Severin Rech in Hongkong (Foto: Severin Rech)

"Die Angst war immer da"

Roswitha Böhm   03.12.2019 | 16:30 Uhr

Straßensperren, Molotowcocktails, Polizeigewalt: Seit Monaten herrscht Ausnahmezustand in Hongkong. Hunderttausende Menschen demonstrieren gegen die zunehmende Einflussnahme Chinas. Während seines Auslandsemesters hat der saarländische Student Severin Rech die Proteste vor Ort miterlebt. Weil es ihm zu gefährlich wurde, ist er nun zurückgekehrt.

Interview: "Nach der Rückkehr hab ich Freiheit mehr geschätzt"
Audio [SR 3, Interview: Nadine Thielen, 03.12.2019, Länge: 03:39 Min.]
Interview: "Nach der Rückkehr hab ich Freiheit mehr geschätzt"

Einmal wacht Severin Rech mitten in der Nacht von Geschrei auf. Vor seinem Wohnheim ganz in der Nähe der Hong Kong University, wo er studiert, herrscht Aufruhr. Zusammen mit seinem Zimmergenossen schaut er nach draußen: Unten auf der Straße hat die Polizei eine Straßensperre errichtet. Die Beamten durchsuchen Minibusse und Taxis nach Demonstrantinnen und Demonstranten. Wer Protest-Ausrüstung dabei hat, wird mitgenommen. Die Menschen auf der Straße sind aufgebracht, sie schreien und beleidigen die Polizisten. „Da hat man wirklich gemerkt, da kann es jetzt bald zu einer Auseinandersetzung kommen“, erinnert sich der Student aus Marpingen.

Seit Juni kommt es in Hongkong regelmäßig zu Protesten. Die Menschen fordern mehr Demokratie. Sie sind der Meinung, dass die chinesische Regierung zu viel Einfluss auf die Regierung in Hongkong nimmt und immer mehr über die Stadt bestimmen will. Hongkong gehört zwar zu China, ist aber als Sonderverwaltungszone selbstbestimmt. Als Severin im August in Hongkong ankommt, sind die Demonstrationen noch größtenteils friedlich. Während seines Aufenthalts werden sie aber immer extremer, Steine fliegen und die Polizei setzt Tränengas gegen die Demonstrantinnen und Demonstranten ein.

Eskalation am Staatsfeiertag

Einen ersten Höhepunkt erreichen die Proteste am ersten Oktober, dem chinesischen Staatsfeiertag. „Das war sehr bedrohlich, weil man nicht mehr aus seinem Wohnheim rauskam“, erinnert sich Severin. „Jede Metrostation war geschlossen. Und das war auch das erste Mal in der Geschichte Hong Kongs, dass alles dicht war.“

Severin Rech (Foto: SR)
Severin Rech

Von seinem Wohnheimzimmer aus verfolgt er die Geschehnisse im Internet per Livestream. „In jedem Stadtteil ist Tränengas eingesetzt worden, es wurde scharf geschossen von Seiten der Polizei und es gab unheimlich viele Verhaftungen an diesem Tag.“ Während Severin zu Hause bleibt, nehmen viele seiner Mitbewohnerinnen und Mitbewohner an den Protesten teil. Severin erinnert sich gut an ihren Anblick, als sie ins Wohnheim zurückkommen: „Man hat halt gesehen, dass die echt mitgenommen waren. Sie haben teilweise Kontakt mit Tränengas gehabt. Und sie haben gesagt, sie müssen jetzt ganz schnell ihr Protestzeug verstecken. Die Polizei kommt wahrscheinlich bald hier die Wohnheime durchsuchen.“

Überall Spuren der Proteste

Zerstörte Fenster (Foto: Severin Rech)
Zerstörte Fenster nach Protesten

Severin selbst versucht die Demonstrationen so gut es geht zu meiden. Er orientiert sich dafür an einem Protestplan, der über das Internet veröffentlicht wird. Trotzdem wird der Lehramtsstudent einige Male direkt Zeuge: Er beobachtet, wie sich die Demonstrantinnen und Demonstranten versammeln und die Polizei Straßen absperrt. Und er sieht die Spuren der Proteste in der Stadt: Kaputte Schaufenster, in Brand gesetzte Ausgänge an einer Metrostation und einen Bürgersteig, aus dem die Pflastersteine herausgerissen und auf die Straße geworfen wurden. Die Slogans der Demonstranten begegnen ihm überall: „Free Hong Kong“ oder „Give us Liberty Or Give Us Death“ steht als Graffiti an den Hauswänden.

Am meisten bekommt Severin aber über seine Kommilitoninnen und Kommilitonen mit. „Der Protest ist ja relativ jung“, sagt der 21-Jährige, „Der Großteil ist so in meinem Alter.“ So gut wie alle seiner Mitstudentinnen und Mitstudenten nehmen an den Demos teil, friedlich, wie er betont. „Die möchten einfach nicht gleichgeschaltet werden. Da ist ein unheimlicher Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung.“

Unter den Studierenden kursieren Filmaufnahmen und Erzählungen von Polizeigewalt. Besonders schockiert ist Severin von einem Video, das zeigt, wie Polizeikräfte angeblich eine schwangere Demonstrantin zusammenschlagen. Nachdem Anfang November ein Student während der Proteste stirbt, kocht die Stimmung weiter hoch. Und die Lage wird auch für Severin immer unübersichtlicher. Der Protestplan, nach dem er sich bisher gerichtet hatte, um Demos zu umgehen, ist nicht mehr verlässlich. Und plötzlich werden die Unis zum Zentrum der Proteste.

Die Proteste erreichen die Unis

„Das kam für mich sehr überraschend“, sagt Severin. Demonstrantinnen und Demonstranten besetzen die Polytechnische Universität. „Da gab es richtige Kämpfe. Die haben da ja mit Pfeil und Bogen auf die Polizei geschossen und auch Katapulte gebaut, ,die dann Molotowcocktails geschossen haben.“ Und auch Severins eigene Hochschule, die Hong Kong University ist betroffen, wenn auch weniger stark. „Meine Uni war zwei bis drei Tage besetzt. Aufzüge sind kaputt gemacht worden, Eingänge wurden mit Stühlen und schweren Spinden blockiert.“

Straßensperre bei der Hong Kong University (Foto: Severin Rech)
Straßensperre bei der Hong Kong University

Als Reaktion darauf, reisen die meisten seiner Mitbewohnerinnen und Mitbewohner ab. Sein Wohnheim gleicht einer Geisterstadt. Als seine Uni wieder frei ist, fährt Severin noch einmal mit Freunden hin. Sie sehen die blockierten Eingänge und die Straßensperren, nur fünf Minuten von ihrem Wohnheim entfernt. Und dort fällt die Entscheidung: „Dann haben wir entschieden, wir packen.“  Am 19. November kommt er ins Saarland zurück. Von hier verfolgt er die Hongkonger Bezirkswahlen und freut sich darüber, wie gut das prodemokratische Lager abschneidet.

„Es war nicht das Standard-Auslandssemester, das gebe ich zu“, resümiert er. Aber missen möchte er seine Erfahrungen in Hongkong trotzdem nicht. „Ich war sehr inspiriert von dem Mut, den viele meiner Kommilitonen hatten. Und es war schön, dass ich dort so viele engagierte junge Menschen kennenlernen konnte.“

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