Familie Schneider und Christopher Stocum (Foto: SR/Roswitha Böhm)

„Ein Zuhause fern von Zuhause“ zu Weihnachten

Roswitha Böhm   14.12.2019 | 09:14 Uhr

Weihnachten weit weg von der eigenen Familie – das ist für die meisten Menschen kaum denkbar. Damit junge Soldaten auf dem US-Army-Stützpunkt Baumholder die Feiertage nicht alleine verbringen müssen, gibt es dort die „Operation Good Cheer“. Familien aus dem Umkreis laden die Soldaten zu sich nach Hause ein, um gemeinsam die Feiertage zu verbringen.

Auf den Tischen der Truppenküche im Stützpunkt Baumholder stehen große gelbe Schilder: Darauf jeweils der Name einer Familie und ihres Weihnachtsgastes. Gespannt suchen die Teilnehmer von „Operation Good Cheer“ nach ihrem Sitzplatz, denn die Aktion hat etwas von einem Blind Date. Noch keiner weiß so genau, was – oder besser wer – ihn erwartet.

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Schilder führen Soldaten und Gastfamilien zusammen

Einer der jungen Soldaten, die in diesem Jahr an dem Programm teilnehmen, ist Christopher Stocum. Der 23-Jährige aus Tennessee ist erst seit zwei Monaten in Deutschland. „Ich bin super nervös“, verrät er. „Das ist wie ein erstes Date. Man trifft neue Leute und versucht, einen guten Eindruck zu machen.“ Doch seine Sorge scheint unbegründet. Denn mit seinen Gastgebern, Familie Schneider aus Tholey, versteht er sich sichtlich gut.

Mutter Anne und ihre Töchter Paula und Lola sind nach Baumholder gekommen, um Christopher kennenzulernen. Als sie von dem Programm hörten, war ihnen sofort klar, dass sie mitmachen wollen. „Mama hat das in unsere Whatsapp-Gruppe gepostet und gefragt, was wir davon halten. Wir waren alle sofort begeistert“, sagt die 17-jährige Paula.

Schon nach kurzer Zeit sind die Saarländer und der US-Soldat ins Gespräch vertieft. Bei Sandwiches und Limo sprechen sie über ihre Erfahrungen im Ausland, tauschen sich über Hobbys aus, vergleichen deutsche und amerikanische Weihnachtsbräuche und zeigen sich Fotos aus ihrem Leben. Vor allem aber wird viel gelacht. Es wirkt wirklich nicht, als hätten sie sich gerade erst kennengelernt. Und auch, wenn einmal die eine oder andere Vokabel fehlt, eine Sprachbarriere steht ihnen nicht im Weg.

Weihnachten in der Ferne

Für Christopher ist es das zweite Mal, dass er die Feiertage nicht bei seiner Familie verbringen kann. 2016 war er zur Weihnachtszeit im Irak stationiert, mit gerademal 19 Jahren. „Ich habe meine Eltern sehr vermisst. Es war das erste Mal, dass ich an Weihnachten nicht zuhause war“, erzählt er. Eine festliche Stimmung kam damals auf dem Stützpunkt nicht auf. „Einige von uns haben Schneeflocken aus Papier ausgeschnitten und an die Wachtürme gehängt. Wir haben versucht, das Beste draus zu machen, aber richtig Weihnachten war es trotzdem nicht.“

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US-Soldat Christopher Stocum

Deswegen hat er sich sofort gemeldet, als er in Baumholder von „Operation Good Cheer“ gehört hat. Er hofft, dass er diesmal bei den Schneiders ein Zuhause fern von Zuhause finden kann. Und er ist gespannt auf die deutschen Weihnachtsbräuche: „Keiner feiert Weihnachten so groß wie die Deutschen“, meint er.

45 Jahre "Operation Good Cheer"

Seit 45 Jahren gibt es die „Operation Good Cheer“ in Baumholder, damit die dort stationierten Soldaten die Festtage nicht alleine verbringen müssen. Dieses Jahr nehmen 28 US-Soldaten teil. 24 Familien haben sich bereit erklärt, sie aufzunehmen, vier davon auch aus dem angrenzenden Saarland. „Es ist unser Ziel, dass sich Freundschaften entwickeln, die länger andauern“, sagt Presseoffizier Bernd Mai. Und tatsächlich gibt es viele Soldaten, die ihre ehemaligen Gastfamilien regelmäßig besuchen. In einem Fall ist ein Soldat sogar zum richtigen Familienmitglied geworden. „Der hat in die Familie eingeheiratet und ist dann Schwiegersohn geworden“, erinnert sich Mai.

Eine besondere Verbindung zu den USA

„Ich weiß, wie es ist, wenn man neu ist und sich noch nicht gut mit der Kultur auskennt“, sagt Gast-Schwester Paula Schneider. Sie hat eine besondere Verbindung zu den USA. Genau wie ihr älterer Bruder Moritz hat sie während der Schulzeit ein Austauschjahr in den Vereinigten Staaten gemacht. Das war für sie eine spannende Erfahrung, die sie auf keinen Fall missen möchte, auch wenn sie sich ganz zu Beginn ein bisschen alleine gefühlt hat. Christopher soll es in Deutschland – gerade an Weihnachten – nicht so gehen, meint sie. „Deswegen habe ich mir vorgestellt, dass er sich bestimmt freut, wenn er an Weihnachten von unserer Familie aufgenommen wird.“

 „Für mich ist das jetzt das erste Mal, dass ich mit einem richtigen Amerikaner rede“, sagt ihre 14-jährige Schwester Lola. Für sie steht der USA-Besuch noch an. In der 10. Klasse möchte auch sie für ein halbes Jahr nach Amerika. Sie freut sich darauf, dass sie ihr Englisch nun schon ein bisschen üben kann. Und überlässt Christopher sogar gerne ihr Zimmer „Ich schlaf dann eben auf dem Sofa. Das kriegen wir auf jeden Fall hin.“

Bräuche teilen

Gemeinsam schmieden Christopher und die Schneiders Pläne für die Feiertage. Dazu gehören gutes Essen und natürlich die Bescherung, aber auch ein Ausflug ist angedacht. „Damit er auch ein bisschen was von der Gegend sieht“, sagt Mutter Anne. Zur Saarschleife könnte es zum Beispiel gehen. Und auch Christopher bringt seine eigenen Traditionen mit in die Familie nach Tholey. Bei ihm gibt es am Weihnachtsmorgen immer frisch gepressten Orangensaft. „Das ist zwar nicht typisch amerikanisch, aber typisch für meine Familie“, sagt er. Und er verspricht, amerikanische Süßigkeiten mitzubringen, die Lola und Paula so gerne mögen.

Als die Sandwiches aufgegessen, die Uhrzeit vereinbart und Handynummern ausgetauscht sind, machen sich alle wieder auf den Heimweg. Wie ist es also gelaufen, das Blind Date? Als die Schneiders gerade nicht hinhören, sagt Christopher: „Ich vergebe 10 von 10 Punkten“, und grinst. „Ich liebe diese Leute. Ich mag, dass sie gerne lachen. Und jetzt freue ich mich darauf, den Vater und den Bruder kennenzulernen.“

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