Eine Frau spricht in einer Videokonferenz mit ihrer Therapeutin. (Foto: picture alliance / Jochen Tack | Jochen Tack)

Mehr Psychotherapiestunden über Video

Melina Miller   24.02.2021 | 14:44 Uhr

Seit Beginn der Corona-Pandemie finden deutlich mehr Psychotherapiestunden per Video statt. Mittlerweile bieten rund 95 Prozent der saarländischen Therapeutinnen und Therapeuten diese Möglichkeit an. Experten zufolge muss aber sorgfältig geprüft werden, ob sich ein Patient dafür überhaupt eignet.

Die Corona-Pandemie hat viele Lebensbereiche beeinflusst und in die digitale Welt verschoben - auch die Psychotherapie. So ist die Zahl der Videotherapiestunden im Saarland seit Beginn der Pandemie stark gestiegen: Laut Techniker Krankenkasse (TK) sogar um über 830 Prozent. Demnach wurden im ersten Quartal des vergangenen Jahres noch 158 Online-Therapiestunden bei den TK-Versicherten abgerechnet, im zweiten Quartal bereits 1472.

Auch die Vizepräsidentin der saarländischen Psychotherapeutenkammer, Susanne Münnich-Hessel, sagt: "Wir sehen einen sprunghaften Anstieg der Videotherapie. Bei der Einführung dieser Möglichkeit im Jahr 2019 haben nur ein bis fünf Prozent der Psychotherapeuten Videostunden angeboten - jetzt sind es rund 95 Prozent."

Wichtig: Sicherer Raum

Für eine Therapie per Video müssen laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) und der Psychotherapeutin Münnich-Hessel einige Grundvoraussetzungen erfüllt sein. Dazu zählt, dass die Patienten auch von zuhause aus einen sicheren Raum haben müssen, in dem sie frei und diskret sprechen können - also ohne unerwünschte Mithörer oder quengelnde Kinder im Hintergrund.

Auch eine stabile Internetverbindung ist für einen reibungslosen Ablauf der Therapie wichtig. "Wenn mitten in der Stunde das Bild ausbleibt oder die Verbindung hängt, stört das die Behandlung ganz massiv", so Münnich-Hessel. Praxen müssen außerdem laut KBV einen zertifizierten Videodienstanbieter auswählen und sich bei diesem registrieren.

Erstgespräche in Präsenz

Aber auch wenn diese Grundvoraussetzungen erfüllt sind, eignet sich laut Münnich-Hessel nicht jeder Patient für eine Therapie per Video. Die Erstgespräche finden deshalb üblicherweise weiterhin persönlich statt. "Um sich kennenzulernen, Vertrauen zu bilden - aber auch für die Erstdiagnose und die Abschätzung der Risikofaktoren", erklärt die Psychotherapeutin.

Würden Patienten beispielsweise dazu neigen, aus Wut die Therapie abzubrechen und einfach den Bildschirm zuzuklappen, sei eine Videotherapie nicht sinnvoll. Auch bei suizidalen Menschen sei eine Therapie vor Ort geeigneter. Dasselbe gilt laut Münnich-Hessel für Patienten, die sich etwa aufgrund einer Angststörung nicht mehr aus dem Haus trauen und bei denen die Videotherapie von zuhause aus dieses Verhalten weiter begünstigen würde.

Häufig: Mix aus Online und Präsenz

Für Menschen, die durch körperliche Einschränkungen nicht so mobil sind oder viel reisen, könne die Videotherapie dagegen viele Vorteile bringen, betont Münnich-Hessel. Deshalb müsse der Therapeut oder die Therapeutin in den ersten Gesprächen genau überlegen: "Für wen ist die Videotherapie gut und für wen nicht?"

Meist werde aktuell ein Mix aus Präsenz- und Onlinetherapie angeboten. Die persönliche Kommunikation und der direkte Umgang mit dem Patienten gelten dabei weiterhin als "Goldstandard" der Therapie, sagt Münnich-Hessel. Denn: Nonverbale Signale wie zum Beispiel die Körperhaltung könnten besser wahrgenommen und in die Therapie eingebunden werden, wenn sich Patient und Therapeut gegenübersitzen.

Perspektive auch für Zukunft

Viele Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten wollen die Möglichkeit zur Videotherapie laut Münnich-Hessel aber auch nach der Pandemie beibehalten. Möglicherweise wäre dann auch eine rechtliche Anpassung notwendig. Denn normalerweise dürfen Ärzte und Psychotherapeuten pro Quartal maximal jeden fünften Patienten ausschließlich per Video behandeln, ohne dass dieser in die Praxis kommen muss.

Auch die Menge der Leistungen, die in Videosprechstunden durchgeführt werden dürfen, ist eigentlich auf 20 Prozent begrenzt. Für den Rest ist ein persönlicher Arzt-Patienten-Kontakt erforderlich. Mit Beginn der Corona-Pandemie wurde hierfür allerdings eine Sonderregelung getroffen.

Über dieses Thema berichten auch die SR-Hörfunknachrichten vom 24.02.2021.


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