Zusammenleben mit Behinderung (Foto: imago/photothek)

Menschen mit Behinderung: Wenn die Nähe fehlt

Nelly Theobald / Onlinefassung: Leonie Rottmann   23.05.2020 | 08:50 Uhr

Wochenlang waren besondere Wohnformen für Menschen mit Behinderungen komplett abgeschottet. Mittlerweile sind Besuche wieder teilweise erlaubt: in abgetrennten Räumen, mit Mundschutz und hinter Plexiglas – vor allem für Angehörige von behinderten Menschen eine Herausforderung.

Die Sandmeiers haben ihre Tochter Julia seit zehn Wochen nicht mehr gesehen. Julia lebt in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Sie kann nicht sprechen, die Familie kommuniziert über Berührungen – und das ist in der Corona-Zeit nicht möglich. Besuch ist zwar wieder erlaubt, aber nur mit Abstand.

Abschottung von Menschen in Betreuung
Video [SR Fernsehen, (c) SR, 22.05.2020, Länge: 03:10 Min.]
Abschottung von Menschen in Betreuung

Für Julias Eltern ist das eine unerträgliche Situation. Sie sind sich sicher: Julia würde nicht verstehen, warum sie sie nicht in den Arm nehmen, wenn sie ihre Tochter besuchen würden. „Es wird alles gelockert. Die Leute überlegen, ob sie in den Urlaub nach Italien oder Spanien fahren und ich darf mein Kind nicht berühren. Das geht für mich nicht“, erzählt Petra Sandmeier.

Für die Eltern ist die aktuelle Situation nicht mehr auszuhalten. Sie haben eine Entscheidung getroffen: Julia kommt nach Hause – aus der Einrichtung, in der sie sechs Jahre lebte. Dafür musste Petra Sandmeier auf unbestimmte Zeit ihren Job aufgeben. Aber die Ungewissheit, wie lange die Verbote noch anhalten werden, plagte die Eltern zu sehr.

Viele Betroffene

Mit diesen Problemen sind die Sandmeiers nicht alleine. Viele Angehörige behinderter Menschen stehen vor besonderen Herausforderungen. Auch Friederike Gros merkt, wie ihr Kind mit der Situation hadert. Denn auch Lauras Behindertenwerkstatt ist nun schon seit über zehn Wochen geschlossen.

„Laura freut sich jeden Morgen, wenn sie zur Arbeit gehen kann. Sie wartet schon am Fenster, bis der Bus kommt“, erzählt Friederike Gros. In der Werkstatt trifft Laura ihre Freunde, dort ist es bunt, und es wird viel gelacht. Das fehle ihrer Tochter sehr. Eigentlich sollen die Werkstätten wieder öffnen können – wann es soweit ist, weiß Friederike Gros aber noch nicht.

Heimbesuche bald möglich

Das Sozialministerium stellt klar, dass Menschen mit Behinderung ihre Wohneinrichtungen auch verlassen dürfen. Allerdings bittet die Lebenshilfe Obere Saar als Träger solcher Einrichtungen die Angehörigen, darauf zu verzichten. Dennoch bereite man sich dort auf Heimbesuche vor. Ab kommender Woche seien sie möglich.

Davon wird Ralf Göbel auf jeden Fall Gebrauch machen. Er hat seine Schwester Nina zuletzt an ihrem Geburtstag am 9. Mai in der Einrichtung besucht – eine Stunde in einem abgetrennten Raum in Anwesenheit eines Betreuers. Es sei ihr nicht gut gegangen, sie habe geweint, sie wolle wieder heim.

Ein Risiko bleibt

Ralf Göbel ist bewusst, dass ein Restrisiko bleibt, denn Nina könnte das Coronavirus nach dem Besuch zu Hause in die Einrichtung tragen. „Ich bin mir auch meiner Verantwortung meiner Schwester gegenüber, aber auch allen Heimmitbewohnern inklusive der ganzen Belegschaft der Wohnanlage, absolut bewusst."

Es ist eine Abwägung zwischen Verantwortung, Schutz, Moral, Liebe und dem Wohlbefinden des Einzelnen – für keinen der Beteiligten leicht.

Über dieses Thema berichtete auch der aktuelle bericht am 22.05.2020 im SR-Fernsehen.

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