ureigenes Interesse daran – gerade in Zeiten des Fachkräftemangels – ihre Beschäftigten arbeitsfähig zu halten.


Darf ein Arbeitgeber seine Angestellten immer noch in einem Großraumbüro mit bis zu 25 Menschen im Raum beschäftigen?

Arnd Klein-Zirbes, Hauptgeschäftsführer Handwerkskammer des Saarlandes:

Das kommt auf die Situation vor Ort an: Die 1,5 bis zwei Meter Abstand sollten aus gutem Grund eingehalten werden. Der Arbeitgeber hat auch eine Vorsorgepflicht für seine Arbeitnehmer. Er hat ja auch ein eigenes Interesse daran.


Muss ich erst meinen Urlaub nehmen, bevor ich Kurzarbeitergeld bekomme?

Anke Rehlinger, Wirtschaftsministerin:

Der Arbeitnehmer muss das erstmal nicht tun. Insgesamt ist es aber sinnvoll, sich mit seinem Arbeitgeber in der Frage abzustimmen. Vielleicht kann es sogar sinnvoll sein, zunächst Urlaub zu nehmen, weil das Entgelt im Urlaub fortgezahlt wird, wohingegen es in der Kurzarbeit entweder auf 60 oder 67 Prozent gekürzt wird. Auf der anderen Seite sollten aber auch noch Urlaubstage da sein, wenn nach der Krise wieder normal gearbeitet wird. Es sollte mit Augenmaß zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber agiert werden.



Warum werden die Kita-Gebühren nicht generell für den Zeitraum der Schließung erlassen?

Anke Rehlinger, stellvertretende Ministerpräsidentin:

Das Bildungsministerium arbeitet an einer Lösung. Es geht darum, dass Eltern beim Träger einen Antrag stellen, um von den Gebühren befreit zu werden. Dann kann das Land den Trägern die nicht gezahlten Kita-Gebühren ersetzen, damit auch den Erzieherinnen und Erziehern nicht gekündigt werden muss. Aber ein Appell: Vielleicht ist auch der ein oder andere Haushalt dabei, der es verschmerzen könnte und die Kita-Gebühren trotzdem zahlt. Denn mit dem Geld ließe sich an anderer Stelle helfen, wo es vielleicht nötiger ist.


Muss man davon ausgehen, dass die Schulen und Kindergärten noch länger geschlossen bleiben als bis nach den Osterferien?

Anke Rehlinger, stellvertretende Ministerpräsidentin:

Das kann man jetzt noch nicht sagen. Ob wir verlängern, machen wir  von den Ergebnissen, der Entwicklung der Infektionszahlen, abhängig. Klar ist, dass Dinge, die unser Leben einschränken, nicht länger angeordnet werden als unbedingt notwendig. Aber wenn es notwendig ist, dann werden Schulen und Kindergärten auch länger geschlossen bleiben. 


Ist es möglich, dass die Sommerferien in diesem Jahr gekürzt werden, damit die SchülerInnen Inhalte nachholen können?

Anke Rehlinger, stellvertretende Ministerpräsidentin:

Damit hat sich die Landesregierung noch nicht wirklich befasst. Jetzt gilt es erst einmal in den nächsten 14 Tagen zu schauen, wie wirksam das Programm ist, das wir aufgelegt haben. Danach wird sich alles andere klären.



Was kann man tun, wenn man mit der auferlegten Ruhe nicht klarkommt, die die Kontaktsperre mit sich bringt?

Andrea Dixius, Psychotherapeutin:

Für Personen, die mehr Schwierigkeiten damit haben und bei denen die Ängste im Vordergrund stehen, wäre es sinnvoll zu überlegen: Wie kann ich mich aus dem Dauerstress rausholen? Dabei helfen Routinen, sich eine Tagesstruktur aufrecht zu erhalten. Zudem haben wir immer noch Gelegenheit raus zu gehen: Bewegung und Sport sind enorm wichtig. Das hilft Stress abzubauen, physiologisch und auch psychisch. Es hilft auch, sich abzulenken. Es kann auch sein, dass es gut tut, sich ganz bewusst abzulenken oder Entspannungstechniken oder Atemtechniken zu machen. Hilfreich kann auch sein, sich bewusst abzulenken und nicht dauernd Fernsehsendungen zu schauen, die einen dann noch weiter beunruhigen.


Wie kann man Kindern Ängste nehmen?

Andrea Dixius, Psychotherapeutin:

Es ist wichtig, den Kindern Zeit zu geben, über die Ängste zu reden und ihnen zuzuhören. Vor allem sollten die Kinder ernst genommen werden mit ihren Ängsten. Insgesamt empfehlenswert ist es für Familien, Routinen zu entwickeln und zu besprechen: Was ist denn jetzt plötzlich anders? Wie können wir das Familienleben gestalten? Welche altersgemäßen Aufgaben können Kinder auch übernehmen? Wichtig ist, viel zu loben, nicht so viel zu kritisieren.



Deutsche Grenzgänger mit deutscher Krankenversicherung, die in Frankreich wohnen, müssen bei Symptomen einer Grippe zum französischen Arzt. Die meisten haben aber keinen französischen Hausarzt und werden in diesen Zeiten auch nicht mehr als neuer Patient aufgenommen. Wo sollen sich erkrankte deutsche Bürger hinwenden?

Dr. Jürgen Rissland, Virologe:

Wenn jemand Mitglied der deutschen gesetzlichen Krankenversicherung ist, hat er auch Anspruch auf eine Behandlung in Deutschland, aber in der jetzigen Situation mit den Grenzschließungen erst, wenn ein medizinischer Notfall vorliegt. Dass bei milden Symptomen das französische Gesundheitssystem etwas anders läuft als unseres, ist nachvollziehbar, gerade wenn man die Situation in der Region Grand Est derzeit sieht. Man sollte aber durchaus, wenn man in Frankreich wohnt, bei einem deutschen Arzt anrufen und fragen, ob man vorbeikommen kann.


Ich wohne in Deutschland. Kann ich aktuell meinen Lebenspartner in Frankreich besuchen?

Anke Rehlinger, stellvertretende Ministerpräsidentin:

Theoretisch geht das – aber wenn man zurückkommt, wird man zu einem Quarantänefall. So ist die aktuelle Regelung. Es gibt einen Sonderfall: wenn der Lebenspartner Grenzgänger ist, und hier in Deutschland arbeitet. Dann könnte er für die Zeit der Krise seinen Wohnsitz zu seiner Freundin verlagern.


Den SR haben noch viel mehr Fragen erreicht, als in der Sendung beantwortet werden konnten. Diese Fragen sind aber nicht verloren. Wir werden uns weiter darum kümmern und versuchen, so viele wie möglich in unserem Programm für Sie zu beantworten.

Über dieses Thema wurde in der Sendung "Saarthema extra" vom 26.03.2020 berichtet.

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