Yeboah (Foto: SR)

Neue Einzelheiten im Fall Yeboah

Thomas Gerber   07.04.2022 | 19:46 Uhr

Mehr als 30 Jahre danach soll er aufgeklärt sein - der Mord an dem ghanaischen Asylbewerber Samuel Yeboah, der am 19. September 1991 bei einem Brand in einem ehemaligen Hotel in Saarlouis grausam ums Leben kam. Anfang der Woche ließ die Generalbundesanwaltschaft Karlsruhe den 50 Jahre alten Peter S. von Spezialkräften der Polizei festnehmen. Jetzt sind weitere Einzelheiten aus dem laufenden Verfahren bekannt geworden.

Am Abend des 18. September 1991 soll sich Peter S. mit zwei Kameraden in einer Saarlouiser Kneipe getroffen haben - darunter auch der damalige Kopf der örtlichen Neonazi- und Skinheadszene Peter St.

Gesprochen wurde laut Bundesanwaltschaft unter anderem über die Anschläge auf Asylbewerberunterkünfte im sächsischen Hoyerswerda, die damals die Schlagzeilen beherrschten. Die drei "Kameraden" waren offenbar einhellig der Meinung, dass so etwas eigentlich auch in Saarlouis angebracht wäre.

Nach ein paar Bier gingen die Drei auseinander - in entgegengesetzte Richtungen, wobei Neonazi St. den dritten Kameraden stützen musste, er hatte angeblich reichlich getrunken. Der Beschuldigte Peter S. war nach eigenen Angaben gegenüber der Polizei allenfalls angetrunken und nach Hause gegangen. Einer Version, der die Ermittler der Kripo Saarlouis damals Glauben geschenkt hatten.

Nach elf Monaten Ermittlungsakte geschlossen

Eine Abfrage bei Tankstellen in der Region hatte keine Hinweise erbracht. Nirgendwo hatte jemand in jener Nacht einen Plastikkanister mit Benzin aufgefüllt. Die Ermittler hielten die Spur in die rechte Szene für ausermittelt. Nachdem sie keinen kriminellen Hintergrund im Umfeld von Samuel Yeboah und keinen Tatverdächtigen gefunden hatten, klappten sie nach elf Monaten die Ermittlungsakte zu.

Da Mord nicht verjährt, konnten die Ermittlungen aber auch danach jederzeit wieder aufgenommen werden. Das geschah - 28 Jahre nach dem tödlichen Großbrand Ende 2019.

Ein Grillfest brachte die Wende

Nach SR-Informationen wurde im November 2019 eine Dame - nennen wir sie Gabi - bei der Polizei vorstellig. Sie berichtete von einem Gespräch mit Peter S., das sie vor längerer Zeit mit ihm auf einem Grillfest geführt habe.

S. habe ihr zu dem Anschlag auf das Asylbewerberheim in Saarlouis erklärt, dass er das gewesen sei und sie ihn nie erwischt hätten. Lange Zeit habe sie dies für Prahlerei gehalten, sich jetzt aber doch entschlossen, damit zur Polizei zu gehen. Die nahm den Hinweis dieses Mal offenbar äußerst ernst.

Der seit Jahrzehnten unaufgeklärte rassistische Mord wurde als solcher eingestuft und landete wegen seiner politischen Bedeutung bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe. Unter deren Führung wurden dann sämtliche Register der Polizeiarbeit gezogen. Eine 30-köpfige Ermittlungsgruppe wurde eingesetzt, eine zweite kümmert sich um mögliche Fehler der Ermittler in den Neunziger Jahren.

150 Zeugen wurden vernommen

Gabi wurde mehrfach vernommen und blieb offenbar bei ihren Schilderungen. Das komplette Umfeld von Peter S. wurde durchleuchtet, 150 Zeugen insbesondere aus der Neonaziszene wurden vernommen. Das blieb S. nicht verborgen. Die Ermittler hatten so heftig auf den Busch geklopft - wohl auch, um mögliche weitere Belastungszeugen aus der Deckung zu locken. Immerhin ein weiterer hatte berichtet, dass Peter S. schon immer den Eindruck erweckt habe, der Täter zu sein.

Anfang 2021 gab es dann bei Peter S. eine Hausdurchsuchung, bei der man jedoch offenbar nichts Belastendes fand. Aber auch das gehörte vermutlich mit zur Strategie - Nervosität sollte geschürt werden, die dann zu Fehlern führen sollte. Denn natürlich wurde S. weiter observiert und abgehört - kein kleiner, sondern ein großer Lauschangriff.

Dass ihre Telefone abgehört werden würden, damit hatten S. und sein "Kamerad", Neonazi St., ganz offenbar gerechnet, sie sollen sich nur noch "konspirativ" getroffen haben. Jedoch waren auch Fahrzeuge "verwanzt" worden und in denen wurde dann durchaus offener gesprochen. Die Ermittler jedenfalls werten die mitgehörten Gespräche zumindest teilweise als belastend.

Kein einziger objektiver Beweis

Trotzdem dürfte die Beweisführung schwierig werden. Es liegt kein einziger objektiver Beweis vor. Zwar hat sich S. im laufenden Verfahren nicht geäußert. Aber er wird die Tat aller Voraussicht nach bestreiten. Dass er am Brandmorgen so früh am Tatort gewesen sei, er habe von der Sache im Radio gehört.

Bleibt insbesondere das mutmaßliche Geständnis gegenüber Gabi auf dem Grillfest. Das dürfte S. entweder leugnen oder als eigene Prahlerei und Imponiergehabe abtun. Das ist auch der Bundesanwaltschaft klar.

Sie aber glaubt genug Teile zusammengetragen zu haben: Aussagen von Zeugen, Mitschnitte von Telefonaten und Gesprächen. Die Puzzleteile ergäben ein Gesamtbild: Peter S. sei dringend tatverdächtig. Der Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof hat sich dem angeschlossen. Peter S. sitzt wegen des Verdachts des Mordes in Untersuchungshaft.

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten am 08.04.2022 berichtet.

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