Impfdosen mit Impfstoff zur Injektion mit einer Kanüle. Im Hintergrund das Logo "Novavax". (Foto: IMAGO / Sven Simon)

Vor- und Nachteile des neuen Novavax-Impfstoffes

Thomas Braun   21.01.2022 | 17:45 Uhr

Im Saarland könnten Ende Februar Impfungen mit dem Vakzin von Novavax starten. Da dieser Impfstoff auf einem eher traditionellen Wirkprinzip basiert, könnte er für die Menschen interessant sein, die den bisherigen mRNA-Wirkstoffen skeptisch gegenüberstehen. Die Homburger Immunologin Prof. Martina Sester erklärt Vor- und Nachteile dieses neuen Impfstoffes.

Corona-Impfungen mit dem Wirkstoff von Novavax sollen nach Plänen der Landesregierung ab Ende Februar möglich sein. Das Gesundheitsministerium strebt nach eigenen Angaben an, Terminbuchungen für Impfungen mit Novavax ab dem 5. Februar über das Impfportal des Landes freizuschalten.

Der Termin ist nach Angaben des Ministeriums allerdings noch nicht endgültig, da es noch keine konkreten Angaben vom Bund gibt, wann der Impfstoff ins Saarland geliefert wird. Offen ist demnach auch noch, wie der Bund den Impfstoff auf Impfzentren und Ärzte verteilt.

Was Novavax von anderen Imfpstoffen unterscheidet

Der Impfstoff heißt eigentlich Nuvaxovid und kommt vom Hersteller Novavax. Es ist ein Proteinimpfstoff, der Virus-ähnliche Partikel mit dem "Spike-Protein" des Coronavirus enthält. Die EU-Kommission hatte den Impfstoff am 20. Dezember vergangenen Jahres für Erwachsene in der EU zugelassen.

Nuvaxovid enthält anders als die bisher in Deutschland verfügbaren Impfstoffe keine Erbinformationen wie mRNA oder DNA - und gilt unter anderem deshalb als mögliche Alternative für bislang ungeimpfte Personen, die den Vakzinen von Biontech, Moderna, AstraZeneca oder Johnson&Johnson genau wegen dieser vergleichsweise neuen Technologien bislang skeptisch gegenüber standen.

In den Zulassungsstudien mit insgesamt rund 45.000 Teilnehmern erzielte der Impfstoff bei den damals zirkulierenden Virusvarianten eine Wirksamkeit von etwa 90 Prozent.

Sester: Guter Impfstoff, aber nicht besser als die mRNA-Impfstoffe

Aus Sicht der Homburger Professorin für Infektionsimmunologie, Martina Sester, ist es ein sehr guter Impfstoff, unterm Strich "aber kein besserer Impfstoff als die mRNA-Impfstoffe." 

Und gerade mit Blick auf die derzeit dominierende Omikron-Variante sei nicht damit zu rechnen, dass der Impfstoff in der derzeitigen Form besser schütze als die anderen Impfstoffe. "Schlichtweg, weil sie auf dem gleichen Impf-Antigen beruhen", erklärte Sester.

Wie ist der Schutz vor schweren Verläufen?

Unklar ist noch, wie gut der Impfstoff gegen schwere Verläufe schützt. In der Studienphase gab es insgesamt zu wenige Fälle, um das verlässlich zu beurteilen. Hinzu kommt laut Professorin Sester, dass es kaum Daten zur T-Zell-Immunität gibt.

Vor- und Nachteile des neuen Novavax-Impfstoffes
Audio [SR 3, Interview: Prof. Martina Sester , 25.01.2022, Länge: 03:50 Min.]
Vor- und Nachteile des neuen Novavax-Impfstoffes

Vereinfacht gesagt beruht eine Immunantwort auf zwei Säulen: Antikörpern und T-Zellen. Während Antikörper vor allem vor einer Infektion schützen, schützen die T-Zellen vor allem vor einem schweren Verlauf.

"Bei Novavax habe ich den Eindruck, dass dieser Impfstoff - rein auch vom Wirkmechanismus her - weniger gut eine T-Zell-Antwort triggert, als es die Vektor- und mRNA-Impfstoffe tun", sagte Sester. "Da hat man bei den anderen Impfstoffen sehr viel mehr Daten und weiß, dass das gut funktioniert."

Wirkprinzip bereits in mehreren Impfstoffen eingesetzt

Der Wirkmechanismus, auf dem Novavax beruht, ist schon länger bekannt und teilweise seit Jahrzehnten im Einsatz. "Da gibt es Erfahrungswerte von anderen Impfstoffen, beispielsweise der Hepatitis-B-Impfung, die es bereits seit den 80er Jahren gibt.

Das Prinzip wird auch bei Papillomvirus-Impfung angewendet oder seit vergleichsweise kurzer Zeit auch bei der Zoster-Impfung, die Erwachsene vor einer Gürtelrose schützt, die durch das Windpockenvirus ausgelöst wird", erklärte Sester.

Etwas weniger Nebenwirkungen bei Novavax

Die Nebenwirkungen, die in der Zulassungsstudie aufgetreten sind, ähneln denen der mRNA-Impfstoffe - also etwa Schmerzen an der Einstichstelle, Müdigkeit, Kopfschmerzen oder Muskelschmerzen. Sie dauern allerdings in den meisten Fällen maximal zwei Tage an. "Im direkten Vergleich hat man bei der Novavax-Impfung aber etwas weniger Menschen, die diese Nebenwirkungen beklagten als bei den mRNA-Impfstoffen. Novavax ist in der Richtung vielleicht etwas verträglicher", sagte Sester.

Adjuvans verstärkt Wirkung und Nebenwirkung

Mit verantwortlich für diese Nebenwirkungen ist bei Novavax ein Wirkverstärker, der dem Impfstoff hinzugegeben wird. Diese sogenannte Adjuvans sei aber auch Teil des Erfolgsrezeptes. "Ohne Adjuvans hätte man weniger Nebenwirkung, aber auch viel, viel weniger Wirkung", so Sester.

Das habe insbesondere die Phase-I-Studie zum Impfstoff gezeigt, in der mit verschiedenen Dosierungen des Spike-Proteins und auch der beigefügten Menge an Adjuvantien experimentiert wurde.

So habe man in einer Testreihe besonders viel Spike-Protein in den Impfstoff gegeben, aber keinerlei Wirkverstärker. "Bei Probanden, die den Impfstoff mit Adjuvans erhalten haben, waren die Antikörper 100 mal höher als bei Personen, bei denen der Impfstoff keine Adjuvans enthielt", sagte Sester. "Man erreicht durch Adjuvantien daher selbst bei geringerer Impfstoffmenge einen deutlich besseren Impferfolg."

Wie der Wirkverstärker funktioniert

Sester erklärt das mit der Wirkweise des Immunsystems. Das springe nicht bei jedem fremden Protein an, um nicht direkt gegen harmlose Moleküle oder körpereigene Stoffe eine Immunreaktion hervorzurufen. "Das Immunsystem soll vielmehr nur dann reagieren, wenn es eine Struktur und Eigenschaften erkennt, die es mit einem Erreger verbindet", so Sester. Deshalb wird das Spike-Protein für die Impfung in Nanopartikel zusammengelagert, so dass es mehr wie ein Erreger wirkt.

Hinzu kommt: "Wenn ich einen Impfstoff beispielsweise in den Oberarm spritze und eine Immunantwort erzeugen möchte, setzt das voraus, dass der Impfstoff von bestimmten Zellen, sogenannten dendritischen Zellen, in die nächstgelegenen Lymphknoten transportiert wird - in dem Fall in der Achselbeuge", sagte Sester. Erst dort werde dann die Produktion von Antikörpern und T-Zellen angestoßen.

"Diese Wanderung erfordert gewisse Gefahrensignale, die natürlicherweise mit dem Virus mitkommen. Wenn bei einem Impfstoff diese Signale fehlen, bleiben die dendritischen Zellen aber einfach an ihrem Platz und stoßen gar keine Immunantwort an", so Sester. Mit den Adjuvantien hingegen gebe man diese Gefahrensignale mit.

In Novavax kommen Saponine als Adjuvans zum Einsatz, laut Sester ein Naturstoff, der aus der Rinde eines Baumes gewonnen wird. Diese Adjuvantien kämen bereits in anderen Impfstoffen, etwa dem Zoster-Impfstoff oder dem Malaria-Impfstoff, zum Einsatz.

Großer Vorteil: einfachere Logistik

Der größte Vorteil, den der Novavax-Wirkstoff gegenüber den bisherigen Impfstoffen hat, ist seine bessere Transport- und Lagermöglichkeit. Das macht ihn vor allem für den weltweiten Einsatz, auch in ärmeren Regionen, sehr interessant. Nicht nur als Primär-Impfstoff, sondern beispielsweise auch für die Booster-Impfungen.

Hier gebe es vielversprechende erste Studiendaten - wobei hier die mRNA-Impfstoffe in der Boosterwirkung tendenziell etwas besser abgeschnitten hätten.

Sester würde weiterhin mRNA-Impfstoff empfehlen

Man habe mit Novavax sicherlich einen weiteren, guten Impfstoff, der jetzt bald verfügbar ist und möglicherweise bislang skeptische Personen von einer Impfung überzeugen könnte.

Sie selbst würde aber weiterhin einen mRNA-Impfstoff wählen - einfach schon deshalb, weil es hierzu mittlerweile viel, viel mehr Daten zur Wirkung und zur Verträglichkeit gebe. Langzeitfolgen bei einem mRNA-Impfstoff halte sie für sehr unwahrscheinlich, da die mRNA nach der Injektion relativ schnell wieder abgebaut werde.

Es gebe generell bei allen Impfungen die sehr seltene Möglichkeit, dass dadurch Autoimmunerkrankungen hervorgerufen werden. "Das tun aber Viren oder Virusinfektionen auch - und dies in weitaus höherem Maße", so Sester. "Die Wahrscheinlichkeit, dass man durch eine Impfung Langzeitnebenwirkungen bekommt ist geringer als durch eine Infektion."

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten am 21.01.2022 berichtet.

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