Saarthema Extra (Foto: SR)

Experten antworten auf Ihre Fragen

  19.03.2020 | 23:21 Uhr

Massive Einschränkungen des öffentlichen Lebens, immense Folgen für die Wirtschaft: Die Covid-19-Pandemie bestimmt unser Handeln. Im Rahmen der Sondersendung „Saarthema extra – wie Corona unser Leben verändert“ konnten SR-Nutzer Fragen stellen. Experten haben sie beantwortet – wir fassen die Antworten zusammen.

Kommt bald die Ausgangssperre? Wie sollen sich Eltern ihren Kindern gegenüber verhalten? Gibt es Hilfe für 450-Euro-Kräfte, die jetzt um ihre Jobs bangen? Diese und weitere Fragen haben Saarländerinnen und Saarländer den Experten gestellt. Fragen und Antworten in der Zusammenfassung.


SAARTHEMA EXTRA: Wie Corona unser Leben verändert
Video [SR Fernsehen, (c) SR, 19.03.2020, Länge: 45:00 Min.]
SAARTHEMA EXTRA: Wie Corona unser Leben verändert




Was ist unter der Tröpfcheninfektion zu verstehen?

Dr. Josef Mischo, Präsident Ärztekammer des Saarlandes:

Dabei handelt es sich um winzige Flüssigkeitströpfchen, die sich im Nasen- und Rachenraum befinden. Beim Husten oder Niesen werden die Tröpfchen durch die Luft geschleudert. Wer dicht bei seinem Gegenüber ist, nimmt die Tröpfchen mit dem Atem auf, die Tröpfchen setzen sich auf der Schleimhaut fest und dann kann es zu einer Infektion kommen.


Kann man sich über Flächen anstecken, die von Erkrankten berührt worden sind?

Dr. Josef Mischo, Präsident Ärztekammer des Saarlandes:

Im Prinzip, ja. Das Virus ist in Flüssigkeitströpfchen aus dem Nasen- und Rachenraum. Wenn man beispielsweise in die Hand niest und dann mit dieser Hand einen Treppenlauf anfasst, dann sind die kleinen Tröpfchen auf dem Treppenlauf. Sie werden mit der Zeit abtrocknen, aber zunächst sind sie noch infektiös.


Wie lange bin ich noch ansteckend, nachdem ich positiv auf Corona getestet wurde und kann ich noch Weitere anstecken, wenn der Virus in mir abgeklungen ist?

Dr. Josef Mischo, Präsident Ärztekammer des Saarlandes:

Man ist solange ansteckend, solange der Virus auf der eigenen Schleimhaut nachzuweisen ist. Das heißt, erst wenn bei einem Abstrich keine Viren auf der Schleimhaut mehr gefunden werden, dann ist man nicht mehr infektiös. Es könnte also sein, dass ein Patient noch andere anstecken kann, obwohl bei ihm selbst die Symptome schon abgeklungen sind.


Müssen Menschen, die bisher Hilfe von ambulanten Pflegediensten bekommen haben, ins Heim, wenn den Mitarbeiterinnen der Pflegedienste Mundschutz und ähnliches ausgehen?

Stephan Kolling, Leiter Corona-Krisenstab der saarländischen Landesregierung:

Nein, sie müssen nicht ins Heim. Es gibt noch Mundschutze und über den Bund wird eine Tranche von zehn Millionen Mundschutzen in den nächsten Stunden ins Saarland kommen. Diese werden in den Praxen, in den Krankenhäusern, beim Pflegedienst oder auch in den Alteneinrichtungen verteilt. Am Donnerstag hat das Saarland zudem weitere drei Millionen Mundschutze bestellt.


Wie werden die Corona-Tests künftig organisiert?

Stephan Kolling, Leiter Corona-Krisenstab der saarländischen Landesregierung:

In der kommenden Woche werden in jedem Landkreis weitere Teststationen öffnen.


Ist bei dem weltweiten Umgang mit Corona die Verhältnismäßigkeit gegeben?

Dr. Josef Mischo, Präsident Ärztekammer des Saarlandes:

Absolut, ja! Wenn man sich anschaut, wie schnell man sich mit dem Virus infizieren kann und wie hoch die Zahlen derer sind, die krank werden und wie viele davon ernsthaft krank werden oder sogar – gerade bei Vorerkrankungen – sterben können, dann sind die getroffenen Maßnahmen notwendig.


Wird in ein paar Monaten eine zweite Welle des Virus kommen?

Dr. Josef Mischo, Präsident Ärztekammer des Saarlandes:

Im Moment lässt sich diese Frage noch nicht beantworten, dafür sind das Virus und sein Verlauf noch zu unbekannt. Bekannt ist, dass Personen, die sich einmal infiziert hatten, danach zunächst immun gegen das Virus sind. Ob diese Immunität ein Leben lang hält oder ob sie wieder abklingt, das ist momentan noch offen.


Wer kümmert sich um obdachlose Menschen, die nicht krankenversichert sind?

Dr. Josef Mischo, Präsident Ärztekammer des Saarlandes:

Es ist im ärztlichen Berufsrecht verankert, dass jeder behandelt wird. Erst in zweiter Linie wird geregelt, wie sich der Fall versicherungstechnisch darstellt.



Wann kommt die Ausgangssperre?

Anke Rehlinger, stellvertretende Ministerpräsidentin und Wirtschaftsministerin:

Wir haben bisher klare Entscheidungen getroffen, von denen wir dachten, dass sie ausreichen. Aber viele halten sich nicht an die Empfehlungen. Wenn die Regeln nicht eingehalten werden, braucht es weitere, einschneidende Maßnahmen. Gegebenenfalls auch eine Ausgangssperre. Wir haben Verantwortung für die Gesamtheit der Menschen. Und die Unvernunft Einiger darf nicht die Gesundheit vieler Anderer gefährden.


Darf man sich im Falle einer Ausgangssperre noch frei bewegen in Deutschland, zum Beispiel, um Verwandte in einem anderen Bundesland zu besuchen?

Anke Rehlinger, stellvertretende Ministerpräsidentin und Wirtschaftsministerin:

Wenn eine Ausgangssperre kommt, wären wir gut beraten, das nicht in einzelnen Bundesländern unterschiedlich umzusetzen. Sondern das sollte gemeinsam auch mit der Bundesregierung beschlossen werden. Der Blick muss auf den Einzelfall gelegt werden, der Anlass ist entscheidend. Beispielsweise wenn jemand im Sterben liegt, ist das was anderes, als wenn es der 7. Geburtstag der Nichte ist. Grundsätzlich gilt aber: Jeder Besuch, jede Fahrt, sollte besser vermieden werden.


Darf im Falle einer Ausgangssperre der eigene Garten noch genutzt werden?

Anke Rehlinger, stellvertretende Ministerpräsidentin und Wirtschaftsministerin:

In den eigenen privaten Garten darf man, man sollte aber nicht die ganze Nachbarschaft einladen. Der Kreis, in dem man sich bewegen sollte, das ist die eigene Familie. Das gilt auch für den Garten.


Wie kann man seine Tiere, die im Stall außerhalb des eigenen Zuhauses leben, versorgen?

Anke Rehlinger, stellvertretende Ministerpräsidentin und Wirtschaftsministerin:

Wir haben dazu auch schon einige Fragen gehabt, wie die Allgemeinverfügung ausgelegt wird. Meine Tendenz geht dahin: Wir müssen hier das Wohl der Tiere im Blick behalten, aber gleichzeitig muss auch der Abstand zu anderen Menschen eingehalten werden. Das ist dann kein Vereinstreffen, aber wo es darum geht, die Tiere zu versorgen, oder auch um ihre Bewegung zu organisieren, sollte das gehen. Wer Fragen dazu hat, kann sich ans Wirtschaftsministerium wenden.


Wer stellt im Falle einer Ausgangssperre Bescheinigungen aus, damit Beschäftigte zur Arbeit gehen können?

Stephan Kolling, Leiter Corona-Krisenstab der saarländischen Landesregierung:

Wer zur Arbeit muss, wird eine Genehmigung brauchen. Wir sind derzeit noch in der Diskussion, wie die Genehmigung dann aussehen muss.



Wie können Heilberufe wie Ergotherapeuten oder Physiotherapeuten noch arbeiten?

Anke Rehlinger, stellvertretende Ministerpräsidentin und Wirtschaftsministerin:

Zuerst gibt es immer die Möglichkeit, auf das eigene Finanzamt zuzugehen, eine Steuerstundung zu beantragen und die Vorauszahlungen anzupassen. Dann gibt es die Möglichkeit, auf die Hausbanken zuzugehen. Bei laufenden Krediten gibt es dort auch Möglichkeiten. Ich habe heute mit allen Banken gesprochen und darum gebeten, flexibel unterwegs zu sein. Dann gibt es die Möglichkeit, auch Kurzarbeitergeld zu beantragen. Das geht auch online über die Plattform der Bundesagentur für Arbeit. Und es gibt auch das Programm für Kredite, hundert Prozent verbürgt vom Land, damit auch vernünftige Kreditkonditionen herauskommen. Wir haben das Programm aufgestockt auf 25 Millionen Euro. Der letzte Baustein sind direkte Zuschusszahlungen zwischen 3000 und 10.000 Euro, je nach Größe des Unternehmens, der, wenn alle Angaben stimmen, nicht zurückgezahlt werden muss. Das Programm wird der Ministerrat am Dienstag verabschieden.


Welche finanziellen Hilfen gibt es für Fahrlehrer?

Carsten Meier, Geschäftsführer Industrie- und Handelskammer:

Ein selbstständiger Fahrlehrer kann eine vom Land angekündigte Finanzierungshilfe nutzen. Das Programm hilft gerade den Solo-Selbstständigen, den Klein-Unternehmen. Die brauchen jetzt schnelle Hilfen, denn deren Umsätze sind teilweise über Nacht auf 0 zurückgegangen.


Welche Unterstützung gibt es für freiberufliche Musiker?

Anke Rehlinger, stellvertretende Ministerpräsidentin und Wirtschaftsministerin:

Da gelten im Prinzip dieselben Regelungen wie für alle Freiberufler. Betroffene sollten sich an die Hausbank wenden oder an die Saarländische Kreditbank oder auf der Internet-Seite des Wirtschaftsministeriums nachschauen. Ab Dienstag werden dort die Antragsformulare stehen, damit die Hilfen schnell beantragt werden können. Das ist völlig unabhängig von der Branche.


Gibt es eine Lohnfortzahlung für 450-Euro-Kräfte?

Carsten Meier, Geschäftsführer Industrie- und Handelskammer:

Ein ganz klares Ja. Es besteht ein Anspruch gegenüber dem Arbeitgeber, wenn beispielsweise der Betrieb auf behördliche Anordnung geschlossen wurde.



Warum hamstern die Leute beim Einkauf?

Onur Kirik, Psychologe:

Wir befinden uns in einer Situation, die unserer Generation so nicht bekannt ist. Menschen sind aber Gewohnheitstiere, heißt wir haben uns Strategien und Muster zurechtgelegt, die uns bei der Alltagsbewältigung behilflich sind. Aufgrund der aktuell so instabilen Situation erleben wir einen Kontrollverlust und Hilflosigkeit. Das erzeugt Angst. Und Bilder etwa in sozialen Netzwerken, die leere Regale zeigen, oder Fake-News, die verbreitet werden, führen dazu, dass sich die Angst weiter in der Bevölkerung verbreitet. Das Hamstern stellt dabei eine Strategie dar, um das Stresslevel zu reduzieren, um gewappnet zu sein, um gegen das Virus anzukommen.


Wie können Leute mit der veränderten Situation, etwa möglichst nicht mehr rauszugehen, zurechtkommen?

Onur Kirik, Psychologe:

Es ist wichtig, neue Rituale einzuführen. Einfache Strategien sind zum Beispiel, zu einer bestimmten Zeit die Lieblingsmusik zu hören oder mit den Enkeln zu telefonieren. So lässt sich in der neuen Situation eine Struktur schaffen.


Wie sollte man sich seinen Kindern gegenüber verhalten in der aktuellen Situation?

Onur Kirik, Psychologe:

Es ist ganz wichtig, dass Erwachsene für die Kinder als Vorbilder fungieren und Ruhe bewahren. Die eigene Unsicherheit sollte sich möglichst nicht auf die Kinder übertragen. Allerdings sollte man die Thematik schon sachlich und kindgerecht ansprechen, um sie den Kindern transparent zu machen.


Was kann man tun gegen Fake-News und negative Stimmungsmache im Internet?

Onur Kirik, Psychologe:

Wir erleben derzeit eine Reizüberflutung an Informationen über verschiedene soziale Netzwerke. Es ist wichtig, dass wir uns da auf bestimmte Netzwerke konzentrieren, wie etwa die Informationen, die das Robert-Koch-Institut rausgibt.


Den SR haben noch viel mehr Fragen erreicht, als in der Sendung beantwortet werden konnten. Diese Fragen sind aber nicht verloren. Wir werden uns weiter darum kümmern und versuchen, so viele wie möglich in unserem Programm für Sie zu beantworten.

Über dieses Thema wurde in der Sendung "Saarthema extra" vom 19.03.2020 berichtet.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja