Schüler mit Masken im Unterricht (Foto: picture alliance/Sven Hoppe/dpa)

Sind Masken für Kinder gefährlich?

Anne Staut   09.11.2020 | 09:53 Uhr

Ist das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung für Kinder gefährlich? Diese Frage wird immer wieder diskutiert – auch im Hinblick auf eine Maskenpflicht im Unterricht. Kritiker befürchten, dass Kinder eine Kohlendioxidvergiftung erleiden könnten. Der Kinderarzt Prof. Arne Simon und der Lungenfacharzt Dr. Kai-Michael Beeh geben in diesem Punkt Entwarnung. Trotzdem gibt es bei der Maskenpflicht im Unterricht einiges zu beachten.

Im Netz kursieren derzeit Videos und Meldungen, die davor warnen, dass Kinder eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen. Teilweise wird darin behauptet, dass bereits Kinder deshalb durch eine Kohlendioxidvergiftung gestorben seien. Belege gibt es dafür bislang aber nicht.

Für Aufsehen hatte unter anderem auch der Tod eines 13-jährigen Mädchens in der Südpfalz gesorgt, das zuvor in einem Schulbus bewusstlos geworden war. Nach derzeitigen Erkenntnissen gibt es jedoch keinen Hinweis darauf, dass der Mund-Nasen-Schutz des Mädchens zum Tod geführt hat.

Angst vor Ersticken unbegründet

Der Lungenfacharzt und Ärztliche Leiter des Instituts für Atemwegsforschung, Dr. Kai-Michael Beeh, gibt erstmal Entwarnung. "Die Angst, man könnte mit einer Mund-Nasen-Bedeckung ersticken, akut in irgendeiner Weise vergiftet oder geschädigt werden, ist gänzlich unbegründet."

Auch Professor Dr. Arne Simon sieht keine Gefahr, sofern einige Rahmenbedingungen stimmen. "Ich sehe kein Risiko für eine gesundheitliche Gefährdung durch das Tragen einer Alltagsmaske, vor allem wenn dafür gesorgt wird, dass die Masken nicht zu eng sind und die in den Hygienekonzepten vereinbarten Lüftungsintervalle eingehalten werden. Selbstverständlich darf keinem unbeaufsichtigten Kind eine Maske angezogen werden, das diese nicht gegebenenfalls selbst abnehmen kann. Die Maske sollte so weit sein, dass sie die Lippen des Kindes auf keinen Fall berührt, auch weil sie sonst zu schnell durchnässt."

Simon ist Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin an der Uniklinik Homburg und arbeitet dort in der Klinik für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie. Zu seinen Patienten gehören auch Kinder, die bereits vor der Coronapandemie zu ihrem eigenen Schutz regelmäßig eine Mund-Nasen-Bedeckung (MNB) tragen mussten – auch über ein bis zwei Stunden am Stück. Dabei handelt es sich allerdings nicht um Alltagsmasken aus Stoff sondern um spezielle MNB in einer extra Kindergröße. Im Zuge der Coronapandemie tragen die Kinder inzwischen aber auch Alltagsmasken aus Stoff.

Es kommt auf die Maske an

Beide Mediziner verweisen darauf, dass die Art der Maske eine entscheidende Rolle für das Wohlbefinden der Kinder spiele. "Die Maske soll nicht so eng sitzen, dass an den Seiten über den Wangen keine Luft mehr entweichen kann. Auch der Stoff soll so gewählt werden, dass die Kinder bequem atmen können", so Beeh. Es sei eine Fehlannahme, dass die Filterfunktion der Maske davon abhänge, wie dicht der Stoff sei.

Sitzt die Maske viel zu eng und lässt keine Luft an den Seiten durch, kann der CO2-Gehalt unter der Maske durchaus Probleme verursachen. Das Kind kann dann laut Simon Kopfschmerzen bekommen oder müde werden.

Zur Ohnmacht oder sogar zum Tod eines Kindes führe das Tragen der Maske aber nicht: "Wenn der CO2-Gehalt wirklich deutlich ansteigen würde, würden die Kinder unruhig werden. Sie würden sich nicht wohlfühlen und die Maske ausziehen. Dass ein Kind zum Beispiel unter der Maske einschläft und in ein CO2-Koma fällt, das kann nach meiner Einschätzung nicht passieren. Natürlich sollen Kinder, die schlafen, keine Maske tragen", erklärt Simon, der auch das Sektor-übergreifende pädiatrisch-infektiologische Netzwerk Saar (Pädine Saar) leitet.

Der Körper greift regulierend ein

Der Lungenfacharzt Beeh bekräftigt, dass selbst ein Anstieg des Kohlendioxidgehalts keine tödlichen Folgen hätte. "Das Kohlendioxid ist unser wichtigster Stimulus für die Atmung. Unser gesamter Atemantrieb wird von Kohlendioxid gesteuert – jedenfalls bei einem gesunden Menschen. Es gibt Messfühler im Blut, die melden, wenn das Kohlendioxid ansteigt, dann wird die Atemleistung gesteigert", erläutert Beeh.

Der Körper greift also automatisch regulierend ein. Das passiere auch bereits bei einem minimalen Anstieg – auch im Alltag. "Bei der körperlichen Arbeit entsteht beispielsweise Kohlendioxid in den Muskeln. Das sagt unserem Gehirn, dass es mehr atmen muss und dann wird mehr geatmet".

Trotzdem könne das Tragen der Maske – insbesondere über Stunden ohne Pause – Stressreaktionen auslösen. Manche Kinder könnten die Maske als so unangenehm empfinden, dass sie Luftnot haben. "Luftnot hat nicht immer etwas mit dem Kohlendioxid im Blut zu tun. Es gibt tausend Gründe, warum man Luftnot hat", sagte Beeh. Auch ein zu eng geschnallter Gürtel könnte etwa Luftnot auslösen. Das Gefühl, nicht richtig durchatmen zu können, löse eine Stressreaktion aus. Ob diese Stressreaktionen, wenn sie häufiger auftreten, langfristig negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Kinder haben, sei derzeit noch unklar.

Masken zwischendurch abziehen

Beide Mediziner sind sich einig, dass es wichtig ist, dass die Kinder die Masken zwischendurch ausziehen können. "Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass die Kinder ihre Masken zwischendurch ausziehen dürfen", so Simon. Möglich wäre das etwa, während die Fenster zum Lüften geöffnet sind. Man müsse ein bisschen flexibel mit der Situation umgehen.

Beeh schlägt vor, dass die Kinder zwischendurch in kleinen Gruppen auf den Schulhof geschickt werden könnten, um Frischluft zu atmen. "Das Falscheste wäre, wenn man die Kinder mit der Maske sechs oder acht Stunden am Stück im Klassenraum sitzen lässt."

Raum muss gut durchlüftet sein

Neben der passenden Maske spielt laut Simon aber auch die Raumluft eine wichtige Rolle. Der Klassenraum müsse regelmäßig gelüftet werden. Wenn der CO2-Gehalt in der Klasse zu hoch sei, seien die Schüler häufig müde und klagten über Kopfschmerzen. Zu diesem Ergebnis kommt auch das Umweltbundesamt. Es empfiehlt deshalb auch unabhängig von der Coronapandemie, dass regelmäßig gelüftet werden sollte.

"Wenn in der Klasse sowieso ein zu hoher CO2-Gehalt ist, weil die Fenster nicht geöffnet werden und nicht gelüftet wird, dann können die Masken das Problem noch verschärfen", erklärt Simon. Unter der Maske sei die CO2-Konzentration sowieso etwas höher als in der Raumumgebung. "Aber das ist nicht problematisch, wenn der Klassenraum regelmäßig gut gelüftet wird", erläutert der Kinderarzt weiter. Im Saarland soll derzeit alle 20 bis 25 Minuten für zwei bis drei Minuten gelüftet werden.

Infektions- und praktische Gründe

Selbst bei jüngeren Kindern bestehe keine Gefahr, dass ihre Gesundheit durch das Tragen einer Maske Schaden nehmen könnte, sofern die Rahmenbedingungen stimmten. Im Saarland gilt ab Mitte November eine Maskenpflicht für Schüler ab der fünften Klasse. Für Grundschüler gilt sie bislang nicht.

"Je jünger das Kind, desto unwahrscheinlicher ist es, dass es selbst an einer Infektion durch das Virus schwer erkrankt", erklärt Simon. Die Kleinsten seien außerdem am seltensten Überträger des Coronavirus. "Wenn man das aus der Perspektive der Grundschüler unter zehn Jahren oder des Kindergartenkinds betrachtet, kann man sagen, es macht wenig Sinn, hier das ständige Tragen einer Maske zum Schutz dieser Kinder zu fordern, insofern sie nicht einer definierten Risikogruppe angehören", so Simon. Es gehe in diesem Zusammenhang vielmehr darum, die erwachsenen Kontaktpersonen (Erzieher, Betreuer, Lehrer) zu schützen.

Anders sieht es laut Simon hingegen bei Jugendlichen aus, die älter sind als 14. "Die gehören eher zu den Erwachsenen, was das Risiko einer Übertragung angeht, obwohl sie auch glücklicherweise nur äußerst selten schwer erkranken." Im Gegensatz zu jüngeren Kindern könnten Jugendliche bei Hotspots und sogenannten Superspreader-Ereignissen eine größere Rolle spielen. Das gelte aber nicht für die geschützte und kontrollierte Situation an den Schulen, sondern eher für Kontakt außerhalb im Freizeitbereich.

Eine Rolle spielen laut Beeh auch praktische Gründe. Wichtig sei, dass das Kind in der Lage dazu ist, eine Maske zu tragen. Zwischen etwa sechs und elf Jahren sei es deshalb eine Kann-Entscheidung. Ab der fünften Klassenstufe seien die Kinder einsichtig und verständig genug und könnten auch selbst mit der Maske umgehen.

Alternativen zur Maske

Obwohl er bei der Einhaltung der oben genannten Rahmenbedingungen keine gesundheitlichen Bedenken zum Tragen einer Maske hat, sieht Simon darin nicht die Ideallösung. "Ideal ist das Maskentragen im Unterricht auf keinen Fall, aus vielen Gründen nicht. Es ist ja auch ein Kommunikationshindernis." Auch Beeh hat Zweifel, ob das Tragen der Maske in der Schule "die heilbringende Sache ist". Beide Mediziner denken deshalb, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, in den Schulen auf einen starken Anstieg an Coronaneuinfektionen zu reagieren.

"Eine Alternative dazu wäre, dass man die Klassen bei Auftreten von Infektionen in einer Schule vorübergehend  wieder teilt, einen Teil des Unterrichts als Onlineunterricht anbietet und weniger Schüler in der Klasse hat", schlägt Simon vor. Die Schüler könnten dann weiter (mindestens 1,5 Meter) auseinandersitzen. Dann sei das Übertragungsrisiko auch äußerst gering. Die Klassen zu verkleinern hält auch Beeh für eine Alternative. Eine weitere Möglichkeit wären Belüftungskonzepte, die häufiges Lüften und Luftfilteranlagen beinhalten.

Berufsverband für altersgerechte Regeln bei Maskenpflicht

Auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte sieht Masken als wichtiges Mittel in der Ausbreitung der Pandemie. Ein Risiko für eine Kohlendioxidvergiftung bestehe nicht. Gesunde Kinder ab zehn Jahren könnten lernen, sicher und effektiv selbstständig mit einer Maske umzugehen. Für Kinder ab sechs Jahren sollte keine verpflichtende Maskenpflicht gelten. Der Berufsverband plädiert außerdem dafür, dass die Kinder die Maske in diesem Alter jederzeit abnehmen könnten. Alle Informationen des Berufsverbands finden Sie hier: https://www.bvkj.de/

Video [aktueller bericht, 17.11.2020, Länge: 2:36 Min.]
Berufsverband äußert sich zu Coronainfektionen bei Kindern

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