Prof. Dr. Uwe Waller (Foto: Imago/Becker & Bredel)

"Wir wissen nicht, wie das Plastik in Flüsse kommt"

Das Interview führte Sandra Schick   01.05.2019 | 08:01 Uhr

Eine achtlos weggeworfene Plastiktüte am Staden, ein aus dem Autofenster geworfener Becher - Plastikmüll in der Umwelt ist ein Problem. Warum unser Verhalten hier im Saarland aber auch direkte Auswirkungen auf die Plastikbelastung der Weltmeere hat, erklärt Meeresbiologe Prof. Uwe Waller von der Hochschule für Technik und Wirtschaft im Interview.

SR.de: Wir alle kennen die Bilder von riesigen Plastikmüllteppichen auf den Ozeanen. Oder von Walen, deren Mägen mit Plastik gefüllt sind. Von Plastikmüll in hiesigen Flüssen, z.B. der Saar, spricht aber kaum jemand. Warum eigentlich? Haben wir da überhaupt ein Problem?

Uwe Waller: Wir haben eine hohe Affinität zum Meer. Wir genießen es, am Strand zu liegen. Wir sehen auch den Müll, der sich am Strand sammelt. Aber was vergessen wird, ist, dass die Plastikmüllmassen in den Ozeanen vom Land kommen. Flüsse transportieren den Müll, zum Beispiel aus dem Ruhrgebiet oder eben auch aus dem Saarland. Und Flüsse fließen zum Meer. Die große Distanz zum Meer lässt sehr leicht vergessen, dass die Ursache bei uns liegt.

SR.de: Das heißt, wenn ich jetzt im Sommer am Staden sitze, dort meine Plastiktüte liegen lasse. Die wird vom Wind weggeweht, zum Beispiel in die Saar. Landet die dann irgendwann im Meer?

Uwe Waller: Eine Plastiktüte ist sehr langlebig. Das heißt ihre Tüte wird nicht chemisch in ihre Einzelteile zerlegt. Sie wird in kleine Teile zerrissen, sie wird immer kleiner werden. Steine werden sie zermahlen. Irgendwann bekommen wir ganz kleine Plastikteile daraus, die im Mikrometer- und Nanometerbereich liegen. Das bedeutet, die Plastiktüte schwimmt durch den Fluss und landet irgendwann in kleinsten Bruchstücken im Meer.

SR.de: Also kann man es tatsächlich so einfach formulieren: Meine Plastiktüte schwimmt von der Saar in die Mosel, von der Mosel in den Rhein und über den Rhein dann irgendwann in die Nordsee?

Uwe Waller: Alsolut korrekt. Die Frage ist natürlich, wie viele von den kleinen Partikeln dann im Fluss verbleiben, sich dort zum Beispiel in den Sedimenten ablagern. Ein Teil verbleibt im Fluss, ein Teil geht in die Meere. Auch kann die Plastiktüte durchaus, wenn ihr auf dem Weg nicht viel passiert, vollständig ins Meer gespült werden. Das alles können wir verhindern, indem wir die Plastiktüte einfach richtig entsorgen. Damit dann kann man schon viel erreichen.

Plastikmüll
Von der Saar ins Meer
Plastik in den Weltmeeren ist ein ernstzunehmendes Problem geworden. Doch woher kommt der viele Müll? Wissenschaftler sagen: Ein großer Teil schwimmt über Flüsse vom Festland zum Meer. Eine weggeworfene Plastiktüte am Saarufer wird also über kurz oder lang in der Nordsee landen. Wie belastet unsere Flüsse tatsächlich sind, wollen verschiedene Forschungsprojekte herausfinden.

Aber schauen sie sich mal an, wenn sie heute durch die Stadt laufen, wie viele Menschen ihren Müll einfach auf den Boden werfen. Das geht alles von den Straßen meist ziemlich direkt in die Flüsse hinein. Wir sehen in Messungen, dass in den Flüssen tatsächlich viel mehr Plastikpartikel in einem Kubikmeter Wasser sind, als im Meer. Der Fluss transportiert diese Partikel dann ins Meer hinein.

SR.de: Kann man denn sagen, wie viel von dem Plastik im Meer tatsächlich aus unseren Flüssen stammt?

Uwe Waller: Ich bin da vorsichtig. Aber es gibt Schätzungen. Eine Veröffentlichung, die sich mit den zehn größten Flüssen weltweit befasst hat, kommt zu dem Ergebnis, dass 88 bis 95 Prozent des Eintrags in die Meere aus den zehn Flüssen kommt. Das heißt: Ein Großteil des Plastikmülls kommt über die Flüsse ins Meer. Die meisten dieser Flüsse liegen weit außerhalb Europas. Aber auch in Deutschland sind wir nicht die Guten. Man muss sich nur das Rheinprofil anschauen.

SR.de: Wie sieht es denn im Rhein aus? Wieviel Plastik ist da drin?

Uwe Waller: Für den Rhein ist das zumindest einmal gut dokumentiert worden. Man hat Wasserproben von verschiedenen Stellen genommen und geschaut, wie viel Plastik enthalten ist. Am Oberlauf ist die Belastung noch gering, bei Straßburg beispielsweise findet man nur Fragmente. Anders sieht es dann in Duisburg im Bereich des Ruhrgebietes aus. Dort explodiert die Belastung förmlich. Dort wurden über 20 Plastikpartikel pro Kubikmeter Wasser gemessen.

SR.de: Gibt es Möglichkeiten, das Plastik nochmal herauszukriegen, z.B. durch Filter?

Uwe Waller: Nein, ich sehe keine vernünftigen technischen Möglichkeiten. Es gibt zwar große Projekte, die das versuchen. Aber das Problem, das sie immer haben: Neben den Plastikpartikeln, die sie damit abfangen, fangen sie ja auch immer andere Sachen mit, die kein Plastik sind, die eigentlich im Meer bleiben sollten. Ein anderer Ansatz sind Barrieren, wo das Plastik hinein treibt. Das erscheint möglich, ist aber letztlich auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Den Ozean zu filtern, wird in keinem Fall möglich sein. Wir müssen an der Quelle anfangen, dort, wo das Plastik in die Umwelt gelangt.

SR.de: Wie findet man das denn heraus? Also wo die genauen Quellen sind?

Uwe Waller: Studierende unserer Hochschule, der HTW Saar, entwickeln gerade ein Projekt mit dem Titel "Wasserläufer", das genau dort ansetzt. Der Wasserläufer ist ein kleines, autonomes Wasserfahrzeug, das mit Elektromotoren angetrieben wird. Die Idee ist: Der Wasserläufer fährt auf der Oberfläche von Gewässern und nimmt Umweltproben an verschiedenen Stellen.

Wir erfassen zum Beispiel die Sauerstoffkonzentration, die Temperatur und den pH-Wert. Gleichzeitig verfügt er aber auch über ein Sammelsystem, das Plastikpartikel aus dem Wasser sammelt. Damit wollen wir feststellen, wo Quellen für die Plastikverschmutzung sind. Ich glaube, dass wir gar nicht wissen, wo genau Plastik in die Flüsse gelangt. Kennt man die Quellen, kann man Verschmutzung vermeiden.

SR.de: Ist also die Vermeidung von Plastik letztlich der Lösungsweg für die Zukunft?

Uwe Waller: Wir müssen anfangen zu verstehen, dass das, was wir bis jetzt gemacht haben, wahrscheinlich nicht mehr rückgängig zu machen ist. Wir müssen mit dieser Situation leben und erkennen, dass wir in Zukunft ganz klar die Vermeidung nach vorne stellen müssen. Also wenn sie sich als Kunde beschweren, dass Dinge in Plastik verpackt sind, dann machen sie es genau richtig. Plastikverpackung ist ein Hauptanteil unseres Plastikmülls. Hier steht jeder von uns in der Verantwortung. Auch Unternehmen sind in der Verantwortung. Wir reden von Nachhaltigkeit, also sollten wir sie auch gemeinsam leben. Das gilt auch für die Politik. 

Ein weiteres Interview von Prof. Waller zum Thema Plastikmüll:

Interview mit Prof. Uwe Waller zum Thema Plastikmüll
Audio [SR 2, (c) SR, 30.04.2019, Länge: 05:32 Min.]
Interview mit Prof. Uwe Waller zum Thema Plastikmüll
Im Interview mit Prof. Uwe Waller von der Hochschule für Technik und Wirtschaft geht es um den Plastikmüll, den wir tagtäglich erzeugen. Dieser wandert, nachdem wir ihn fein säuberlich im Gelben Sack entsorgt haben, um die ganze Welt und landet schließlich meist in Südostasien. Eine Lösung für dieses Problem sieht Prof. Uwe Waller unter anderem darin, im Alltag weniger Plastikmüll zu produzieren.

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