Reit-Therapie (Foto: Pasquale D'Angiolillo)

Wenn das Pferd zum Therapiepartner wird

Kasia Hummel   02.02.2019 | 08:40 Uhr

Durch den Kontakt zum Pferd und Bewegungsübungen auf dem Pferderücken zu mehr Selbstvertrauen und einer besseren Motorik: Das sind unter anderem die Ziele der Reittherapie. Damit möglichst viele Kinder sie machen können, gründete Petra Jenal 2010 den Förderverein Ehrensache. Inzwischen profitieren Hunderte Kinder von ihrem Engagement.

Es ist ein trüber, verregneter und kalter Tag in Altforweiler – trotzdem herrscht an der Reithalle des Fördervereins Ehrensache eine Stimmung, die nicht besser sein könnte. Der Grund: Die Kinder treffen sich zur Reittherapie. Jedes einzelne wird von Petra Jenal herzlich umarmt, begrüßt und mit einem breiten Grinsen zu seinem Therapiepferd in die Halle geführt.

Unter den Kindern ist auch Melina. Das 8-jährige Mädchen ist ein Albino, das heißt, sie sieht schlechter als andere Kinder. „Sie hat eine Sehfähigkeit von zehn Prozent und zusätzlich noch motorische Entwicklungsstörungen sowie -verzögerungen“, erzählen Melinas Eltern. So habe sie mit dem Sprechen erst nach ihrem vierten Geburtstag angefangen. Auf den Rat eines Arztes hin entschlossen sich die Eltern im Herbst vergangenen Jahres zur Reittherapie.

Therapiepartner Pferd

Bei dieser wird das Pferd zum Therapiepartner. Die Kinder, begleitet von Therapeuten, reiten zum Beispiel im Schritt durch die Halle, lassen sich auf die Bewegung des Pferdes ein und versuchen, kleine Übungen zu meistern. So kann es schon mal sein, dass ein Kind plötzlich verkehrt herum auf dem Pony sitzt oder auf dem Pferderücken mit dem Ball hantieren muss. Effekte, die auch die Vorsitzende des Fördervereins, Petra Jenal, in ihrer Arbeit mit den Kindern beobachtet, sind zum Beispiel größeres Selbstvertrauen oder eine gesteigerte Kommunikationsbereitschaft.

Pferde als Therapiepartner
Video [SR.de, (c) SR, Kasia Hummel, Pasquale D'Angiolillo, 01.02.2019, Länge: 03:12 Min.]
Pferde als Therapiepartner

Ähnliches berichten Melinas Eltern und sind dankbar für den Erfolg der Therapie. Dabei können sie sich noch sehr gut an den ersten Termin erinnern. „Sie hat sich aufs Pferd gesetzt, die Therapeuten unterhalten und gar nicht mehr aufgehört zu reden“, erzählen sie mit einem Lächeln im Gesicht. Die Familie beschreibt Melina zwar als ein fröhliches Kind, aber nicht so kommunikativ, wie sie sich auf dem Pferd verhält. „Man merkt nach jeder Therapiestunde, dass mehr Redefluss da ist. Das tut ihr gut.“ Auf dem Pferd sei Melina konzentrierter und fokussierter. „Der Tag war für sie schon gerettet, als wir hierher gefahren sind.“

Ebenfalls in der Gruppe reitet Piedro. Der 11-Jährige kommt bereits seit mehr als vier Jahren zur Reittherapie. Ein Gendefekt sorgt dafür, dass der Junge nicht selbstständig gehen kann und auf Hilfe angewiesen ist – anders beim Reiten. „Auf dem Pferd hält er sich selbst fest, streckt die Arme in die Höhe“, erzählt sein Pflegevater begeistert. Dass es ihm gut geht, sehe man jedes Mal an seinem Lachen.

2010 gründete Jenal den Förderverein

Und genau das treibt Petra Jenal seit Jahren an. „Ich wollte eigentlich schon immer was für behinderte Kinder machen. Für mich ist es nicht selbstverständlich, ein gesundes Kind zu haben.“ Im Jahr 2010 gründete sie deshalb den Förderverein Ehrensache. Heute arbeitet sie täglich mit acht vereinseigenen Pferden, sechs Therapeuten und viel Herzblut daran, dass es Kindern und ihren Eltern besser geht.

Das alles funktioniere allerdings auch nur, weil das gesamte Team so engagiert zusammenarbeite, betont Petra Jenal immer wieder. Mit dabei ist auch Jenny Becker. Sie ist Pferdetrainerin, Reitlehrerin und Therapeutin. Neben der Ausbildung der Pferde übernimmt sie im Förderverein die pädagogische Reitstunde und arbeitet mit Kindern, die leichte Behinderungen aber auch psychische Probleme haben. „Bei der Pferdetherapie werden soziale Kompetenzen gefördert, die Kinder erhalten mehr Selbstbewusstsein und werden teamfähiger“, beschreibt Jenny Becker die Erfolge, die sie bei ihrer Arbeit beobachtet.

Wenn das Pferd zum Therapiepartner wird

"Es ist schön zu sehen, wieviel Spaß die Kinder dabei haben"

Bislang werden die Kosten für eine Reittherapie nicht von den Krankenkassen übernommen - und das obwohl der Verein mit seiner Arbeit große Erfolge erziele, erzählt Petra Jenal. Über den Förderverein will sie die Therapie deshalb auch Eltern ermöglichen, denen die Mittel fehlen. Der Verein finanziert sich nur durch Spenden und Sponsoring.

Genauso überzeugt vom Konzept ist Reittherapeutin Jennifer Jakobs. Sie ist seit 2012 im Förderverein aktiv und hat vor kurzem ihre Ausbildung erfolgreich beendet. "Es ist schön zu sehen, wieviel Spaß die Kinder dabei haben, dass die Therapie den Kindern mehr Lebensqualität schenkt und wie sie dabei aufblühen." Aber auch die Fortschritte, die sie bei den Kindern beobachtet, mache die Arbeit für sie wertvoll.

„Viele Eltern hier haben einen heftigen Schicksalsschlag mit ihrem behinderten Kind und wir können einfach so viel machen.“ Der Blick in die lachenden Gesichter der Kinder sowie Eltern macht sie deshalb umso zufriedener. Die Kinder haben Spaß, lächeln und blühen auf – auch heute, an diesem trüben, verregneten und kalten Tag in Altforweiler.

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