Ein Bedürftiger nimmt an der Essensausgabe seine Essensration entgegen (Foto: dpa/Sebastian Kahnert)

Hilfsorganisationen für Obdachlose unter Druck

Lisa Krauser / Onlinefassung: Rebecca Wehrmann   02.08.2022 | 08:49 Uhr

Die anhaltende Hitze macht derzeit vielen Saarländern zu schaffen. Besonders betroffen sind Obdachlose: Sie müssen ein schattiges Plätzchen finden und vor allem genügend trinken. Hilfsorganisationen stoßen im Sommer derweil an ihre Grenzen.

Im Winter ist das Thema Obdachlosigkeit präsent und besonders in der Weihnachtszeit die Spendenbereitschaft hoch. Aber auch der Sommer ist für Menschen ohne Dach über dem Kopf schwierig, besonders der Zugang zu ausreichend Wasser stellt sie vor Probleme. Hilfe bekommen sie unter anderem bei „Ingos Kleiner Kältehilfe“.

Obdachlose merken nicht, dass sie dehydrieren

Die Organisation rund um Petra Therre teilt warmes Abendessen, aber auch Lunchpakete mit Brötchen aus. Momentan steht aber ein anderes Thema im Fokus: „Das Trinken steht bei vielen Obdachlosen gerade im Vordergrund: Viele kommen und haben abends mehr Durst als Hunger.“ Tatsächlich kommt das oft zu kurz. Es gibt nur einen Trinkwasserbrunnen in Saarbrücken.

Außerdem merken viele Obdachlose nicht, wenn sie dehydrieren oder schaffen es nicht, sich Wasser zu besorgen. „Es gibt wirklich Leute, die bei uns lostrinken und dann sagen, das ist der erste Schluck für heute,“ sagt Therre. Vor kurzem sei auch ein junges Mädchen vor Ort kollabiert, bei dem sich herausstellte, dass sie dehydriert war.

Sonnensegel und Pavillons als Schattenspender

Auch bei der Wärmestube in Saarbrücken ist das derzeitige Problem bekannt, sagt Geschäftsführer Hermann Schell: „Wir können zu Hause die Läden zu machen und haben einen kühlen Rückzugsort. Das hat man auf der Straße nicht. Es sei denn man hat einen Schattenplatz. Aber selbst der wird sich so aufhitzen, dass keine Erholung möglich ist.“

Vor der Wärmestube gibt es deshalb Sonnensegel und Pavillons, die Schatten spenden. Zudem ist der Essensplan im Sommer umgestellt. „Leichte Kost. Keine schwerverdauliche Kost, damit der Körper nicht zusätzlich belastet ist.“

Situation könnte sich noch zuspitzen

Essen und Getränke stellt auch die Kältehilfe zur Verfügung. Und diese Unterstützung gibt es nicht ausschließlich für Obdachlose. Alle, die bedürftig sind, können sich dort hinwenden. Und das werden immer mehr: „Im vergangenen Jahr kamen höchstens 60 Menschen pro Abend, jetzt sind es teilweise über 90.“

Die stellvertretende Vorsitzende der Kältehilfe befürchtet, dass sich die Situation in der kälteren Jahreszeit noch weiter zuspitzen könnte. „Ich glaube, das wird auch noch viel schlimmer weil wir merken, dass unsere Gäste sich zurzeit über ihre Nebenkosten unterhalten.“ Die Angst sei groß, wegen der Abrechnungen im Herbst und Winter.

Obdachlos im Sommer: Herausforderung für Hilfsorganisationen
Audio [SR 3, Lisa Krauser, 02.08.2022, Länge: 02:32 Min.]
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Steigende Nachfrage - auch von Familien

Auch in die Saarbrücker Wärmestube kommen immer mehr Menschen, die nicht auf der Straße leben, sagt der Geschäftsführer Hermann Schell. „Wir haben vermehrt Familien. Das können wir aber natürlich nicht alles abdecken, weil wir nicht zuständig sind. Dennoch erreichen uns Nachfragen auch für Lebensmittelpakete. Man merkt, es spitzt sich zu.“

Dazu kommen Geflüchtete aus der Ukraine, die bei den Obdachlosen-Organisationen nach Essen fragen. Das große Problem der Kältehilfe: Die Nachfrage wird größer, die ehrenamtlichen Helfer sind im Sommer aber weniger. „Es gibt eben viele Leute, die bei uns aktiv sind, aber sagen, ‚im Winter bin ich da aber im Sommer nicht‘.“

Einkaufen von großen Mengen schwierig

Ein weiteres Problem für die Hilfsorganisation: im Sommer gibt es deutlich weniger Sachspenden, anders als im Winter. „Um die Weihnachtszeit ist die Spendenfreude sehr groß. Da ist unser Lager sowas von voll“, erklärt Therre. Derzeit ist das Gegenteil der Fall, so dass die Ehrenamtlichen das meiste selbst einkaufen müssen.

Und auch hier stoßen die Helfer auf Schwierigkeiten, da es im Zuge des Kriegs nicht mehr so einfach ist, Essen in großen Mengen zu kaufen. Erst kürzlich musste die Kältehilfe-Organisatorin lange diskutieren, um eine große Menge Margarine zu kommen. Aber auch bei Konservendosen sei es schwierig.

Kleinere Mahlzeiten für Bedürftige

Für die Obdachlosen und Bedürftigen bedeuten die derzeitigen Umstände kleinere Mahlzeiten. „Im Moment ist es so, dass wir einfach versuchen, die Portionen etwas kleiner zu machen und stattdessen etwas mehr in die Lunchtüte. Damit die Leute trotzdem satt sind.“

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Über dieses Thema hat auch die SR 3-Sendung "Guten Morgen" am 02.08.2022 berichtet.

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