Pflegeskandal: Kontrollen haben versagt (20.06.2012)

  20.06.2012 | 11:54 Uhr

Die Misshandlungen im AWO-Pflegeheim in Elversberg sind trotz Kontrollen monatelang nicht aufgefallen. Das teilte der Medizinische Dienst den Krankenkassen mit. Sozialminister Storm spricht vom "im Grunde schlimmsten Ereignis der letzten Jahre".

Es habe bereits im Dezember Beschwerden über die Qualität der Pflege in dem Seniorenzentrum in Elversberg gegeben, teilte Oliver Wermann vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung im Saarland mit. Daraufhin seien bei einer Überprüfung stichprobenartig 15 von insgesamt mehr als 150 Patienten näher angesehen worden. Laut AWO gab es auch Kontrollen des Gesundheitsamts. Doch trotz Hinweisen und Kontrollen sind die mutmaßlichen Taten auf der Pflegestation monatelang nicht aufgefallen.

Storm: "Schreckliche, unfassbare" Vorfälle

Der saarländische Sozialminister Andreas Storm und die Staatssekretärin Gaby Schäfer fordern unterdessen eine umfassende Aufklärung „angesichts der schrecklichen, unfassbaren“ Vorfälle in der AWO-Pflegeeinrichtung. Gleichzeitig warnen sie vor „ Schnellschüssen“. „Hier geht Gründlichkeit vor Schnelligkeit“, sagte der Minister. Soweit erste Erkenntnisse vorlägen, handele es sich hier um einen Ausnahmefall und das sei kein Grund, jetzt an der Qualität aller Pflegeheime zu zweifeln. Sobald die Untersuchungen abgeschlossen seien, müsse über die daraus zu ziehenden Schlussfolgerungen entschieden werden, so Storm.

Unglaubliche Vorwürfe

Am Dienstag war bekannt geworden, dass zwei Pfleger des AWO-Altenheims mehrere Patienten misshandelt haben sollen - in zwei Fällen mit Todesfolge. Die Staatsanwaltschaft Saarbrücken hat die Ermittlungen gegen die beiden Altenpfleger aufgenommen. Den 35- und 25-Jährigen werden erhebliche Straftaten vorgeworfen. Nach Angaben des Anwalts der AWO soll der 35-Jährige eine Seniorin ohne Betäubung operiert haben. Die Frau starb einen Tag später. Zudem wird ihm die Verabreichung einer tödlichen Dosis Morphium an einen Schwerkranken vorgeworfen. Der 25-jährige Pfleger soll einen Patienten absichtlich geschnitten und weitere geschlagen und gedemütigt haben.

AWO stellt Opfern Entschädigung in Aussicht

Der AWO-Landesvorsitzende Paul Quirin sprach von schockierenden Vorkommnissen, die rückhaltlos aufgeklärt werden müssten. In dem Heim seien Menschen, "die uns zur Pflege anvertraut wurden, offenbar Menschen mit krimineller Energie in die Hände gefallen, die ich eigentlich nur als menschenverachtende Psychopathen bezeichnen kann", sagte er. Alles Weitere liege nun zunächst in den Händen der Staatsanwaltschaft. Die AWO stellte den Opfern eine Entschädigung in Aussicht, wenn sich die Vorwürfe gegen die Beschuldigten durch die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen erhärteten.

Zur Lage der Altenpflege in Deutschland

Elversberg - ein Einzelfall oder doch eher die Regel im chronisch an Personalmangel leidenden deutschen Altenpflegewesen? SR 2 KulturRadio hat bei Prof. Christel Bienstein von der Stiftung Pflege nachgefragt:

Bild: Audiobanner
SR-Mediathek: "Interview mit Prof. Christel Bienstein" [Reingart Sauppe für SR 2 KulturRadio, MorgenMusik, 20.06.2012, Länge ca. 7:52 Min.]

Artikel mit anderen teilen