Nahaufnahme der Hand eines schlafenden Babys (Foto: picture alliance / photothek | Ute Grabowsky / photothek.net)

Neue Studie zum Plötzlichen Kindstod ist "noch kein Durchbruch"

Sandra Schick   22.05.2022 | 15:46 Uhr

Der Plötzliche Kindstod ist die Horrorvorstellung frisch gebackener Eltern. Neue Forschungsergebnisse aus Australien schüren die Hoffnung, dass es bald gezieltere Vorbeugung geben könnte. Der Leiter der Neonatologie in Homburg, Michael Zemlin, sagt, wichtig seien jetzt weitere Studien - und dass man konsequent an den bisherigen Maßnahmen festhalte. Denn diese hätten viele Leben gerettet.

Zwischen 2010 und 2019 sind im Saarland insgesamt 15 Babys am Plötzlichen Kindstod verstorben. Bundesweit waren es im gleichen Zeitraum nach Angaben des Statistischen Amtes über 1300. Auch wenn die Zahlen dank Aufklärungsmaßnahmen in den letzten 30 Jahren kontinuierlich gesunken sind - hinter jedem Fall steht ein dramatisches Einzelschicksal.

Die Angst das eigene Baby könnte im Schlaf ersticken, treibt die meisten Eltern Neugeborener um. Sie kann zu einer starken Belastung werden, berichtet Michael Zemlin, der Direktor der Klinik für Allgemeine Pädiatrie und Neonatologie in Homburg.

Doch nun gibt es Hoffnung: Die australische Forscherin Carmel Therese Harrington hat in einer kleinen Studie Hinweise darauf gefunden, dass ein Enzymmangel den Plötzlichen Kindstod begünstigen könnte. Er könnte dafür sorgen, dass Babys nicht aufwachen, wenn sie im Schlaf aufhören zu atmen.


SR.de: Herr Zemlin, was genau hat diese Forscherin in Australien denn herausgefunden und was bedeutet das?

Michael Zemlin: Die Arbeitsgruppe hat ein Enzym gefunden, Butyrylcholinesterase (BChE), das bei Kindern, die später am Plötzlichen Kindstod gestorben sind, in niedrigerer Konzentration im Blut vorhanden war, als bei Kindern die nicht am Plötzlichen Kindstod gestorben sind. Deshalb vermutet sie, dass es einen Zusammenhang geben könnte. Ein kausaler Zusammenhang ist aber bisher nicht nachgewiesen. Aber es könnte sein, dass es einer von mehreren Puzzlesteinen ist, die das Risiko für den Plötzlichen Kindstod erhöhen könnten.

SR.de: Sind das denn überraschende Ergebnisse oder war dieses Enzym schon bekannt für Atemaussetzer im Schlaf?

Michael Zemlin: Diese Enzyme sind seit langem bekannt. Es ist auch bekannt, dass sie mit dem Parasympathikus zu tun haben. Der Parasympathikus ist eine Komponente des vegetativen Nervensystems. Er reguliert im Körper die Ruhe- oder Schlafphasen, hat also viel mit dem Schlafen zu tun.

SR.de: Wie bewerten sie denn die Forschungsergebnisse? Könnte das ein großer Durchbruch sein bei der Bekämpfung des Plötzlichen Kindstods? Oder braucht es da zuerst noch weitere Studien?

Michael Zemlin: Ich wäre vorsichtig mit dem Wort "Durchbruch". Es sind auf jeden Fall wichtige Informationen. Es braucht aber auf jeden Fall weitere Studien. Die sind auch gar nicht so schwer durchzuführen, weil ja die Substanz nun identifiziert ist. Man sollte das jetzt in verschiedenen Ländern nachprüfen, ob sich das in größerem Maßstab wiederholen lässt. In dieser Studie waren es zwei mal 60 Kinder, mit dieser Fallzahl ist noch kein Beweis erbracht.

Prof. Dr. med. Michael Zemlin, Direktor der Klinik für Allgemeine Pädiatrie und Neonatologie in Homburg (Foto: Koop/UKS)
Prof. Dr. med. Michael Zemlin, Direktor der Klinik für Allgemeine Pädiatrie und Neonatologie in Homburg

SR.de: Angenommen das würde sich in anderen Studien bestätigen: Welche Therapiemöglichkeiten gäbe es dann? Könnte man diesen Enzymmangel beheben, zum Beispiel mit einem Medikament?

Michael Zemlin: Das ist eine ganz entscheidende Frage. Das Nahziel ist es aber erstmal überhaupt Risikofaktoren zu identifizieren, sodass man in den ersten Lebenstagen weiß: Dieses Kind hat ein erhöhtes Risiko.

Die Konsequenz könnte sein, dass man das Kind im Schlaf überwacht, es an einen Herz-Kreislauf-Monitor anschließt. In der Hoffnung, dass man einen drohenden Plötzlichen Kindstod rechtzeitig erkennt und eingreifen kann, etwa wenn der Herzschlag sich verlangsamt oder die Atmung aufhört. Aber das wäre nur eine symptomatische Therapie.

Allerdings weiß man, dass leider auch Fälle von Plötzlichem Kindstod unter Monitorüberwachung aufgetreten sind - obwohl die Kinder schnell Hilfe bekommen haben. Es ist also nicht nachgewiesen, dass ein Monitoring den Plötzlichen Kindstod verhindern kann.

Deshalb ist der nächste Schritt sehr wichtig: eine Therapie. Etwa ein Medikament, das dafür sorgt, dass dieses Enzym in höherer Konzentration gebildet wird. Davon sind wir aber noch meilenweit entfernt. Man wird sicher noch viele Jahre daran forschen müssen.

SR.de: Viele Eltern werden sich jetzt sicher fragen: Ist es denn möglich zum jetzigen Zeitpunkt sein Baby auf einen solchen Enzymmangel zu testen?

Michael Zemlin: Theoretisch ist das sicherlich möglich. Aber praktisch ist mir nicht bekannt, dass es diese Möglichkeit schon gäbe, also dass man etwa eine Blutprobe in ein Labor einschickt und bekommt dann ein solches Ergebnis. Ich würde auch dringend davon abraten.

Es gibt so viele beeinflussbare Faktoren, die das Risiko für den Plötzlichen Kindstod reduzieren, dass man lieber den Fokus auf die bekannten Vorbeugungsmaßnahmen richten sollte.

Allein an den Erfolgen der Vergangenheit sieht man schon, dass nicht ein Enzym alleine entscheidend dafür verantwortlich sein kann. Denn man konnte die Zahl der Todesfälle ja drastisch reduzieren.

Ich würde also raten, auf die bekannten Faktoren zurückzugreifen und gleichzeitig noch unbekannte Faktoren zu erforschen. Die Aufklärungsarbeit über die Vorbeugungsmaßnahmen ist eine unheimlich wichtige Arbeit, die sicher viele Leben gerettet hat.

SR.de: Jetzt gibt es sicher Eltern, die obwohl sie alle Vorbeugungsmaßnahmen ergriffen haben, trotzdem noch in großer Sorge sind. Man wacht mehrmals auf und schaut besorgt, ob das Kind noch atmet. Das kennen Eltern von Neugeborenen. Es gibt ja auch Monitoringsysteme für zuhause, was halten sie davon?

Michael Zemlin: Es stimmt, der Plötzliche Kindstod ist mit unheimlich viel Angst verbunden. Es gibt Firmen, die mit der Angst dieser Eltern Geld verdienen, weil sie spezielle Monitoringsysteme verkaufen. Deren Wirksamkeit ist aber im Hinblick auf die Verhinderung schlicht nicht nachgewiesen. Deshalb raten wir eher davon ab.

Es gibt zum Beispiel Matten, auf die man die Kinder legen kann, die registrieren, wenn sich das Kind nicht mehr bewegt. Wenn das Kind aber im Schlaf von der Matte herunterrollt, alarmiert die Matte - das Kind ist aber quietschfidel.

Wenn das Kind aber aufhört zu atmen, kann es zum Beispiel auch passieren, dass das Kind einen Krampfanfall aufgrund von Sauerstoffmangel bekommt. Die Matte würde in dem Fall registrieren: Kind bewegt sich, es ist alles in Ordnung und erst Alarm schlagen, wenn das Kind aufgehört hat zu zucken, es also zu spät ist.

Nur bei seltenen Konstellationen wie einem vorangegangenen Plötzlichen Kindstod in der Familie oder bei bestimmten Erkrankungen, wird ein Monitoring empfohlen – dies wird nach entsprechender Diagnostik ärztlich verordnet und mit einem medizinisch geeigneten Monitor durchgeführt. Außerdem müssen die Eltern ein Erste-Hilfe-Training erhalten, damit sie im Notfall richtig handeln können.

Wir raten also davon ab, ohne ärztliche Verordnung ein Monitoring durchzuführen. Man kann aber nicht leugnen, dass Eltern oft eine sehr große Angst haben und sich psychologisch beruhigt fühlen, wenn das Kind am Monitor hängt. Dann können die Eltern besser schlafen. Das kann natürlich für die Familie auch einen therapeutischen Nutzen haben. Nur muss man sich dann darüber im Klaren sein, dass man mit dem Monitor eigentlich die Eltern behandelt und nicht das Kind.


Gezielte Vorbeugungsmaßnahmen:

  • Baby immer in Rückenlage schlafen lassen
  • Schlafsack statt Decke benutzen
  • keine Kissen oder Bettzeug im Bett, keine Fellunterlage
  • keine Kuscheltiere oder Spielzeuge im Bett
  • nicht zu warm anziehen, eher kühlere Temperatur im Zimmer einstellen
  • Das Baby zwar in seinem eigenen Bett schlafen lassen - aber im Schlafzimmer der Eltern
  • langes Stillen
  • rauchfreie Umgebung - das gilt zum einen für das Schlafzimmer, aber auch schon Rauchen während der Schwangerschaft oder in Anwesenheit des Babys erhöht das Risiko

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