Eingangsbereich der Kinder- und Jugendpsychatrie an der Uniklinik in Homburg (Foto: dpa/Oliver Dietze)

Arzt drohte Anklage wegen sexuellen Missbrauchs

Thomas Gerber   08.10.2019 | 10:54 Uhr

Im Fall des Assistenzarztes der Homburger Kinder- und Jugendpsychiatrie, der im Verdacht des sexuellen Missbrauchs stand, sind neue Details bekannt geworden. Kurz vor seinem Tod Mitte 2016 drohte dem 36-Jährigen offenbar eine Anklage der Staatsanwaltschaft.

Homburger Arzt sollte wegen Missbrauch angeklagt werden
Audio [SR 3, Thomas Gerber, 08.10.2019, Länge: 01:03 Min.]
Homburger Arzt sollte wegen Missbrauch angeklagt werden

Mit dem Tod des 36-Jährigen im Juni 2016 hatte die Staatsanwaltschaft das Verfahren aus rechtlichen Gründen einstellen müssen. Bis zu diesem Zeitpunkt aber waren die Ermittlungen schon relativ weit gediehen. So hatte es im März 2015 nach der Strafanzeige durch die Uniklinik bei dem Assistenzarzt eine Hausdurchsuchung gegeben. Bei dem Hobbyfotografen wurden drei Klistiere (Einläufe), Medikamente und 400.000 Bilddateien sichergestellt.

Bei deren Auswertung wurden drei Fotos von Kindern entdeckt, die von der Staatsanwaltschaft als kinderpornografisch eingestuft wurden. Die Fotos stammten aus den Jahren 2005 bis 2006 und hatten keinen Bezug zur Uniklinik.

Staatsanwaltschaft: Anklage war „wahrscheinlich“

In diesen drei Fällen stand eine Anklage offenbar unmittelbar bevor. In einer Ausschusssitzung des Landtags bezeichnete ein Vertreter der Staatsanwaltschaft dies nach SR-Informationen jedenfalls als „nicht weit weg“ und „wahrscheinlich“.

Die drei Opfer und deren Eltern waren anders als die mindestens 34 mutmaßlichen Opfer aus der Spezialambulanz für Ausscheidungsstörungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie über den Verdacht informiert worden.

Motive für Untersuchungen unklar

Bei den 34 ging und geht die Staatsanwaltschaft von einer sogenannten „ambivalenten Handlung“ aus. Es sei unklar, ob die unzähligen Untersuchungen im Anal- und Genitalbereich medizinisch oder sexuell motiviert gewesen seien. Die kleinen Patienten seien so rechtlich gesehen nicht eindeutig in einem „Verletztenstatus“ gewesen. Deshalb habe man Opfer und Eltern nicht informiert, womit die Staatsanwaltschaft im Übrigen einer Empfehlung der Klinikleitung entsprochen hatte.

In der Frage der Information der mutmaßlichen Opfer gab es bei Polizei und Staatsanwaltschaft unterschiedliche Einschätzungen. Zumindest hatten die Ermittler nachgefragt, ob denn die Opfer und deren Eltern nicht im Rahmen einer „polizeilichen Maßnahme“ in Kenntnis zu setzen seien. Dies sei von der Staatsanwaltschaft abgelehnt worden.

Polizei schaltete Eltern ein

Im Fall der drei kinderpornografischen Fotos hatte die Polizei noch eigenständig die Eltern eingeschaltet. Dies, so hieß es in einer Ausschusssitzung des Landtags, sei aus Gründen der Gefahrenabwehr erfolgt. Es sei Gefahr im Verzug gewesen. Das habe auch für den Erbacher Judoverein gegolten, wo der Assistenzarzt als Trainer tätig gewesen war.

Grundsätzlich aber habe in einem Ermittlungsverfahren die Staatsanwaltschaft die „Sachleitungskompetenz“ und entscheide auch, wer zu informieren ist oder eben nicht. Völlig unabhängig davon gab es aber vermutlich eine Informationspflicht seitens der Uniklinik, mit der die kleinen Patienten (beziehungsweise deren Eltern) einen Behandlungsvertrag abgeschlossen hatten.

Klinik wollte Kinder nicht „traumatisieren“

Die Klinik wollte damals die Kinder nicht „viktimisieren“ oder „traumatisieren“ und schwieg. Ob das aber eine Entscheidung allein der Klinik – ohne die Erziehungsberechtigten einzubeziehen – sein kann, ist fraglich.

Der Tod des damals 36-Jährigen bleibt unterdessen nach wie vor rätselhaft. Der Mediziner war am 19. Juni 2016 tot in seiner Wohnung aufgefunden worden. Ein elf Jahre alter Junge, der dort mit Erlaubnis seiner Eltern die Nacht verbracht hatte, konnte mit dem Handy des Assistenzarztes einen Notruf absetzen. Auch die Eltern dieses Jungen wurden von der Polizei über den bestehenden Verdacht gegen seinen Gastgeber informiert.

Die Obduktion in der Homburger Gerichtsmedizin ergab keinerlei Hinweise auf Fremdverschulden oder einen Selbstmord. Eine Vorerkrankung, eine „organische Ursache“, könnte laut Staatsanwaltschaft zu dem Tod des Assistenzarztes geführt haben.

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten vom 08.10.2019 berichtet.

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