Kaiser Wilhelm II. (Heribert Leonardy) mit seinem Gefolge am 10.09.2022 auf dem Bahnhof in Völklingen. (Foto: Lisa Huth/SR)

Kaiser Wilhelm II. auf Stippvisite in Völklingen

Mit Informationen von Lisa Huth   11.09.2022 | 12:33 Uhr

Es ist eine ganz und gar ungewöhnliche Geschichte: Vor 128 Jahren reiste der damalige Kaiser Wilhelm II. mit dem Zug nach Völklingen. Warum, das weiß keiner so genau, aber niemand hat ihn am Bahnhof empfangen. Darum stieg er wieder ein und kam nie wieder zurück – bis am Samstag.

Mit seinem militärischen Gefolge steht Kaiser Willhelm II. auf Gleis 12 am Saarbrücker Hauptbahnhof und lässt sich von Oberst von Maringer die Funktionsweise einer Eisenbahn ohne Dampflok erklären. So spielt es sich an diesem Samstag tatsächlich ab. „Mythos Kaiserbesuch – Die zweite Chance“ heißt dieses Reenactment, mit dem die Mythenjäger Völklingen am Samstag Geschichte noch einmal lebendig werden ließen.

Kaiser Wilhelm II. auf Stippvisite in Völkingen
Audio [SR 3, (c) SR, 11.09.2022, Länge: 03:13 Min.]
Kaiser Wilhelm II. auf Stippvisite in Völkingen

Gleiswechsel sorgt für Hektik

In Völklingen wurde der Kaiser jetzt mit allem Drum und Dran empfangen. Davor aber musste er erst einmal von Saarbrücken nach Völklingen kommen – gar nicht so einfach, denn der Zug fährt überraschend nicht von Gleis 12, sondern von Gleis 14 ab. Nur vier Minuten Zeit, um mit dem Gefolge die Rolltreppe runter und am anderen Bahnsteig wieder rauf zu rennen.

„Herr Röchling informiert mich ja ständig über den neuesten Stand seiner technischen Entwicklung“, berichtet der „Kaiser“, der im echten Leben Heribert Leonardy heißt, im SR-Interview. Dieser Kontakt zu Carl Röchling sei auch der Grund seines Besuchs. „Die Völklinger Hütte wurde ja damals ganz neu aufgebaut. Denn unsere Zukunft liegt auf dem Wasser. Wir brauchen Stahl und wir brauchen Schiffe.“

(Nicht ganz) inkognito

Schiffe waren für Kaiser Wilhelm II. ein wichtiges Thema. Nun aber reiste er im Zug, und das auch noch zweiter Klasse. „Ich reise inkognito, weil ich mich gern unters Volk mische. Das hat schon mein Vorfahr, der ‚alte Fritz‘, immer gemacht.“

Ganz inkognito bleibt der Kaiser dann doch nicht. Eine Frau hat ihn entdeckt und spricht ihn direkt an. Er beeilt sich, die Dame, Emilie Klopp, direkt anzusprechen. Sie stellt sich den anwesenden Offizieren als „Künstlerin der freien Körperkultur“ vor. Während sie ihre Karte verteilt, wird es dem Kaiser zu bunt: „Jetzt muss ich aber die Fahne der Empörung aufstellen und sie bitten, das Abteil zu verlassen“, gibt er der Dame zu verstehen.

Plötzliche Erpressung

Emilie Klopp gab es wirklich, sie nannte sich „Miss Love“. Bei ihrem Auftritt an diesem Samstag hat sie skandalöse Briefe des Kaisers dabei, für die sie Geld sehen will. „Der Kaiser muss die Briefe bezahlen, weil er in ihnen delikate Wünsche geschrieben hat, die er gerne mit mir ausleben möchte“, sagt Klopp, die im richtigen Leben Susanne Rist heißt.

Inzwischen ist der Zug in Völklingen angekommen. Kaiser samt Gefolge steigen aus. Und – niemand da. Schnell stellt sich heraus: Das Begrüßungskomitee inklusive rotem Teppich befinden sich am anderen Ende des Bahnsteigs.

Empfang in Völkingen

Hier begrüßt er neben Kommerzienrat Carl Röchling alle Männer. Ein Arbeiter und Pazifist schreit dazwischen: „Keine Waffen nirgendwo. Generäle in den Zoo!“

Der Störer wird aber schnell entfernt. Oberbürgermeisterin Christiane Blatt (SPD) sieht der Kaiser nicht. Das kann Gründe haben. Zum einen gab es damals keine Frauen in solch hohen Ämtern und Würden, und im Gespräch mit dem SR hatte der Kaiser vorher schon gesagt: „Ich sehe mich in meiner Aufgabe als Versöhner zwischen den verschiedenen Parteien und Gruppierungen im Lande.“

Kein Blick für Sozialdemokraten

Mit einer Ausnahme: den Sozialdemokraten. Die Frau und Sozialdemokratin Christiane Blatt nimmt’s nicht krumm und hält eine Laudatio auf dem roten Teppich. „Im Jahr des stolzen 1200-jährigen Jubiläums von Völklingen ist die Anwesenheit ihrer Majestät der illustre Höhepunkt der Feierlichkeiten unserer Stadt.“

Im Alten Bahnhof hält der Kaiser dann noch eine Rede und zeichnet unter anderem die großen und kleinen Musiker mit einem Orden aus. Spaß haben aber nicht nur die Kleinen, sondern auch eine junge Frau, die morgens im Radio gehört hatte, dass der „Kaiser“ kommt. Auf dem Saarbrücker Hauptbahnhof hatte sie die Theatergruppe entdeckt und war mit nach Völklingen gefahren.

Über dieses Thema hat auch die SR 3 Region am Sonntag vom 11.09.2022 berichtet.

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