Die Klinik für Urologie und HNO am Uniklinikum Homburg  (Foto: imago images/Becker&Bredel)

Schweigen und Vertuschen über Jahre?

Kai Forst mit Informationen von Barbara Spitzer und Thomas Gerber   13.11.2019 | 20:40 Uhr

Wurde an der Homburger Uni-Klinik über Jahre hinweg Kindesmissbrauch vertuscht? Ein Untersuchungsausschuss hat am Mittwoch seine Arbeit aufgenommen und soll dieser Frage nachgehen. Zugleich erhebt eine Opferanwältin Vertuschungsvorwürfe auch im jüngsten Verdachtsfall.

Der Schutz der Kinder - darauf beruft sich die Uniklinik Homburg immer wieder bei der Frage, warum sie Hinweisen auf sexuellen Missbrauch nicht offensiver nachgegangen ist. Doch war der Kinderschutz wirklich das einzige Motiv für das lange Schweigen der Klinik?

Video [aktueller bericht, 13.11.2019, Länge: 3:00 Min.]
U-Ausschuss befragt Verantwortliche zu Missbrauchsvorwürfen

Opferanwältin sieht Vertuschung

Opferanwältin Claudia Willger bezweifelt das. Sie vertritt die Mutter des sechsjährigen Mädchens, das 2012 an der Hals-Nasen-Ohren Klinik in Homburg vergewaltigt worden sein soll. Bei dem Kind wurden nach einer Mandel-OP schwere Verletzungen im Genital- und Analbereich festgestellt, die auf eine Vergewaltigung hingedeutet hätten, so Willger. Sowohl die Rechtsmedizin als auch die Kinderschutzgruppe wurden eingeschaltet.

Kurz nachdem die Mutter über die Verletzungen ihrer Tochter informiert wurde, so Willger, sei eine Kinderärztin bei der Mutter erschienen und habe ihr von einer Strafanzeige abgeraten. Das Kind müsse bei einer Anzeige vernommen werden, was äußerst belastend sei. „Das ist unglaublich“, so Willger.

Klinik schweigt zu Vertuschungsvorwürfen

Zu den Vorwürfen, dass die HNO-Klinik die Sache vertuscht habe, schweigt die Leitung der Uniklinik bislang. Ebenso zu der Frage, warum die Staatsanwaltschaft damals nicht umgehend eingeschaltet worden war.

Willger vermutet, dass die Tat vor oder während der Operation geschehen sein muss. Das allerdings bestreitet die Klinik. In einer schriftlichen Stellungnahme teilte der ärztliche Direktor Wolfgang Reith dem SR mit, dass das mutmaßliche Opfer am Tag der OP in der HNO in kontinuierlicher Betreuung gewesen sei. Zunächst durch seine Mutter, später unmittelbar durch OP-Personal. Es seien immer mehrere Personen anwesend gewesen. Im Klartext: Reith schließt einen sexuellen Übergriff während der Behandlung offenbar aus. Waren die Verletzungen des Mädchens zuvor, also im häuslichen Bereich, geschehen?

Willger: "Die Verletzungen waren frisch"

Das schließt Opferanwältin Willger kategorisch aus. „Die Verletzungen waren frisch. Zudem hatte das Kind eine Unterhose vor der Operation getragen, die keine Blutantragungen oder sonstige Antragungen hatte. Das bedeutet, dass diese Verletzung erst dann entstanden sein kann, nachdem man die Unterhose ausgezogen hat.“ Also kurz bevor das Kind in den OP-Saal gerollt wurde. Für die Annahme Willgers spricht zudem, dass der herbeigerufene Rechtsmediziner noch im OP bei dem Mädchen frische, noch blutende Verletzungen im Analbereich festgestellt haben soll.

U-Ausschuss soll aufklären

Jetzt, sieben Jahre nach der mutmaßlichen Tat, hat die Staatsanwaltschaft nach der Strafanzeige von Opferanwältin Willger ein Ermittlungsverfahren gegen unbekannt eingeleitet. Zudem soll der Untersuchungsausschuss, der am Mittwoch seine Arbeit aufnahm, aufklären. Neben dem neuen Verdachtsfall geht es auch um die möglichen Missbrauchsfälle in der Homburger Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dort soll ein inzwischen bereits verstorbener Assistenzarzt etliche Kinder über Jahre sexuell missbraucht haben.

Auch in diesem Fall stehen Vertuschungsvorwürfe im Raum. Der Verwaltungsdirektor der Uniklinik, Ulrich Kerle, war aus diesem Grund am Mittwoch in der nicht öffentlichen Sitzung geladen. „Ich hoffe und ich gehe davon aus, dass die Vertuschungsgsvorwürfe aus der Welt geschaffen werden können. Wir sind ein Klinikum und nicht dazu da, um etwas zu vertuschen“, sagte Kerle im Anschluss.

Von Gontard sieht sich als Opfer

Ebenso geladen war der ehemalige Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Alexander von Gontard. Ihm wird vorgeworfen, von den Vorfällen in seiner Einrichtung frühzeitig informiert gewesen zu sein. Gleichzeitig sei er entsprechenden Hinweisen zu spät nachgegangen.

Doch von Gontard erschien nicht persönlich. Aus der Erklärung, die sein Anwalt im U-Ausschuss vortrug, geht allerdings hervor, dass von Gontard sich selbst als Opfer sieht. „Er fühlt sich diffamiert, vorverurteilt, ausgegrenzt. Das wurde heute so verlesen, und ich glaube, das ist der Sachlage nicht angemessen, sich selbst dann als Opfer darzustellen“, sagte der SPD-Abgeordnete Jürgen Renner.

Über dieses Thema hat auch der aktuelle bericht am 13.11.2019 berichtet.

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