Symbolbild: Schule (Foto: dpa/Daniel Karmann)

"Lasst uns an die Schulen!"

Elisa Teichmann   19.01.2019 | 13:00 Uhr

Junge Lehramtsabsolventen im Saarland haben es schwer, einen Referendariatsplatz zu finden. Selbst mit dem 2. Staatsexamen bleibt eine anschließende Anstellung für viele ein Traum. Zwei ehemalige Lehramtsstudentinnen erzählen ihre Geschichte.

Carolin* hat Glück gehabt. Sie wurde zum Anfang des Schuljahres als Beamtin auf Probe an einer weiterführenden Schule eingestellt. „Hier bin ich jetzt für wenigstens drei Jahre sicher angestellt. Viele Kollegen wechseln an Berufsschulen, weil dort so viele Lehrer fehlen. Bevor man nichts hat, nimmt man natürlich das, was man kriegen kann.“

Die Situation ist vertrackt. Ein nahtloser Übergang von Studium zu Referendariat und anschließend in die Verbeamtung gelingt nur ausgewählten Fächerkombinationen, beklagt die junge Lehrerin: „Glück haben die Kollegen mit der Fächerkombi Mathematik und Physik. Die werden meistens noch am Tag ihres Examens angerufen und eingestellt. In meinem Jahrgang waren viele mit dieser Kombi, denen es so ergangen ist. Lehrer der Gesellschaftswissenschaften dagegen gibt es im Überfluss, diese werden weniger gesucht.“

Permanente Unsicherheit

Panorama
Referendariat: Hälfte aller Junglehrer geht leer aus
Mehr als die Hälfte aller angehenden Lehrer im Saarland erhält unmittelbar nach dem Studium keinen Referendariatsplatz. Das geht aus Zahlen des Bildungsministeriums hervor. Bei den künftigen Gymnasial- und Berufsschullehrern kommt sogar nur etwa jeder vierte Hochschulabsolvent direkt ins Referendariat.

Wenn die erste Hürde geschafft ist, man also ein Referendariat erhalten hat, folgen mitunter Jahre an Übergangsverträgen. Carolin hielt ihr Zeugnis im Juli 2017 in den Händen und musste bis November 2018 auf eine Festanstellung warten. Abgesehen von der permanenten finanziellen Unsicherheit wurde sie auch mit behördlichen Problemen konfrontiert: „Mein Halbjahresvertrag wurde zweimal verlängert, immer sehr knapp. Eine Schwierigkeit dabei war der Faktor Krankenversicherung, es gab einen ständigen Wechsel von privater zu gesetzlicher Krankenkasse. Um die Gesundheitsprüfung nicht noch einmal machen zu müssen, habe ich sogar einen Anwalt bezahlt.“

„Die Angst, auf der Straße zu stehen, war permanent da. Tatsächlich war ich nur zwei Wochen arbeitslos, was zum Glück keine großen Auswirkungen hatte. Problematisch wird es für diejenigen Referendare, die zum Sommer fertig werden – die sind während der Sommerferien arbeitslos und kriegen überhaupt kein Geld während dieser Zeit.“ Noch schwieriger wird es für diejenigen, die erst gar kein Referendariat bekommen.

Hunderte Absolventen, ein Wunsch

So geht es Astrid*, die auch anonym bleiben will, weil sie Angst vor Nachteilen bei zukünftigen Bewerbungen hat: „Ich habe zwei geisteswissenschaftliche Fächer auf Lehramt im Saarland studiert. Im Mai vergangenen Jahres habe ich mein 1. Staatsexamen absolviert. Danach habe ich mich zweimal für ein Refendariat im Saarland beworben und jeweils Absagen erhalten. In den Schreiben stand, dass meine Bewerbung nicht berücksichtig werden konnte – und das bei einem Abschluss mit Auszeichnung und einer relativ seltenen Fächerkombination.“ Bereits zu Beginn ihres Studiums wurde Astrid in Aussicht gestellt, dass sie es mit ihrer Fächerkombination wahrscheinlich schwer hätte, eine feste Anstellung zu finden. Davon abbringen lassen wollte sie sich trotzdem nicht, sondern das machen, was ihr wirklich Spaß macht und ihren Interessen entspricht.

Auch sie hat wie Carolin die Erfahrung gemacht, dass die naturwissenschaftlichen Fächerkombinationen fast ein Garant für eine Anstellung sind. Aber auch Absolventen der Fächer mit schwierigen Uniaufnahmeprüfungen hätten es in der Regel leichter, sofort genommen zu werden: “Wenn man nicht Kunst und Musik studiert, wo von Anfang an viel selektiver mit den Universitätsbewerbungen umgegangen wird, dann ist man eine von hunderten, sehr guten Absolventen mit dem gleichen Wunsch – nahtlos nach dem Studium einen Referendariatsplatz zu finden.“

Ein facettenreiches Problem

Astrid würde gerne im Saarland bleiben, sie ist sich allerdings bewusst, dass sie in ihrer Heimat im Gegensatz zu Carolin keine Aussicht auf eine baldige Festanstellung hat: „Ich habe mich parallel für Vertretungsstellen an sämtlichen Schulformen im Saarland beworben. Man kommt da in einen Bewerbertopf mit sämtlichen Lehramtsstudenten mit 1. und 2. Staatsexamen. Man muss wirklich Geduld haben, wenn man im Saarland bleiben will. Immerhin habe ich ja hier studiert, habe meine Familie und Freunde hier. Aber zum Sommer muss ich wohl oder übel auch bundesweite Alternativen in Betracht ziehen.“

Carolin erinnert sich noch gut an die Zeit des Bangens. Schon damals wandte sie sich an die Medien, um als Sprachrohr für eine ganze Generation von jungen Lehramtsabsolventen auf die prekäre Situation aufmerksam zu machen: „Ein Journalist hatte das Bildungsministerium auf meinen Fall angesprochen. Dort meinte man, Hoffnung auf eine Beamtenstelle auf Probe sollte ich mir nicht machen, denn ich solle froh sein, wenn ich eine Anstellung für meine Fächer bekäme. Es ist natürlich auch schwierig, da jemandem die Schuld zu geben. Es ist einfach eine nicht zufriedenstellende Situation, sowohl für uns Lehrer als auch für die Schüler und deren Eltern.“

Endlich den Lehreralltag kennenlernen

Astrid gibt die Hoffnung nicht auf. In jedem Fall will sie ihr Studium abschließen und Lehrerin werden, zumindest endlich den Lehreralltag kennenlernen – wenn nötig sogar in einem kleinen Dorf in Norddeutschland: „Natürlich könnte ich mir auch überlegen, den Lehrerberuf nicht aufzunehmen und in der freien Wirtschaft zu arbeiten. Aber ich habe doch nun einmal den Uniabschluss, jahrelang studiert und auch den Wunsch, zu unterrichten. Ich habe ja alle Grundlagen – nun müsste man mich nur an die Schule lassen.“

*Name von der Redaktion geändert

Über dieses Thema wurde auch in der SR 3-Rundschau vom 19.01.2019 berichtet.

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