Cybermobbing, Mobbing (Foto: picture alliance/Julian Stratenschulte/dpa)

Wie eine Schule im Saarland gegen Cybermobbing kämpft

Daniel Dresen   16.02.2020 | 09:11 Uhr

Cybermobbing gilt als die häufigste Gewaltform an Schulen im Saarland. Einrichtungen wie die Dr.-Walter-Bruch-Schule in St. Wendel haben inzwischen den Kampf gegen Beleidigungen und Verleumdungen von Schülern im Internet aufgenommen.

"Hau ab, du Pickelfresse!", "Du stinkende, fette Sau!", "Was für ein hässlicher Versager?" - das Phänomen Mobbing kann ganz unterschiedliche Auswüchse und Adressaten haben. Alle zwei Wochen ploppt das Thema im Lehrerzimmer des Berufsbildungszentrums Dr.-Walter-Bruch-Schule in St. Wendel auf, das 1700 Schüler besuchen. Dann müssen sich Teile des 135-köpfigen Kollegiums mit Vorwürfen von Schülern gegenüber anderen Schülern beschäftigen.

Grenzenloses Mobbing

Es handelt sich dabei um Beleidigungen, Verleumdungen, üble Nachrede oder Verletzungen des Rechts am eigenen Bild, die meist im Internet stattfinden. Durch die schnelle Verbreitung solcher Attacken im Internet ist das Ausmaß des sogenannten Cybermobbings deutlich größer als beim Offline-Mobbing. Da es in der digitalen Welt keine Grenzen gibt, erreichen diese beleidigenden Botschaften oft nicht nur die Mitschüler des Betroffenen, sondern auch Schulen aus anderen Landkreisen, teilweise sogar aus anderen Bundesländern.

Jeder fünfte Jugendliche ist betroffen

Jeder Fall von Cybermobbing sei einer zu viel, findet Schulleiter Hubert Maschlanka. "Vereinzelt gibt es Fälle, die unser Klassenklima und das Zusammenleben bedrohen", sagt Maschlanka. Jeder fünfte Jugendliche in Deutschland gibt an, schon einmal Opfer von beleidigenden Inhalten und Falsch-Informationen im Internet gewesen zu sein. Zu diesen Erkenntnissen ist die Jim-Studie 2018 gekommen, die vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest herausgegeben wird. Nach der Einschätzung von Schulleiter Maschlanka ist Cybermobbing im Saarland nicht ganz so weit verbreitet wie im Bund.

Problematischer Medienkonsum

Die Gründe für Mobbing seien vielfältig: Neid, Konkurrenzdruck, schulische und persönliche Schwächen, der Wunsch nach medialer Anerkennung. "Wenn ich mir die Youtube-Kanäle unserer Schüler ansehe, erkenne ich die Jugendlichen oft gar nicht wieder, weil sie da ganz andere Menschen sind", betont Maschlanka.

Zudem beobachtet der St. Wendeler Schulleiter zunehmend Defizite in der sozial-emotionalen Entwicklung seiner Schüler. "Ein Grund dafür ist der übermäßige Medienkonsum", meint Maschlanka. Rund 22 Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen haben laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung einen "problematischen Medienkonsum".

Wie Betroffene und Beobachter von Cybermobbing reagieren sollten

Tipp 1: Ruhig bleiben und als Adressat nicht direkt antworten

Tipp 2: Cybermobber auf Plattformen und Messengerdiensten blockieren

Tipp 3: Beweise sichern - per Screenshot oder Download von Audio und Video-Dateien, außerdem Zeugen hinzuziehen

Tipp 4: Mit Vertrauenspersonen darüber sprechen

Tipp 5: Als Betroffener oder Beobachter bei Personen Hilfe holen

Tipp 6: Hilfsangebote im Internet nutzen u.a. klicksafe.de oder Nummer gegen Kummer

Tipp 7: Cybermobbing auf Plattformen melden

Tipp 8: Polizei kontaktieren und gegebenenfalls Anzeige stellen

Quelle: Techniker Krankenkasse/ Beratungsstelle Gewaltprävention der Behörde für Schule und Berufsbildung Hamburg

"Es gibt die Tendenz, dass sich unsere Sprache in den vergangenen Jahren verschärft hat und die Gesellschaft abstumpft. Personen des öffentlichen Lebens wie zum Beispiel US-Präsident Donald Trump tragen ihren Teil dazu bei. Die Stammtischparolen von gestern werden heute ungefiltert im Internet weiterverbreitet", sagt Maschlanka. "Wir müssen den Schülern vermitteln, dass die Verrohung der Gesellschaft nicht der Normalzustand ist", so der Schulleiter. Zum Teil geraten auch Lehrer in die Rolle der Mobbing-Opfer.

Um über die Folgen von Mobbing aufzuklären, die von Aggressionen über Depressionen bis hin zum Selbstmord reichen können, gibt es seit Jahren Unterrichtsreihen und Lehrerfortbildungen. "Der Bedarf an Präventionsmaßnahmen gegen Mobbing und Cybermobbing ist sehr groß. Es ist eine Daueraufgabe von Schule, Eltern und Schülern, Mobbing entgegenzutreten", fordert Maschlanka.

Seine Schule nimmt am Programm "Gemeinsam Klasse sein" vom Landesinstitut für Präventives Handeln (LPH) und der Techniker Krankenkasse teil, das Lehrkräfte in der Unterrichtsvorbereitung zum Thema Mobbing entlasten soll. Dabei klären unter anderem Videos über das Phänomen Cybermobbing auf. Anschließend erarbeiten Schüler Regeln, die die Grundlage für ein respektvolles Miteinander schaffen. Für das Engagement ist das St. Wendeler Berufsbildungszentrum unter anderem vom Landesinstitut für Präventives Handeln als "Schule gegen Cybermobbing" zertifiziert. Zehn Prozent der Lehrerschaft gehören einem Mobbinginterventions-Team an.

Nachholbedarf beim Ministerium

"Mobbing beziehungsweise Cybermobbing ist mittlerweile auch im Saarland die häufigste Form von schulischer Gewalt. Aktuelle Zahlen zeigen, dass das Problem schwer in den Griff zu bekommen ist, auch weil es sich um ein gruppenspezifisches Phänomen handelt", sagt Dr. Eric Planta, Direktor des LPH. Das "ungebrochene Interesse" der saarländischen weiterführenden Schulen an Fortbildungsmöglichkeiten zeige, wie wichtig dieses Thema sei.

Trotz erkennbarer Fortschritte, was den Kampf gegen Mobbing an saarländischen Schulen angeht, sieht Schulleiter Maschlanka noch Nachholbedarf vonseiten der Landkreise und des Regionalverbands sowie des saarländischen Bildungsministeriums. "Die Schul-Psychologen und -ärzte im Saarland sind vollkommen überlastet. Hier wünschen wir uns vom Land und den regionalen Schulträgern noch mehr Unterstützung. Die multiprofessionellen Teams sollten weiter ausgebaut werden", so der Appell des Schulleiters.

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