Frühstück im Dorfgemeinschaftshaus (Foto: Celine Kuklik/SR)

Remmesweiler versucht die "smarte" Lösung

Nils Crauser   15.09.2020 | 16:02 Uhr

In vielen Gemeinden verschwinden immer mehr Geschäfte des täglichen Bedarfs. Vor allem für weniger mobile und ältere Menschen ist das eine große Herausforderung. Das mussten auch die Bewohner von Remmesweiler im Nordsaarland erfahren. Mit dem Projekt Smart Village wurde eine Lösung gefunden.

Im Fenster hängt noch ein vergilbtes Werbeposter für „köstlich, knusprig, frische Brötchen“. Auch die Schilder außen zeigen, dass hier einmal der Dorfladen von Remmesweiler war.

Video [aktueller bericht, 15.09.2020, Länge: 3:21 Min.]
Remmesweiler wird zur Smart Village

Kein Dorfladen mehr

Seit Jahren ist das Geschäft geschlossen. Für die Einwohner der 900-Seelen Gemeinde im Nordsaarland war das ein schwerer Schlag. Plötzlich waren sie abgehängt. Einkaufen ging nur noch im sechs Kilometer entfernten St. Wendel.

Der Pensionär Rudolf Jochum erinnert sich: „Gerade für die älteren Leute war es schwierig. Die mussten sich Hilfe suchen, dass sie jemand mitgenommen hat in den Supermarkt.“ Mit dem Laden sei auch ein wichtiger Ort für den Austausch verschwunden.

Der geschlossene Dorfladen (Foto: Celine Kuklik/SR)
Der geschlossene Dorfladen

Remmesweiler wird smart

In dieser Zeit gab es das Bundesprogramm „Land(auf)Schwung“. Ländliche Regionen sollten gefördert werden - die Lösung für Remmesweiler. Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Ehrenamt setzten sich zusammen. Das Pilotprojekt Smart Village Remmesweiler entstand.

Das Ziel war der Aufbau einer eigenen Bestellplattform mit regionalen Produkten. Mittlerweile sind elf Händler beteiligt. Es gibt alles für den täglichen Bedarf.

Bestellen gehört zum Alltag

Für viele Dorfbewohner gehört das Bestellen zum Alltag. Wenn Rudolf Jochum mit seinem Laptop auf seiner Terrasse sitzt, kommt er richtig ins Schwärmen für das Rinderfilet vom nahe gelegenen Hof.

Aber auch die Lehrerin Elisabeth Krob bestellt auf der Plattform, obwohl sie mobil und fit ist. Sie geht nicht gerne einkaufen und findet das Angebot einfach praktisch. „Ich mache hier meinen ganzen Wocheneinkauf“, sagt sie.

Der Ort rückt zusammen

Doch das Projekt Smart Village hat noch einen weiteren wichtigen Aspekt: Die Dorfbewohner sollen wieder einen Ort haben, an dem sie regelmäßig zusammenkommen. Deshalb gibt es jeden Donnerstag im Dorfgemeinschaftshaus ein gemeinsames Frühstück, bei dem die bestellte Ware ausgeteilt wird.

Frühstück im Dorfgemeinschaftshaus (Foto: Celine Kuklik/SR)
Frühstück im Dorfgemeinschaftshaus

Für viele im Ort ist das Treffen ein Highlight der Woche: endlich mit Leuten reden, die man so nicht jeden Tag sieht. Schon kurz nach Beginn des Frühstücks ist fast jeder Platz besetzt. Das Klappern von Geschirr und Kaffeetassen vermischt sich mit den Gesprächen der Dorfbewohner zu einer wohligen Geräuschkulisse. 

Ehrenamtliche Coaches

Damit alles rund läuft, gibt es zwei ehrenamtliche Dorfcoaches. Sie verteilen die Waren, helfen bei technischen Problemen und haben immer ein offenes Ohr. Beide waren von Anfang an dabei. „Es ist eine Art Anerkennung die man spürt. Die Leute merken, dass wir für sie da sind. Das ist ein richtig gutes Gefühl“, sagt Coach Bernd Engel.

Dorfcoaches (Foto: Celine Kuklik/SR)
Dorfcoaches

Wenn es wegen Corona zu einem zweiten Lockdown käme, wären sie auch auch bereit die Waren nach Hause zu liefern. Da sind sich beide einig. 

Modell für Dörfer in anderen Regionen

Gefördert wurde das Projekt unter anderem aus EU-, Bundes und Landesmitteln. Der Landkreis St. Wendel ist Projektträger. Mittlerweile ist Smart Village Remmesweiler in der dritten Testphase, erzählt Projektleiter Stefan Kunz, der auch beim Frühstück dabei ist.

Man habe schon viel erreicht. Die Online-Plattform laufe gut. Es gebe ein eigenes Logistikzentrum, wo die Ware von den Händlern ankommt und zum Teil von 450-Euro-Kräften in Boxen gepackt wird. Kühlkette und Hygienerichtlinien für Lebensmittel würden streng eingehalten, erklärt Kunz. Jetzt gehe es darum, die Grundversorgung der ländlichen Regionen zu sichern und auszubauen.

Sechs Gemeinden dabei

Dazu kommen zurzeit 291.000 Euro vom Bund und vom Land. Inzwischen nehmen sechs Gemeinden im Saarland an dem Projekt teil. Es sollen noch mehr werden.

Kunz sieht Smart Village als Erfolg: „Es gelingt uns, zu den Menschen zu kommen, Kommunikationszentren zu schaffen und die Menschen zu versorgen“. Es gebe auch immer mehr Interesse aus anderen Bundesländern: „Andere Landkreise wollen wissen, wie die das machen - in Remmesweiler.“

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