Lernort Kreibelstraße (Foto: Ulli Wagner/SR)

Eingesperrt in winzigen Zellen

Ulli Wagner / Onlinefassung: Axel Wagner   07.11.2019 | 11:21 Uhr

Bei ihren Stippvisiten in Berlin sucht sich SR 3-Reporterin Ulli Wagner immer was aus, was sie noch nicht kennt oder wo man bislang nicht reindurfte. Auch diesmal hat sie wieder so einen Ort gefunden – die ehemalige Untersuchungshaftanstalt der Volkspolizei gleich hinter dem Alex, dem Alexanderplatz. Hier ihre Eindrücke von ihrer Zeit hinter Gittern.

30 Jahre Mauerfall: Lernort Kreibelstraße
Audio [SR 3, Ulli Wagner, 07.11.2019, Länge: 07:40 Min.]
30 Jahre Mauerfall: Lernort Kreibelstraße

Heute beherbergt die Bernhard-Weiß-Straße hinter dem Alexanderplatz die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie. Früher hieß sie Keibelstraße, und in Haus Nummer 6 wurde Geschichte geschrieben. Bis zur Weltwirtschaftskrise war dort die Zentrale von Karstadt, dann das Statistische Amt, das in der Nazizeit eine unrühmliche Rolle spielte. Danach wurde das große Haus mit seinen Hinterhöfen und Quergebäuden zum Polizeipräsidium und ein Querflügel zur Untersuchungshaftanstalt der Volkspolizei. Dort saß man ein wegen Diebstahl, Raub  Mord, Körperverletzung.

„Aber halt auch, weil’s DDR ist, DDR-spezifische Haftgründe“, sagt Jan Haverkamp, Bildungsreferent im Lernort Keibelstraße. „Das ist dann vor allem ungesetzlicher Grenzübertritt, Paragraph 249, Störung der öffentlichen Ordnung durch asoziales Verhalten, Rowdytum, solche Dinge waren das.“ Der Lernort Keibelstraße besteht noch nicht mal ein Jahr, ist aber schon sehr gefragt, vor allem bei Schulklassen. Denn er bietet spezielle Unterrichtseinheiten und einmal im Monat eine Führung.

Winzige Zellen

Dabei kann man dann hinter Gitter und in die kleinen Zellen schauen und Geschichten, Urteile, Verfügungen lesen – so wie diese:

Er wird beschuldigt, Missachtung staatlicher Symbole dadurch begangen zu haben, dass er die an der … Schönhauser Allee … angebrachte Staatsflagge der DDR vorsätzlich abbrach.

Das waren asoziales Verhalten und Rowdytum, und dafür gab’s zwei Wochen in der Keibelstraße. Für unerlaubten Grenzübertritt bekam man deutlich mehr, so Haverkamp. „Wir haben ein Beispiel von einem Zeitzeugeninterview, das wir zeigen, der hat insgesamt dreimal versucht, in den Westen zu kommen. Der letzte Versuch war so ein bisschen pro forma, weil er darauf gebaut hat, dass er freigekauft wird.“

Im heutigen Lernort Kreibelstraße in Berlin war früher ein Gefängnis der DDR-Volkspolizei untergebracht. (Foto: Ulli Wagner/SR)
Im heutigen Lernort Kreibelstraße in Berlin war früher ein Gefängnis der DDR-Volkspolizei untergebracht.

Die Zellen sind winzig, ich habe schon Schnappatmung in einer leeren Zelle bekommen und ich wusste, ich brauche mich nur umzudrehen, um da wieder rauszukommen. Die, die damals da drin saßen, die taten das für viele, viele Stunden am Tag, und das Tag für Tag. Und sie hatten niemandem zum Reden. Manche hat das an den Rand der Verzweiflung gebracht und dazu, etwas zu tun, was strengstens untersagt war.

Man möchte bitte die menschliche Seite meines Handels sehen. Ich bin 13 ½ Stunden in einem Raum, der genau so groß ist wie mein Badezimmer zuhause. Ich leide und habe immer schon unter Platzangst gelitten und kann mich nicht mit dem Eingesperrtsein abfinden. Dadurch habe ich Kontakt mit anderen aufgenommen, um ein bisschen abgelenkt zu sein. Es soll nicht wieder vorkommen.

Zeugnisse von Willkür

Diese Untersuchungshaftanstalt hinter dem Alexanderplatz war kein Stasi-Gefängnis – aber auch dort im Lernort Keibelstraße kann man viel über Willkür lernen und darüber, was zu einem Rechtsstaat gehört und was fehlt, wenn ein Staat keiner ist:

„Zugang zu Anwälten oder die Beratung durch Anwälte, das ist nur eine pro forma Geschichte“, sagt Haverkamp. „Es gibt keine externe Beschwerdestelle, das ging alles an die Leitung, also das würde ich nicht als rechtsstaatlich bezeichnen, das ist auch dann eher ein Ausgeliefertsein an die Institution.“

Über dieses Thema haben auch die Bunten Funkminuten auf SR 3 Saarlandwelle vom 07.11.2019 berichtet.

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