Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus (Foto: dpa/Ralf Hirschberger)

Saarland erinnert an NS-Euthanasiemorde

Das Gespräch führte Leonie Rottmann   27.01.2021 | 08:05 Uhr

Hunderttausende Menschen wurden von den Nationalsozialisten im Euthanasieprogramm ermordet – die Nazis wollten „lebensunwertes Leben“ beenden. Warum der Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus im Saarland in diesem Jahr vor allem den Morden an psychisch Kranken und Menschen mit Behinderung gewidmet wird, erklärt Martin Kaiser von der Saarländischen Psychiatrie-Stiftung Merzig.

Landtag gedenkt Opfern des Holocaust online
Audio [SR 3, (c) SR, 27.01.2021, Länge: 00:49 Min.]
Landtag gedenkt Opfern des Holocaust online

Das Euthanasieprogramm in der Zeit des Nationalsozialismus forderte Hunderttausende Menschenleben. Das, was die Nazis „lebensunwertes Leben“ nannten, sollte aus der Gesellschaft entfernt werden. Dazu gehörten Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen sowie psychisch kranke Menschen.

Seit 25 Jahren findet am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz im Jahr 1945, der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus statt. Im Saarland liegt der Fokus in diesem Jahr auf den Patientenmorden. Welche Auswirkungen die auch heute noch auf die Gesellschaft haben, erläutert Martin Kaiser von der Saarländischen Psychiatrie-Stiftung in Merzig.

Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus
Ich wäre so gerne heimgekommen


SR.de: Warum steht der Gedenktag im Saarland in diesem Jahr unter der Überschrift „Die Patientenmorde im Nationalsozialismus und die Opfer“?

Kaiser: Im Saarland gibt es besondere Schicksale von Menschen mit psychischen Erkrankungen, die in den beiden damaligen zentralen Anstalten unseres heutigen Saarlandes untergebracht waren – dem heutigen Universitätsklinikum in Homburg und im Landeskrankenhaus Merzig.

In Merzig wurden rund 800 Patienten in der Nacht zum 1. September 1939 – also dem Beginn des Zweiten Weltkriegs und dem Tag des Überfalls auf Polen – nachts in Zugwaggons weggebracht und in verschiedene andere Anstalten im damaligen Reichsgebiet verbracht. Diese Menschen verloren zum größten Teil während der Evakuierung ihr Leben.

Museum für Psychiatriegeschichte macht auf NS-Euthanasieprogramm aufmerksam
Audio [SR 3, Patrick Wiermer, 27.01.2021, Länge: 03:12 Min.]
Museum für Psychiatriegeschichte macht auf NS-Euthanasieprogramm aufmerksam

SR.de: Wie haben die Menschen ihr Leben verloren?

Kaiser: Es steht fest, dass die meisten umgebracht wurden. Familien wurde zum Beispiel mitgeteilt, dass ihr Angehöriger an einer Lungenentzündung verstorben sei, in Wahrheit aber wurde er im Tötungsprogramm umgebracht. Nur etwa 80 und damit ungefähr zehn Prozent kamen nach dem Krieg zurück. Diese psychisch kranken Menschen waren von der Erbgesundheitsgesetzgebung und der Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ in menschenverachtender Weise betroffen.

Dabei spielte die Psychiatrie eine wichtige Rolle: Sie wurde in der NS-Zeit zunehmend als Instrument der Verfolgung bis hin zur Vernichtung von psychisch Kranken und geistig Behinderten missbraucht. Getötet wurden sie auf unterschiedliche Weise, von Hungersterben bis zur Gaskammer.

Was ist das Erbgesundheitsgesetz?
Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933 diente in der NS-Zeit der sogenannten „Rassenhygiene“. Es regelte die Zwangssterilisierung vermeintlich Erbkranker und Alkoholiker. Als erbkrank galten zum Beispiel Menschen mit Schizophrenie oder körperlichen Behinderungen wie Blindheit oder Taubheit.

SR.de: „Lebensunwertes Leben“ beseitigen – das war das Ziel des Euthanasie-Programms. Was genau ist darunter zu verstehen?

Kaiser: Der Begriff Euthanasie bedeutet „Guter Tod“ und ist somit vor allem eine Beschönigung, die sich aber etabliert hat. Im sogenannten Euthanasie-Programm wurden Menschen mit psychischen Erkrankungen und psychischen oder geistigen Behinderungen umgebracht. Darunter waren Personen, die wir heute keinesfalls mehr als geistig oder psychisch behindert zuordnen würden.

SR.de: Welche psychischen Erkrankungen führten am häufigsten dazu, dass die Menschen verfolgt und getötet wurden?

Kaiser: Ganz besonders durch die Verfolgung in der Nazi-Zeit gefährdet waren alle Arten von wahnhaften und alle chronisch verlaufenden Erkrankungen, weil Menschen mit diesen schwerwiegenden Problemen der Nutzen für die Gesellschaft abgesprochen wurde. Am häufigsten waren Menschen mit der Diagnose einer schizophrenen Erkrankung, aber auch einer geistigen Behinderung vom Euthanasie-Programm betroffen.

SR.de: Was ist passiert, wenn eine psychische Erkrankung diagnostiziert wurde?

Kaiser: Wenn eine psychische Erkrankung diagnostiziert wurde, wurden die Menschen oft in eine psychiatrische Klinik gebracht. Damals wurden Psychiatrien noch oft ganz offiziell Irrenanstalt genannt. Manche blieben, unabhängig von den Entwicklungen der NS-Zeit, ihr Leben lang dort. Sie waren von ihrer Familie und ihrem gesamten sozialen Umfeld isoliert.

Saarland veröffentlicht Opfer-Liste

Das Landesarchiv Saarland hat eine vorläufige Liste saarländischer Euthanasie-Opfer des NS-Regimes veröffentlicht. Die Liste umfasst anfangs etwa 670 Personennamen und soll noch erweitert werden. Die Gesamtzahl der Euthanasie-Opfer im Saarland könnte knapp dreimal so hoch liegen.

SR.de: Der Umgang mit psychisch kranken Menschen hat sich seit der Zeit des Nationalsozialismus deutlich gewandelt. Was waren die wichtigsten Meilensteine?

Kaiser: Von der NS-Zeit, also den 30er- und 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts, bis heute ist ein großer Zeitraum, in dem sich in Etappen Veränderungen ergaben. Die Aufarbeitung des Umgangs mit psychisch Kranken und geistig Behinderten war zäh und schwierig, zumal auch in diesem Bereich viele Funktionsträger nach dem Krieg im Dienst blieben.

Ein erster Schritt war die Aufarbeitung der Vergehen in den Nürnberger Ärzteprozessen, wobei sich die Zustände in den Anstalten und damit die Versorgung psychisch kranker Menschen bis in die 60er-Jahre hinein kaum veränderten.

Erst im Jahre 1975 führte die sogenannte „Psychiatrie-Enquête“ zum ersten Mal zu entscheidenden Veränderungen, mit gleichwertiger Behandlung von psychisch und körperlich Kranken. In psychiatrischen Kliniken waren damals zumeist noch Krankensäle mit zehn bis 20 Betten üblich, die Häuser waren überfüllt, es gab kaum Personal. Im damaligen Landeskrankenhaus Merzig kam auf 100 bis 150 Patienten ein Arzt. Die wesentliche Arbeit wurde von Krankenpflegern geleistet.

SR.de: Sie sehen aber weiter Handlungsbedarf?

Kaiser: Seit Jahrzehnten sind Entstigmatisierungskampagnen immer wieder in Gang gebracht worden, wobei nach meiner inzwischen auch schon Jahrzehnte dauernden Erfahrung der Erfolg und allgemein die Resonanz immer noch unter dem bleibt, was bei dem gebotenen Einsatz zu erwarten wäre. Es gibt inzwischen eine Vielzahl an etablierten Initiativen wie Selbsthilfegruppen und Bündnisse.

Zuletzt wurde von Seiten der Bundesregierung im Oktober 2020 eine Offensive zur psychischen Gesundheit gestartet, die – so wie ich es wahrgenommen habe – allerdings komplett vom Thema Corona verdrängt wurde.

SR.de: Psychische Erkrankungen sind bis heute vielfach ein Tabu-Thema in der Gesellschaft. Warum sprechen wir so wenig darüber?

Kaiser: Umgang mit und Haltung zu den psychisch Kranken in der Gesellschaft sind noch immer kritisch anzusehen. Zum einen ist es nach wie vor notwendig, dass wir in unserer Gesellschaft für einen offenen Umgang mit dem Thema „psychische Erkrankung“ werben. Auch heute ist die Annahme noch gegenwärtig, dass es sich bei psychisch kranken Menschen um „Nichtstuer“ handelt.

Auch im Bereich der klinischen Versorgung ist nach wie vor eine größere Lobby für Menschen mit körperlichen Erkrankungen da als für Menschen mit psychischen Krankheiten. Dazu kommt, dass psychisch kranke Menschen sich sehr häufig selbst nicht im angemessenen Maße vertreten können beziehungsweise bei einem „Outing“ als psychisch Kranker Nachteile befürchten.

Dass heute so wenig über psychische Erkrankungen gesprochen wird, scheint mir wenig in der Verbindung zur Geschichte der NS-Zeit begründet zu sein. Psychische Störungen sind schwer fassbar und damit ist die Angst der Menschen, mit solchen Erkrankungen in Kontakt zu kommen, nach wie vor groß. Psychische Erkrankungen sind nicht ansteckend, aber sie betreffen die Menschen – und das spürt jeder – in einer umfassenderen Weise als eine Blinddarmentzündung oder ein Beinbruch.

SR.de: Welche Lehren haben wir aus der Zeit des Nationalsozialismus gezogen?

Kaiser: Die Erinnerung an die Geschichte ist wichtig – gerade in unserer heutigen Zeit, in der viele Formen von Extremismus wieder stark werden. Deswegen müssen wir den Menschen nahe bringen, wie wichtig das Zusammenwirken zwischen medizinisch psychotherapeutischen und umweltbezogenen Maßnahmen ist. Damit findet im besten Falle nicht nur ein weitergehendes Verständnis, sondern eine komplette Entstigmatisierung dieser Erkrankungen statt. Das ist wichtig, damit das, was im Dritten Reich unter dem Nazi-Regime bei uns in Deutschland passiert ist, nicht wieder geschehen kann.

SR.de: Vielen Dank für das Gespräch.

Über dieses Thema hat auch die SR 3-Rundschau am 27.01.2021 berichtet.

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