Eine Prostituierte wartet auf ihrem Zimmer in einem Bordell auf Kundschaft. (Foto: picture alliance/Andreas Arnold/dpa)

"Das Problem ist momentan kleiner als befürchtet"

Anne Staut   05.04.2020 | 08:35 Uhr

Bund und Länder haben sich wegen der Coronakrise auf eine Schließung von Prostitutionsstätten, Bordellen und ähnlichen Einrichtungen geeinigt. Seither berichten Beratungsstellen und der Berufsverband bundesweit von verzweifelten Prostituierten. Im Saarland ist die Situation derzeit besser als befürchtet.

Der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen berichtete gegenüber der Nachrichtenagentur dpa von verheerenden Zuständen aufgrund der Coronakrise. Besonders schlimm betroffen seien die Prostituierten, die auf dem Straßenstrich arbeiteten. Täglich gingen demnach zig Anrufe von verzweifelten Frauen ein, die kein Geld mehr für Lebensmittel hätten.

Im Saarland sind die schlimmsten Befürchtungen bisher nicht eingetreten. In der ersten Woche nach der Umsetzung der Coronaverordnungen sind bei der Beratungsstelle Aldona gar keine Anfragen oder Hilfsgesuche wegen Corona eingegangen. Erst seit letzter Woche meldeten sich einzelne Frauen, deren Ersparnisse nach drei Wochen ohne Arbeit langsam aufgebraucht seien, erzählt Sabrina Burkhart von der Beratungsstelle. Auch die Zahl der Frauen, die Hilfsanträge stellen wollen, sei derzeit überschaubar. "Das Problem im Saarland ist momentan kleiner als befürchtet", so die Pädagogin. Das heißt aber nicht, dass es so bleibt, in zwei Wochen könne es wieder ganz anders aussehen.

Keine Soforthilfen aber Hartz IV

Weitere Informationen und Beratung

Die Soforthilfen des Bundes greifen für die Prostituierten in der Regel nicht, ihnen bleibt aber die Möglichkeit Hartz IV zu beantragen. Dabei hilft die Beratungsstelle Aldona, die ihre Beratungen während der Coronakrise vorwiegend telefonisch und per Mail anbietet. Auf der Internetseite der Aldona e.V. gibt es zudem eine umfassende Schritt-für-Schritt-Anleitung, wie der Antrag auf Hartz IV gestellt werden kann.

Als Grund, warum sich bislang nicht viele Frauen mit Hilfsgesuchen wegen der Coronakrise an die Beratungsstelle gewendet haben, sieht Burkhart die frühe Umsetzung der Coronaverordnung im Saarland. Viele Frauen hätten die Gelegenheit genutzt, noch heim zu ihren Familien zu reisen, so lange das noch möglich gewesen sei. Andere wären in andere Bundesländer gewechselt, weil die Prostitution dort zu diesem Zeitpunkt noch erlaubt gewesen sei. Tatsächlich erreichten die Beratungsstelle daher auch immer wieder Hilfsgesuche von Frauen aus anderen Bundesländern, die zuvor im Saarland gearbeitet hätten. Diese werden von der Beratungsstelle dann an entsprechende Stellen vor Ort vermittelt.

Dass die Frauen im Saarland heimlich weiterarbeiten, kann Burkhart nicht ausschließen, sie hält es aber für unwahrscheinlich. "Viele Frauen erzählen uns, dass sie gar nicht arbeiten möchten, weil sie Angst haben, sich mit Corona anzustecken."

Drogensüchtige Prostituierte schlimmer betroffen

Am Drogenstrich am Fernbusbahnhof in Saarbrücken ist die Lage wegen der Coronakrise hingegen deutlich angespannter. Dort können normalerweise Frauen, die drogenabhängig sind, 24 Stunden am Tag stehen und arbeiten. Für die Frauen am Drogenstrich bricht mit dem Verbot der Sexarbeit ihre Finanzierungsquelle fort. "Es ist davon auszugehen, dass die Frauen aus der Not heraus immer noch anschaffen", sagte Eva Wache, Fachbereichsleiterin im Drogenhilfezentrum.

Außerdem versuchten manche Abhängige ihre Sucht auf Medikamente und Alkohol zu verlagern, da auch Drogen derzeit teurer würden. Diese Entwicklung sei besonders gefährlich, weil es dann zum sogenannten Mischkonsum kommen könne, das heißt die Betroffenen nehmen gleichzeitig unterschiedliche Rauschmittel. Dadurch sei es weniger kontrollierbar, was die Menschen genommen haben und wann die Wirkung nachlasse, so Wache. Außerdem könne es zu Wechselwirkungen kommen.

Lockerung der Behandlungsrichtlinien gefordert

Um den Abhängigen den Druck zu nehmen, setzt sich das Drogenhilfezentrum für die Verwendung von sogenannten Substituten ein. Die Abhängigen sollten während der Coronakrise generell die Möglichkeit erhalten, diese Ersatzstoffe zu nehmen. Dadurch gebe es auch ein geringeres Risiko für eine Überdosis. Der Zugang zu diesen Substituten ist derzeit aber nur unter bestimmten Voraussetzungen gestattet. Um das zu ändern, müssten die Behandlungsrichtlinien für Drogenabhängige zeitweise gelockert werden.

Auch die Beratung und Information Drogenabhängiger im Drogenhilfezentrum ist durch die Coronapandemie schwierig. Man gebe zwar Informationen und Verhaltenregeln zur Coronakrise weiter, aber die lassen sich nicht immer so leicht umsetzen. "Je größer der Druck, desto weniger offen sind sie für Botschaften", erzählt Wache.

Aufgrund der Coronakrise hat das Drogenhilfezentrum Saarbrücken seine Öffnungszeiten angepasst. Das Zentrum ist nun von Montag bis Samstag von 12.00 bis 18.00 Uhr und an Sonn- und Feiertagen von 13.00 bis 17.00 Uhr geöffnet.

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