In einem Zimmer einer Intensivstation wird ein Patient mit einem schweren Covid-19 Krankheitsverlauf behandelt (Foto: picture alliance/dpa/Christophe Gateau)

Mehr jüngere Covid-19-Intensivpatienten im Saarland

Melina Miller   14.04.2021 | 09:08 Uhr

In saarländischen Kliniken müssen aktuell im Schnitt mehr jüngere Patientinnen und Patienten auf der Covid-19-Intensivstation behandelt werden als in der ersten Welle. Das zeigt eine stichprobenartige Umfrage unter den Schwerpunktkliniken für schwere Covid-Verläufe im Saarland.

In allen befragten Kliniken ist das Durchschnittsalter der Covid-19-Intensivpatientinnen und -Intensivpatienten im Verlauf der Pandemie gesunken. Zurückzuführen sei das auch, aber nicht nur auf die Effekte der Coronaschutzimpfung, erklärt Dr. Konrad Schwarzkopf, Chefarzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Klinikum Saarbrücken.

Dass sich trotz sinkender Fallzahlen bei den über 80-Jährigen gleichzeitig aber mehr jüngere Menschen infizieren und auf den Intensivstationen landen würden, lasse sich unter anderem auf die Mutanten, ein riskanteres Sozialverhalten und die aktuell hohe Inzidenz zurückführen, erklärt der Chefarzt. "Das Virus grassiert momentan in der Breite - also auch an den Arbeitsstätten." Nahezu alle Corona-Intensivpatienten im Winterberg-Klinikum entfielen aktuell auf Coronavirusvarianten.

Patienten zwischen 30 und 60 Jahre alt

Konkret zeigt sich die Entwicklung hin zu jüngeren Intensivpatienten im Saarland zum Beispiel in den SHG-Kliniken in Völklingen: "Die Covid-19-Intensivpatienten der letzten beiden Wochen sind deutlich jünger als diejenigen der ersten Welle im vergangenen Jahr", teilte ein Sprecher mit. Im April letzten Jahres seien die meisten Patientinnen und Patienten zwischen 70 und 80 Jahren alt gewesen, nun liege ihr Alter zwischen 30 und 60.

Ähnlich äußern sich das Caritas-Klinikum in Saarbrücken und das Diakonie Klinikum in Neunkirchen. Auch hier seien die Intensivpatienten aktuell jünger als im vergangenen Jahr. Das Universitätsklinikum in Homburg stellt ebenfalls einen "leichten Trend" hin zu jüngeren Patientinnen und Patienten auf der Covid-Intensivstation fest. Das mittlere Alter sei im Vergleich zum Vorjahr um rund fünf Jahre gesunken und liege aktuell bei 54,3 Jahren, sagte Philipp Lepper, Leiter der Lungen-Intensivmedizin an der Uniklinik. Die Entwicklung an der Uniklinik seien allerdings statistisch bisher nicht signifikant.

"Menschen mitten aus dem Leben"

Auch im Klinikum auf dem Saarbrücker Winterberg zeichnet sich ab, dass mehr jüngere Menschen mitten aus dem Leben auf der Intensivstation landen: "Im April 2020 haben wir im Klinikum Saarbrücken vor allem sehr alte Covid-19-Patienten behandelt. Jetzt behandeln wir viele Patienten, die mitten im Erwerbsleben stehen, die wenig Begleiterkrankungen haben, Kinder aufziehen und nach der Intensiv-Behandlung nach derzeitiger Einschätzung zu einem relevanten Teil durch Long-COVID voraussichtlich aus dem Arbeitsleben ausscheiden werden", erklärt Dr. Schwarzkopf. Das habe auch volkswirtschaftliche Folgen.

"Jetzt behandeln wir hingegen viele Patienten, die mitten im Erwerbsleben stehen, die wenig Begleiterkrankungen haben, Kinder aufziehen" - Dr. Konrad Schwarzkopf

Ein Drittel unter 60 Jahren

Dass nicht nur hochbetagte Menschen schwer an Covid-19 erkranken, zeigt auch eine Datenauswertung des wissenschaftlichen Instituts der Krankenkasse AOK (Wido): Demnach haben bereits die erste und zweite Welle auch jüngere Menschen schwer getroffen - dieser Effekt nehme in der dritten Welle zu.

Im Durchschnitt waren die in der Analyse erfassten rund 52.000 Patienten 67 Jahre alt. Menschen unter 60 Jahren stellten demnach ein Drittel der Covid-19-Patienten im Krankenhaus beziehungsweise ein Viertel der Beatmeten. Die meisten Menschen in diesem Alter sind noch nicht geimpft, weshalb beispielsweise auch Intensivmediziner der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) fürchten, dass die dritte Welle zu einer Überlastung der Krankenhäuser führen könnte.

Schon seit einigen Wochen steigt die Zahl der Intensivpatientinnen und -patienten mit Covid-19 deutlich. Und mit dem größeren Anteil von jüngeren Patienten steige auch die Behandlungsdauer, erklärt Dr. Schwarzkopf. Denn jüngere Patienten würden seltener an einer Covid-19-Erkrankung sterben, stattdessen aber zunehmend lange behandelt werden.

DIVI warnt vor Höchststand

Die Situation auf den Intensivstationen verhält sich dabei wie ein Schatten zu den Fallzahlen, da zwischen dem positiven Coronatest und der Einweisung in die Intensivstation meist etwa 14 Tage vergehen. Deshalb prognostiziert das DIVI-Intensivregister in knapp zwei Wochen einen neuen Höchststand.

Nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) führt die hohe Auslastung der Intensivstationen vor allem auch dazu, dass die Regelversorgung in den Kliniken stark eingeschränkt wird. Die Ärztinnen und Ärzte seien am Limit. "Wir sind gezwungen, ab sofort fast flächendeckend in den Notbetrieb umzuschalten. Das bedeutet, dass die verantwortlichen Medizinerinnen und Mediziner planbare und medizinisch nicht sehr dringliche Operationen und Behandlungen verschieben müssen, um die komplette Überlastung des Personals zu verhindern“, sagte der Vorstandsvorsitzende der DKG, Dr. Gerald Gaß.

Die saarländischen Krankenhäuser befinden sich aktuell noch nicht im Notbetrieb - zuletzt mussten in der zweiten Welle teilweise planbare Operationen und Behandlungen verschoben werden.


14.04.2021, 09.08 Uhr:

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version hatten wir berichtet, dass auch das Fliedner Krankenhaus in Neunkirchen ähnliche Erfahrungen schildert. Das Fliedner Krankenhaus Neunkirchen hat keine Intensivstation. Korrekterweise handelt es sich um das Diakonie Klinikum Neunkirchen, das ebenfalls von der Stiftung Kreuznacher Diakonie getragen wird. Wir bitten, dieses Missverständnis zu entschuldigen.

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