Gewalt gegen Polizisten (Foto: dpa)

Polizei-Ausbilder sieht keine Zunahme schwerer Gewalt

  23.06.2020 | 19:32 Uhr

Nach den Krawallen in Stuttgart beklagt der Stuttgarter Polizeipräsident eine "nie dagewesene Dimension der Gewalt" gegen Polizisten. Dem widerspricht Prof. Rafael Behr von der Polizeiakademie Hamburg im SR 3-Interview: Schwere Gewalttaten gegen Polizisten hätten nicht zugenommen.

Hunderte Menschen haben am Wochenende Teile der Stuttgarter Innenstadt verwüstet. Mindestens 19 Polizisten wurden verletzt, Streifenwagen demoliert. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sprach von einem "Alarmsignal für den Rechtsstaat" und Stuttgarts Polizeipräsident Franz Lutzeiner von einer "nie dagewesenen Dimension von offener Gewalt gegen Polizeibeamte".

Professor Rafael Behr von der Polizeiakademie zu den Krawallen in Stuttgart
Audio [SR 3, (c) SR, 23.06.2020, Länge: 03:50 Min.]
Professor Rafael Behr von der Polizeiakademie zu den Krawallen in Stuttgart

Dem widerspricht Prof. Rafael Behr von der Polizeiakademie Hamburg im SR3-Interview. "Zu sagen, das war 'so schlimm wie noch nie', ist übertrieben", so Behr. "Das war kein Untergang des Abendlandes oder der Zivilisation." Auch früher habe es schon Gewaltausbrüche im öffentlichen Raum gegeben. "Früher war es teilweise auch noch schlimmer. Wenn ich an 1962 denke, die berühmten Schwabinger Krawalle, da ist mehr passiert als jetzt in Stuttgart."

Neue Zählweise in der Statistik

Auch die Aussage, dass die Gewalt gegen Polizisten zugenommen habe, will Behr so nicht einfach stehen lassen. Die polizeiliche Kriminalstatistik zähle unter dem Punkt Angriffe auf Polizisten inzwischen auch Delikte, bei denen niemand verletzt wird. "Das war früher nicht so." Seit einer Gesetzesänderung würden auch ganz neue Straftaten dazugezählt, die es früher nicht im Strafgesetzbuch gegeben habe.

"In der Politik wird das aber manchmal vermischt", sagt Behr. "Da zählt dann schon der Stinkefinger oder die Beleidigung zur Gewalt gegen Polizeibeamte. Aber damit wäre ich sehr vorsichtig." Was man relativ sicher sagen könne, sei, dass die schwerste Gewalt, bei der Polizisten schwer verletzt oder getötet werden, auf einem niedrigen Niveau bleibe. "Was stärker wird, sind tatsächlich einfache Körperverletzungen." Da sei aber auch die Sensibilität gewachsen.

Über dieses Thema hat die Sendung "Feierabend" auf SR 3 Saarlandwelle am 23.06.2020 berichtet.

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