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Missbrauchs-Aufklärungskommission zieht Zwischenbilanz

mit Informationen von Thomas Gerber   26.01.2022 | 13:17 Uhr

Vor drei Monaten hatte sie ihre Arbeit aufgenommen - die unabhängige Aufklärungskommission, die den mutmaßlichen sexuellen Missbrauch am Homburger Uniklinkum untersuchen soll. Am Mittwoch hat die Kommission eine erste Zwischenbilanz gezogen - und über das Bekanntwerden eines möglichen weiteren Missbrauchsfalls berichtet.

Nach Abschluss des Untersuchungsausschusses des Landtages soll die unabhängige Aufklärungskommission den mutmaßlichen sexuellen Missbrauch insbesondere in der Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) des UKS aus der Perspektive und im Interesse der Opfer beleuchten.

Video [aktueller bericht, 26.01.2022, Länge: 3:41 Min.]
Zwischenbilanz im Homburger Missbrauchsskandal

Hintergrund

Zwischen 2010 und 2014 soll der Assistenzarzt Matthias S. dort medizinisch nicht notwendige Untersuchungen im Intimbereich vorgenommen haben. Das Universitätsklinikum erstattete Ende 2014 Strafanzeige und kündigte dem Arzt fristlos. Da der mutmaßliche Täter 2016 starb, mussten die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen eingestellt werden. Die möglicherweise betroffenen Patienten waren damals nicht über denTatverdacht informiert worden.

Gespräche mit potentiellen Opfern

Wie die Aufklärungskommission mit dem ehemaligen Chef des Bundeskriminalamts, Jörg Ziercke, an der Spitze nun am Mittwoch berichtete, haben sich inzwischen 41 von rund 300 potentiellen Opfern des verstorbenen Assistenzarztes aus dessen Zeit in der Spezialambulanz der KJP bei der Aufarbeitungskommission gemeldet. 28 davon haben der Aufhebung der ärztlichen Schweigepflicht zugestimmt.

Mit diesen Betroffenen führen die psychologischen Fachleute der Kommission nun erste Gespräche, wobei klar geworden sei, dass viele der Betroffenen den bisherigen Bemühungen des UKS eher skeptisch gegenüber stehen.

Missbrauchsvorwürfe in HNO-Klinik

Die Kommission um Ex-BKA-Chef Ziercke will sich zudem schwerpunktmäßig den Fällen in der HNO-Klinik widmen. Dort war es nach Operationen bei Kindern zu Verletzungen im Genitalbereich gekommen.

Missbrauchs-Aufklärungskommission zieht Zwischenbilanz
Audio [SR 3, Thomas Gerber, 26.01.2022, Länge: 03:03 Min.]
Missbrauchs-Aufklärungskommission zieht Zwischenbilanz

Ziercke will Fällen nachgehen

Die Staatsanwaltschaft hatte die Ermittlungen damals zwar eingestellt, trotzdem will Ziercke zwei Fällen nachgehen. Denn gleichgültig, ob es sich um ein unsachgemäß eingeführtes Zäpfchen, einen Behandlungsfehler also, oder um sexuellen Missbrauch gehandelt habe - die Verletzungen seien dokumentiert, das UKS müsse auch da zu seiner Verantwortung stehen.

Und auch mit dem privaten Umfeld des verstorbenen Assistenzarztes Matthias S. hat die Kommission bereits Kontakt aufgenommen. S. war Trainer der Bambinis im örtlichen Judoclub. Mit der Vereinsführung hat die Kommission bereits erste Gespräche geführt – 130 potentielle Opfer sollen nun angeschrieben werden.

Bislang unbekannter Fall

Im Rahmen des Aufrufs an mögliche Betroffene sei zudem ein bislang gänzlich unbekannter Vorfall bekannt geworden. Ein heute 40-Jähriger soll vor mehr als 25 Jahren in einer anderen Klinik des UKS  - weder der KJP noch der HNO - sexuell missbraucht worden sein. Das Opfer sei schwer traumatisiert, leide bis heute unter den Folgen. Das Ärzteteam der Aufklärungskommission werde ihm Hilfe anbieten.

Über dieses Thema berichtete die SR 3 Rundschau am 26.01.2022.

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