Da ist ein junges Mädchen im Krankenhaus, weil es an PIMS (Coronafolgeerkrankung) erkrankt ist. (Foto: Felix Schneider/SR)

Wie Corona Kinder hinterrücks angreifen kann

Felix Schneider / Christian Leistenschneider   09.07.2021 | 09:45 Uhr

Es ist eine neue wie tückische Krankheit: PIMS. Vor allem bei Kindern kann eine oft symptomfreie Coronainfektion zu ernsten Spätfolgen führen. Die neunjährige Lili aus Saarbrücken stand sogar kurz vor einem Multiorganversagen.

Der Kreislauf desolat, der Körper schlecht durchblutet, extreme Luftnot: Als Lili von ihren Eltern in die Notaufnahme der Saarbrücker Winterberg-Klinik gebracht wird, ist ihr Zustand sehr ernst. „Sie war tatsächlich schon auf dem Weg ins Multiorganversagen. Zu Hause hätte sie das wahrscheinlich nicht mehr geschafft“, schildert die behandelnde Ärztin Lisa Saternus die Situation, in der sie ihre neunjährige Patientin kennenlernte. Lili muss intensivmedizinisch behandelt und zeitweise sogar in ein künstliches Koma versetzt werden.

Bevor sie ins Krankenhaus kam, war Lili ungefähr eine Woche lang krank gewesen. Das Tückische dabei: Ihre Symptome waren ganz unspezifisch. Fieber, Unwohlsein, Husten, ein bisschen Kopfschmerzen, Nackensteifigkeit - nichts, was auf eine klare Ursache hindeutet.

Antikörper greifen Organe an

Auch die Ärzte brauchen einige Zeit, bis sie die richtige Diagnose stellen können: Lili litt unter PIMS (Pädiatrisches Inflammatorisches Multiorgan-Syndrom), eine Art Autoimmunerkrankung infolge einer Coronainfektion: „Der Körper baut dabei als Reaktion auf die Coronainfektion Immun-Antikörper auf, die sich gegen körpereigene Strukturen richten. Daraus kann im Endeffekt ein Multiorganversagen entstehen“, erklärt Saternus.

Und plötzlich schwebt das Kind in akuter Lebensgefahr
Audio [SR 3, Steffani Balle, 09.07.2021, Länge: 02:54 Min.]
Und plötzlich schwebt das Kind in akuter Lebensgefahr

PIMS ist, ebenso wie das auslösende Sars-Cov2, „Neuland“. Und ebenso wenig, wie es dafür ein heilendes Medikament gibt, gibt es eines für Pims. „Man kann nur symptomatisch behandeln: mit Immun-Globulinen, Steroiden, also Kortison-Präparaten, und mit kreislaufunterstützenden Mitteln“, sagt Saternus.

So wurde auch Lili geholfen. „Wir mussten ziemlich viele Register der Intensivmedizin ziehen. Wir haben sie intubiert, und sie war eine Woche lang beatmet und im künstlichen Koma. Sie hat kreislaufstabilisierende Medikamente bekommen, um das Herz zu unterstützen, weil im Zuge des Lungenversagens das Herz den Körper nicht mehr ausreichend mit Blut versorgen kann.“

Kein Grund zu Panik

Trotz des erschreckenden Verlaufs, den die Krankheit bei Lili nahm: Panik wegen Pims sei fehl am Platz, sagt Lisa Saternus. „Das wäre der falsche Weg, damit umzugehen. Natürlich ist das sehr beängstigend, wenn man hört, wie es in Lilis Falls aussah. Das war aber die Maximalvariante des Krankheitsbildes.“

Insgesamt seien es nur fünf von 10.000 Kindern, die das Krankheitsbild bekommen, meist dann auch nicht in voller Ausprägung wie bei Lili. Im Saarland sind 13 Kinder nach einer unauffälligen Corona-Infektion an Pims erkrankt, davon sechs ähnlich stark wie Lili. Und: „Die Sterblichkeitsrate ist extrem niedrig - etwa 1-2 Prozent in Deutschland. Wir sehen zwar dramatische Verläufe, aber die Kinder erholen sich in der Mehrheit der Fälle gut“, sagt Saternus. Wichtig für Eltern sei vor allem zu wissen, dass bei entsprechenden Symptomen die Möglichkeit der Krankheit besteht.

Auch Lili hat sich gut erholt. Nur mit Sport muss sie langsam machen. Marco Barbara und Elena Kolic, Lilis Eltern, sind darüber sehr erleichtert. „Sie war immer schon so und hat Dinge extrem gut weggesteckt. Sehr mutig. Wenn man sie jetzt sieht, würde man gar nicht meinen, dass sie so was hinter sich hat.“

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