Lehrerin mit Schülern in einer Klasse (Foto: Imago Images/photothek/Ute Grabowsky)

Lehrer unter Druck

Kai Forst   15.06.2019 | 08:30 Uhr

Verhaltensauffällige Schüler, zu große Klassen, zu hohe Ansprüche an sich selbst: Viele Lehrer halten dem großen Druck, dem sie ausgesetzt sind, offenbar nicht stand. Die Folge: Die psychischen und psychosomatischen Probleme nehmen dramatisch zu, berichten die Lehrergewerkschaften im Saarland.

Traumjob Lehrer: Viele Urlaubstage, früher Feierabend - dieses Bild haben viele Menschen, wenn sie an den Lehrerberuf denken. Doch die Realität sieht offenbar anders aus, denn immer mehr Lehrer leiden an psychischen oder psychosomatischen Erkrankungen. Depressionen, Burnout, Schlafstörungen, Angstzustände oder Hörsturz: Diese Krankheitsbilder stellt Lisa Brausch, Vorsitzende des saarländischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (SLLV), in ihren Beratungen vermehrt fest. „Es gibt immer mehr Kolleginnen und Kollegen, die wegen längerer Erkrankungen zum Amtsarzt müssen und schuldienstunfähig geschrieben werden. Die Anzahl hat sich massiv erhöht.“

Scheitern an den hohen Ansprüchen

Die Gründe dafür sind laut Brausch vielfältig. Zunehmende Verhaltensauffälligkeiten bei Schülern, zu große Klassen und das Gefühl, den eigenen hohen Ansprüchen nicht gerecht werden zu können - das alles bringe die Lehrer an ihre Grenzen. „Sie schaffen es nicht mehr, Privat- und Berufsleben zu trennen. Ein kleiner Anlass, wie zum Beispiel eine Whats-App-Nachricht einer Mutter, reicht schon, um das ganze Karussell wieder in Gang zu bringen“, sagt Brausch. Hinzu komme der stark zunehmende Lärmpegel, der durch die großen Klassen und den veränderten Unterrichtsstil bedingt sei.

"Starker Anstieg psychischer Belastungen"

Auch der saarländische Philologenverband und die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) beklagen zunehmende psychische Belastungen unter den Lehrkräften. „Es kommt zu immer mehr Ausfällen. Insgesamt beobachten wir einen starken Anstieg psychischer Erkrankungen“, sagt Marcus Hahn, der Vorsitzende des Philologenverbandes. Und Max Hewer, stellvertretender GEW-Chef im Saarland, fügt hinzu: „Das Problem betrifft auch immer mehr junge Lehrer. Ganz viele von ihnen sind höchst engagiert, der eigene Anspruch ist enorm hoch. Aber es gibt nicht genügend Kapazitäten, um das alles umzusetzen. Und damit können viele nicht umgehen.“

Ein Phänomen, das die SLLV-Vorsitzende Brausch nur bestätigen kann. „Dass immer mehr Junglehrer mit diesen Problemen zu kämpfen haben, macht mir große Sorgen. Sogar Referendare haben inzwischen schon mit Burnout zu kämpfen.“ Der Anspruch, allen Schülern gerecht werden zu wollen, sei mit der Realität derzeit nicht zu vereinen. „Diejenigen, die es allen recht machen wollen, können eigentlich nur scheitern“, sagt Brausch.

Studie: Lehrer stärker von Erschöpfung und Kopfschmerzen betroffen

Was die Lehrergewerkschaften aus dem Saarland berichten, ist auch in der restlichen Republik zu beobachten. Nach einer repräsentativen Erhebung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin unter mehr als 20.000 Erwerbstätigen sind Lehrer deutlich häufiger als andere Berufsgruppen von Erschöpfung (mehr als jeder Zweite), Kopfschmerzen (mehr als 40 Prozent), Nervosität und Reizbarkeit (knapp 40 Prozent) sowie von Schlafstörungen (35 Prozent) betroffen.

Das saarländische Bildungsministerium teilte auf Anfrage mit, dass es keine Daten über psychosomatische Erkrankungen erhebe. Allerdings seien Lehrer mit elf Krankheitstagen im Schuljahr 2017/2018 und zehn Tagen 2015/2016 deutlich seltener krank als andere Berufsgruppen. Das geht laut Ministerium aus dem Fehlzeiten-Report 2018 der AOK hervor. Außerdem versuche man mit dem Landesprogramm „Gesunde Schule Saarland“ auch die Gesundheit der Lehrkräfte zu fördern. 

"Wir brauchen Schulpsychologen und Sozialarbeiter"

Brausch findet das nicht ausreichend und sieht weiteren Handlungsbedarf - etwa bei der Umsetzung der Inklusion und den Rahmenbedingungen in den Schulen. Zu häufig würden die Lehrkräfte im inklusiven System allein gelassen mit den Kindern. „Das halte ich für unverantwortlich.“

Viele Schüler kämen mit großen familiären Problemen in die Schule. Doch die Eltern, beobachtet Brausch, schieben die Erziehungsverantwortung immer häufiger an die Schule ab. „Und dann ist es natürlich sehr einfach zu sagen: Mein Kind ist in Ordnung. Die Probleme liegen nur am Lehrer.“ Brausch ist sich sicher: „Wir brauchen Schulpsychologen und Sozialarbeiter, die in die Familien reinarbeiten können, wenn man sieht, dass es sich um ein familiäres Problem handelt. Das ist nicht Aufgabe der Lehrer.“

Hier seien die multiprofessionellen Teams - also eine Einheit aus beispielsweise Sozialarbeitern, Schulpsychologen, Sonderpädagogen und Integrationshelfern - flächendeckend wichtig. Derzeit würden diese Teams aber lediglich an Brennpunktschulen eingesetzt. „Und die Schulen, die nicht als Brennpunktschule klassifiziert werden, gehen leer aus.“

Über dieses Thema wurde auch in den SR-Hörfunknachrichten vom 15.06.2019 berichtet.

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