Polizeiauto am Ort des SEK-Einsatzes, Schießerei in Klarenthal (Foto: IMAGO/BeckerBredel)

Neue Details zum Schützen von Klarenthal

mit Informationen von Thomas Gerber   13.06.2022 | 10:03 Uhr

Nach der Schießerei von Klarenthal sind weitere Details zur Person des Schützen bekannt geworden. Der 67 Jahre alte Jurist Michael E. war nach SR-Informationen bereits 1999 im Rahmen eines Zuhälterprozesses zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt worden. Das Landgericht verhängte zusätzlich ein Berufsverbot.

Das Urteil des Landgerichts (09.08.1999) gegen Waffennarr E. und seinen Komplizen, einer Größe aus der Saarbrücker Rotlichtszene, liest sich wie eine Studie aus dem Milieu. Dabei geht es nicht nur um Ausbeutung und Prostitution, sondern auch um Waffen, Prozessbetrug, falsche Verdächtigungen und Verleumdungen. E. hatte den Zuhälter vor Gericht vertreten. Verteidiger und Mandant waren sich dabei näher gekommen, wurden laut Urteil Duzfreunde.

Eine Hand wusch die andere. So half der Zuhälter seinem studierten Freund, einen Waffenschein zu besorgen. Er schrieb einen anonymen Brief an E.'s Kanzlei, dem er zur Warnung drei Patronen beilegte. Mit diesem Schreiben ging E. mit schusssicherer Weste zur Waffenbehörde, aufgrund der mutmaßlichen Bedrohungssituation bekam er einen Waffenschein. In der Folge zog der Anwalt laut Urteil nur noch bewaffnet durch die Gegend.

Neue Erkenntnisse über den Schützen von Klarenthal
Audio [SR 3, Moderation: Dorothee Scharner, 13.06.2022, Länge: 04:42 Min.]
Neue Erkenntnisse über den Schützen von Klarenthal

Juristisch fragwürdige Methoden

Als E. am 14. Oktober 1998 in der Ursulinenstraße in Saarbrücken festgenommen wurde, trug er eine mit acht Schuss geladene Smith&Wesson Kaliber 45 rechts im Hosenbund unter dem Pullover versteckt.

Im Prozess vor dem Landgericht hatte E. 1999 versucht, seinen Freund - den Zuhälter - rauszuhauen. Dies allerdings mit juristisch mehr als fragwürdigen Methoden. Dem damals federführenden Kripobeamten unterstellten sie mit Hilfe von Falschaussagen Straftaten. Angeblich habe er gut 20.000 D-Mark Bargeld aus dem Handschuhfach des Autos des Angeklagten entwendet. Prostituierte wurden angehalten, gegen den Beamten auszusagen. Der Ermittler soll Termine von Rotlichtrazzien durchgesteckt haben, im Gegenzug habe er Geld und kostenlosen Sex bekommen. Schriftsätze und Strafanzeigen wurden verfasst.

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Der bei einer Schießerei am Freitag in Klarenthal schwer verletzte Polizeibeamte ist auf dem Weg der Besserung. Landespolizeipräsidium und Fachaufsicht untersuchen den Einsatz derweil auf mögliche Defizite, können aber bis jetzt keine Fehler feststellen. Ein Restrisiko bestehe aber immer.

E. nutzte dabei sein Wissen als Strafverteidiger. Er ließ in seinen Schreiben die Angaben der Prostituierten meist möglichst vage, um sie glaubwürdiger erscheinen zu lassen. Zugleich aber waren sie so präzise, dass klar war, wer gemeint war.

Mehrere Monate in Untersuchungshaft

Das Konstrukt einer mutmaßlich bestechlichen Polizei jedoch platzte - im August 1999 wurden E. und der Zuhälter von der 8. Strafkammer des Landgerichts zu jeweils zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.

Illegaler Waffenbesitz, falsche Verdächtigung, versuchter Prozessbetrug und Verleumdung - die Latte der Straftaten war lang, das Urteil dennoch relativ mild. E. und der Zuhälter hatten zunächst mehrere Monate in Untersuchungshaft gesessen und dann im Rahmen eines Deals Geständnisse abgelegt. E. wurde zusätzlich ein Berufsverbot von drei Jahren aufgebrummt.

In der Folgezeit versuchte E. ein halbes Dutzend Mal, die Zulassung als Rechtsanwalt wieder zu erlangen. Die Anwaltskammer des Saarlandes jedoch legte sich quer. E. sei "unwürdig", den Rechtsanwaltsberuf auszuüben.

2018 Wiederzulassung als Anwalt

Erst knapp 20 Jahre nach dem Urteil des Landgerichts bekam E. die Wiederzulassung als Anwalt. Er war bis zum Bundesgerichtshof gezogen, der 2018 seiner Berufung schließlich stattgab. Zwar seien die Straftaten von damals "gravierend und berufsbezogen", aber fast 20 Jahre seien vergangen und E. habe sich "untadelig" verhalten. Die "Unwürdigkeit" (zur Ausübung der Rechtsanwaltstätigkeit) sei nicht mehr begründbar. Der Kläger habe Reue gezeigt.

War E. also ein geläuterter Straftäter? Nicht nur die Geschehnisse von Klarenthal legen anderes nahe. So war der wieder zugelassene Anwalt erst Ende 2021 wegen unerlaubten Waffenbesitzes zu einer Geldstrafe von 3600 Euro verurteilt worden. Es folgte im Frühjahr dieses Jahres eine Strafe über 3000 Euro wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte.

In Schriftsätzen an die Waffenbehörde hatte E. erklärt, das "Gewaltmonopol des Staates" stehe angesichts des russischen Angriffskrieges nur auf dem Papier und er werde sich "nicht waffenlos einem Aggressor ergeben". Bei der Hausdurchsuchung Anfang Juni dieses Jahres konnte die Polizei in E.'s Anwesen in Klarenthal ein ganzes Waffenarsenal sicherstellen - 27 Pistolen, Gewehre und Flinten.

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