31 Jahre nach einem Brandanschlag auf ein saarländisches Asylbewerberheim hat am 16.11.2022 in Koblenz ein Mordprozess gegen einen heute 51-jährigen Angeklagten begonnen. (Foto: picture alliance/dpa | Thomas Frey)

War Hoyerswerda Vorbild für den Mord an Samuel Yeboah?

Thomas Gerber   24.01.2023 | 20:57 Uhr

Das Oberlandesgericht Koblenz hat sich am Dienstag mit der Frage befasst, ob die rassistischen Ausschreitungen in Hoyerswerda Vorbild für den Mord an Samuel Yeboah waren. Der Generalbundesanwalt hatte diese These in seiner Anklage gegen Peter S. aufgestellt. Dessen Verteidiger hatten auf Veröffentlichungen verwiesen, wonach zum Zeitpunkt des Brandanschlags auf das Saarlouiser Asylbewerberheim in Hoyerswerda noch gar keine Molotowcocktails gebrannt hatten.

Ein Journalist der Sächsischen Zeitung sollte Klarheit in die Geschehnisse und Zeitabläufe von Hoyerswerda bringen. Das allerdings gelang nur bedingt. Der heute 73-jährige Fotograf hatte die Ausschreitungen von Anfang an beobachtet. Demnach seien in Hoyerswerda bereits am Abend des 18. September 1991 erste Brandsätze gegen Unterkünfte von Vertragsarbeitern aus Mosambik geschleudert worden – also wenige Stunden, bevor Peter S. am frühen Morgen des 19. September 1991 in Saarlouis das Feuer gelegt haben soll.

Die öffentliche Berichterstattung über die Angriffe in Hoyerswerda sei allerdings erst später erfolgt. Der Journalist berichtete aber auch, dass damals zumindest das Gerücht umgegangen sei, die örtlichen Neonazis hätten Unterstützung aus dem Westen bekommen. Also zumindest telefonisch könnten die Anschläge in der Szene schon früher die Runde gemacht haben.

Ein nicht ganz unwichtiges Detail. Denn laut Anklage der Bundesanwaltschaft soll sich Peter S. vor der Tat mit zwei Neonazikameraden in einer Kneipe getroffen und dort über Hoyerswerda gesprochen haben. Der damalige Anführer der Saarlouiser Skins Peter St. soll geäußert haben, dass auch "hier (in Saarlouis) mal so was brennen müsste". Die drei gingen auseinander – Peter S. soll dann als Einzeltäter gegen 3:30 Uhr das tödliche Feuer in Fraulautern gelegt haben.

Skinheadszene soll bis 1991 "eher unpolitisch" gewesen sein

Zuvor hatte das OLG Koblenz einen ehemaligen Polizeihauptkommissar aus Saarlouis als Zeugen gehört. In dessen Aussage wurde deutlich, dass die örtliche Polizei die Skinheadszene zumindest bis 1991 eher unpolitisch eingeordnet hatte. Oberstes Gebot für ihn sei es gewesen, Ruhe in der Stadt zu haben. Bei den Skins, so der Kommissar a.D., sei er "gefürchtet" gewesen. Platzverweise habe er ausgesprochen, viele Skins seien in der Zelle gelandet.

Übergriffe auf Ausländer habe es nicht gegeben – nur Schlägereien mit anderen Jugendlichen im Stadtpark. Erst später, Mitte der 1990er Jahre, habe sich das geändert. Die Skins seien "Hitleristen" geworden – hätten Hakenkreuzfahnen und den Hitlergruß gezeigt. Wobei ihr Anführer Peter St. mehrfach auf dem Revier vorgesprochen habe, zu sogenannten Koordinierungsgesprächen im Vorfeld von Veranstaltungen und Demonstrationen.

Bester Freund von Yeboah sagte vor Gericht aus

In Koblenz sagte am Dienstag zudem Yeboahs bester Freund aus. Er schilderte Samuel als fleißigen, intelligenten und netten Menschen. Über den Sport habe man sich kennengelernt. Im Boxclub Völklingen waren sie Mannschaftskameraden. Samuel, so der Zeuge, sei Teil seiner Familie gewesen. Weihnachten habe man gemeinsam gefeiert, zu seiner Oma habe Samuel auch Oma gesagt.

Samuel habe sich in Deutschland ein neues besseres Leben aufbauen wollen. Eigentlich sei er überall beliebt gewesen. Richtige Anfeindungen gegen Samuel habe er nicht erlebt. Nur einmal im Freibad sei sein Freund wegen seiner Hautfarbe bespuckt worden. Die von der Generalbundesanwaltschaft in ihrer Anklage zitierte Pogromstimmung gegen Ausländer – in Saarlouis sei dies nicht zu spüren gewesen. Angst habe Samuel nur vor seiner drohenden Abschiebung gehabt.

"Eines Tages bringen die mich um"

Allerdings berichtete der Zeuge auch von einem Vorfall am Abend vor dem Brand. Nach dem Boxtraining sei er gemeinsam mit Samuel über den Großen Markt gegangen. Dort habe eine Gruppe Skinheads gestanden. Pöbeleien habe es an dem Abend zwar nicht gegeben. Aber in einer Art Vorahnung habe Samuel gesagt: Eines Tages bringen die mich um. Sechs Stunden später brach in Samuels Unterkunft das Feuer aus.

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Die Podcast-Serie zum Mordprozess
Der Fall Yeboah – Rassismus vor Gericht
1991 stirbt Samuel Yeboah durch einen Brandanschlag auf die Asylunterkunft in Saarlouis. Erst über 30 Jahre später wird der Mord als rassistisch motivierte Tat verfolgt und steht möglicherweise vor der Aufklärung. Warum erst jetzt? Dieser Frage gehen die SR-Journalistin Lisa Krauser und ihre beiden Kollegen Thomas Gerber und Jochen Marmit in einem mehrteiligen Podcast nach.


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