Verkehrskontrolle und Absperrband nach den Morden an zwei Polizisten in Kusel (Foto: dpa/Sebastian Gollnow)

Getötete Polizisten in Kusel: 32-Jähriger vom Mordvorwurf entlastet

mit Informationen von Barbara Spitzer und Thomas Gerber   01.03.2022 | 15:10 Uhr

Neue Erkenntnisse der Ermittler im Fall der mutmaßlichen Polizistenmorde in Kusel entlasten einen der beiden Tatverdächtigen. Der 32-Jährige soll nicht geschossen haben. Zum Tatablauf gibt es weitere neue Erkenntnisse.

Einen Monat nach dem mutmaßlichen Doppelmord an zwei Polizisten bei Kusel gehen die Ermittler offenbar nur noch von einem Todesschützen aus.

Video [aktueller bericht, 01.03.2022, Länge: 1:12 Min.]
Ermittler entlasten einen Tatverdächtigen im Fall Kusel

Christian Kessler, Verteidiger des bislang ebenfalls Mordverdächtigen Florian V. teilte dem SR am Mittag mit, dass gegen seinen Mandanten kein Tatverdacht wegen Mordes mehr bestehe. Die Staatsanwaltschaft Kaiserslautern bestätigte die Angaben. Zuerst hatte die "Saarbrücker Zeitung" darüber berichtet.

Umfangreiche Ermittlungen

Die Staatsanwaltschaft hat nach eigenen Angaben umfangreiche Zeugenvernehmungen durchgeführt und auch den 32-jährigen V. am 18. Februar noch einmal am Tatort in Ulmet, in der Nähe von Kusel, vernommen. V. hatte immer wieder beteuert, zwar bei dem Mord an den beiden Polizisten dabei gewesen zu sein, aber nicht selbst geschossen zu haben.

V. und der 38 Jahre alte Andreas S., der zur Tat nach wie vor schweigt, waren am 31. Januar in Sulzbach verhaftet worden. Die Staatsanwaltschaft Rheinland-Pfalz ging damals davon aus, dass beide gemeinschaftlich den Polizeibeamten und die Polizeianwärterin getötet hatten, um damit den Tatbestand der Wilderei zu verdecken.

Ermittler gehen von Einzeltäter aus

Dabei stützten sich die Ermittler auf die Annahme, dass eine Person alleine nicht fünf Schüsse aus zwei verschiedenen Waffen auf die beiden Polizisten hätte abfeuern können, außerdem noch drei Schüsse aus einem Gewehr, das nach jedem Schuss auseinandergeklappt und neu geladen werden muss.

Nach dem derzeitigen Ermittlungsstand ist dieser Schluss allerdings nicht zwingend. Die Staatsanwaltschaft geht inzwischen vielmehr davon aus, dass Andreas S. alleine geschossen hat.

Tatwaffen bestätigt

Die Staatsanwaltschaft bestätigte nun auch offiziell das Ergebnis eines Vorgutachtens, das vergangene Woche bekannt geworden war. Danach handelt es sich bei den bei der Verhaftung der beiden Verdächtigen sichergestellten Waffen um Tatwaffen.

An beiden wurden Fingerabdrücke und DNA-Spuren des 38-Jährigen festgestellt, jedoch keine Spuren des 32-Jährigen. Die Untersuchungen auf Schmauchspuren sind bislang nicht abgeschlossen. Vor dem Hintergrund des Jagdgeschehens erwarten sich die Ermittler davon auch keine entscheidende Aussagekraft.

Ermittlungen zum Hintergrund laufen weiter

Ebenfalls nicht abgeschlossen sind die Ermittlungen zu der Frage, wie die beiden Tatwaffen in den Besitz von S. gekommen sind. Denn der 38-Jährige hatte zum Tatzeitpunkt keine waffenrechtliche Erlaubnis zum Besitz von Schusswaffen. Die beiden Tatwaffen sind auf der Waffenbesitzkarte einer anderen, berechtigten Person eingetragen.

V. hingegen hatte nach aktuellem Stand der Ermittlungen weder eine Erlaubnis zum Besitz von Schusswaffen noch einen Jagdschein, weder aktuell noch in der Vergangenheit.

Die beiden Tatverdächtigen waren zum Tatzeitpunkt auch nicht betrunken. Das hat die Untersuchung der entnommenen Blutproben gezeigt.

Neue Erkenntnisse zur Tatnacht

Der Kastenwagen, mit dem beide unterwegs waren und in dem sich 22 geschossene Rehe und Hirsche befanden, war im Sommer 2021 speziell für den Transport solcher Wildmengen umgebaut worden.

In der Tatnacht, so schildert es V., habe der 38-jährige S. vom Auto aus mithilfe eines Nachtsichtgeräts ein Wildschwein geschossen. Er, V., sei dann mit einer Wärmebildkamera auf das an die Straße angrenzende Feld gegangen, um das Tier zu holen.

Unter Vorwand Waffen geholt

Zu diesem Zeitpunkt sei die Polizeistreife eingetroffen. Er sei dann wieder zu den beiden Fahrzeugen zurückgekehrt. Der Polizeibeamte sei am Streifenwagen gewesen und habe gefunkt.

Dann, so V.s Schilderung, sei S. zum Kastenwagen gegangen, mit einer an die Polizeianwärterin gerichteten Bemerkung, er wolle die verlangten Dokumente holen. Als die Schüsse begannen, habe der 32-Jährige Deckung im Straßengraben gesucht.

Die Polizeianwärterin wurde nach Angaben der Staatsanwaltschaft durch einen Schuss aus der doppelläufigen Schrotflinte getötet. Der Polizeibeamte wurde ebenfalls durch einen Schrotschuss verletzt, der jedoch nicht tödlich war.

Drohung mit dem Tod

Tödlich waren für ihn die Verletzungen durch drei weitere Schüsse, die aus dem Jagdgewehr abgefeuert wurden. Zwar trugen beide Polizisten Schutzwesten. Die Schüsse trafen laut Staatsanwaltschaft jedoch so, dass die Westen nutzlos waren.

Nach der Tat, erklärte V.s Anwalt Christian Kessler gegenüber dem SR, habe Andreas S. seinen Mandanten bedroht. Er solle ihm bei der Suche nach den Ausweispapieren helfen, sonst werde er ihn ebenfalls erschießen.

Neue Haftbefehle

Angesichts dieses aktuellen Ermittlungsstandes wurden die Haftbefehle am Dienstag neu gefasst. Der 38-Jährige Andreas S. gilt danach als alleiniger Tatverdächtiger, der Mordvorwurf gegen Florian V. entfällt.

Beide sind jedoch außerdem nach wie vor der gemeinschaftlichen, gewerbsmäßigen Jagdwilderei zur Nachtzeit beschuldigt. V. wird außerdem Strafvereitelung vorgeworfen.

Daher bleibt V. auch weiterhin in Haft. Sein Anwalt Christian Kessler zeigte sich von diesem Haftbefehl überrascht.

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten am 01.03.2022 berichtet.

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