Verhütungsmittel - Spirale, Antibabypille, Hormonspritze und Hormonring (Foto: imago images / imagebroker / schreiter)

"Familienplanung muss freiwillig sein"

Sandra Schick   15.09.2019 | 08:38 Uhr

Auch wer wenig Geld hat, sollte trotzdem sicher verhüten können. Rund zweieinhalb Jahre lang hat Saarbrücken bei einem Modellprojekt mitgemacht, bei dem Frauen mit geringem Einkommen ihre Verhütungsmittel kostenlos bekamen. Nun ist das Projekt zu Ende gegangen, doch der Bedarf bleibt hoch.

Zehn bis 20 Euro pro Monat für die Anti-Baby-Pille, bis zu 300 Euro für eine Spirale oder ein Hormonstäbchen – sicher zu verhüten kostet viel Geld. Doch nicht jeder kann dieses Geld problemlos aufwenden, sagt Karin Biewer, die Geschäftsführerin der Beratungsstelle "Pro Familia" in Saarbrücken. "Manche Frauen stehen am Monatsende vor der Frage, ob sie ihrem Kind Essen für die nächsten Tage kaufen oder das Geld für Verhütungsmittel ausgeben."

Verhütungsmittel kostenlos

In Deutschland bekommen junge Frauen bis zum 22. Geburtstag die Kosten für alle verschreibungspflichtigen Verhütungsmittel von der Krankenkasse erstattet. Das gilt für die Pille, Minipille, Verhütungspflaster, Vaginalring, Dreimonatsspritze, Hormonimplantat, Spirale und Notfallverhütung. Einige Städte, wie Berlin, haben darüber hinaus Regelungen für einkommensschwache Frauen.

Das sei ein Fazit aus den vergangenen zweieinhalb Jahren, in denen die Saarbrücker Beratungsstelle von "Pro Familia" bei dem Modellprojekt "Biko" mitgemacht hat. In sieben deutschen Städten gab es von 2017 bis 2019 dieses Projekt, bei dem Frauen, die Anspruch auf Sozialleistungen haben, ihre Verhütungsmittel kostenlos bekamen. Die Frauen wurden von ihren Gynäkologen auf das Angebot hingewiesen und bekamen nach einer Beratung bei "Pro Familia" eine Art Gutschein für das Verhütungsmittel, den sie in der Apotheke einlösen konnten.

Viele Frauen mit Migrationshintergrund

Ende Juli ist das Projekt in Saarbrücken zu Ende gegangen. Allein in Saarbrücken hat es bis dato 1288 Beratungen gegeben. Die Verhütungsmittel, die am stärksten nachgefragt wurden, waren Hormon- und Kupferspiralen, gefolgt von der Pille oder Minipille. Knapp zwei Drittel der Frauen waren Leistungsbezieherinnen nach SGB II. Und: Zwei Drittel der Frauen hatten einen Migrationshintergrund.

"'Zu dumm zum Verhüten' ist ein unberechtigter Vorwurf"

Für Karin Biewer steht nach dem Projekt fest: Eine Anschlusslösung muss her. "Ich wäre sehr dankbar wenn sich zumindest kurzfristig kommunalpolitisch eine Lösung finden ließe, damit die Frauen jetzt nicht wieder auf sich selbst gestellt sind." Das Hauptfazit aus dem Projekt: "Familienplanung muss freiwillig sein. Und das bedeutet Verhütung muss kostenlos sein", so Biewer.

Landläufig herrsche leider häufig die Meinung vor, dass Frauen, die ungewollt schwanger werden, zu dumm seien richtig zu verhüten und grundsätzlich selbst die Schuld trügen. "So etwas macht mich wütend", sagt Biewer. Verhütung werde heute von vielen als problemlos angesehen. Dabei werde vergessen, wie viele Nebenwirkungen von den Frauen in Kauf genommen werden, und dass diese Last in der Regel nach wie vor überwiegend Frauen tragen.

"Bei Frauen mit geringem Einkommen sind es zudem am Monatsende oft ganz elementare Fragen, wofür das Geld noch reicht." In der Beratungsstelle erlebten die Mitarbeiterinnen das Ergebnis: Frauen, die die Schwangerschaftskonfliktberatung aufsuchten, sich schämten und verzweifelt seien weil sie ungewollt schwanger geworden sind.

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten vom 15.09.2019 berichtet.

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