Kunden mit Einkaufswägen warten vor einem Lebensmittelgeschäft (Foto: picture alliance/dpa | Hauke-Christian Dittrich)

Saarländer sind pandemiemüde aber optimistisch

Hannah Reichhart   02.05.2021 | 08:48 Uhr

Die zweite Corona-Welle hat den Saarländern stärker aufs Gemüt geschlagen als die erste. Laut der „Covid_Saar“-Studie der HTW sind die Saarländer pandemiemüde und glauben, dass Corona ihr Leben langfristig beeinflussen wird - aber nicht zwangsläufig zum Negativen.

Schon seit Beginn der Corona-Pandemie fragt Prof. Tatjana König Saarländerinnen und Saarländer nach ihrer Gefühlslage. Die Professorin für BWL und Marketing leitet den Studiengang Marketing Science an der Hochschule für Technik und Wirtschaft.

Nicht ganz überraschend: Die deutliche Mehrheit wünscht sich, dass Corona bald vorbei ist. Aber: Die Saarländer scheinen das auch realistisch zu sehen. 80 Prozent der Befragten in der "Covid_Saar"-Studie gehen davon aus, dass sich die Pandemie langfristig auf ihr Leben auswirken wird. Warum das nicht nur negativ gesehen wird, erklärt Tatjana König im Interview.

Tatjana König (Foto: Pressefoto)
Tatjana König forscht zum Lebensgefühl im Saarland während der Corona-Pandemie.

SR.de: Frau König, nur 40 Prozent der Befragten in Ihrer Studie denken, dass sie durch diese Auswirkungen unzufriedener sein werden. Wie erklären sie sich das?

König: Zufriedenheit wird ja meistens im Verhältnis dazu definiert, was man erwartet hat. Bei einem Produkt würde man sagen: Erwartungshaltung an das Produkt versus, was das Produkt wirklich geleistet hat.

Wenn die Erwartungshaltung dem entspricht, was man bekommen hat, ist man zufrieden. Wenn man weniger bekommen hat, ist man unzufrieden. Und ich denke, dass viele sehen, dass so eine Krise das Potenzial hat, sehr viel zu verändern. Das muss aber nicht immer zum Schlechten sein.

SR.de: Also haben wir in der Krise einfach geringere Erwartungen und sind deswegen leichter zufriedenzustellen?

König: Genau, man kann sich auf die Veränderungen einstellen. Auf die Masken haben wir letztes Jahr zum Beispiel irritiert reagiert. Mittlerweile haben wir uns daran gewöhnt. Außerdem geht man davon aus, wenn zum Beispiel die Wirtschaft hart getroffen wird, dass danach auch wieder Neues entstehen wird.

Also aus der Studie geht auch Optimismus hervor: Wir werden langfristige Auswirkungen haben, aber wir werden damit klarkommen.

SR.de: Trotz Optimismus - Sie haben in ihrer Studie auch festgestellt, dass die Saarländerinnen und Saarländer während der zweiten Welle im Herbst/Winter deutlich unzufriedener waren als während der ersten. Woran liegt das?

König: Ich glaube, man hat nicht damit gerechnet, dass es so lange andauert. In der ersten Welle war man damit beschäftigt, alles zu ändern. Das war etwas ganz Neues, auch anstrengend.

Aber die Lebenszufriedenheit ist ja ein längerfristiges Konstrukt. Und dadurch, dass die Pandemie so lange andauert, sieht man in den sehr belasteten Bevölkerungsgruppen: Die können einfach irgendwann nicht mehr! Alles, was man als Ausgleich sehen würde, also Urlaub, Sport, ins Restaurant gehen, ist eingeschränkt bzw. gar nicht möglich. Und wenn das ein Jahr lang so geht und man dann noch intensiv arbeitet und Kinder zuhause betreuen muss, dann zermürbt das.

SR.de: Sie sprechen die besonders belasteten Bevölkerungsgruppen an. Wie geht es Menschen im Saarland, die in systemrelevanten Berufen arbeiten?

König: Bei ihnen hat uns überrascht, dass zusätzlich zum Stress auch Einsamkeit auf die Lebenszufriedenheit schlägt. Da haben wir nochmal Gespräche geführt und da kam raus: Die haben gar keine Energie mehr, sich auch noch um ihr Privatleben, um sozialen Austausch zu kümmern.

Nach einem Jahr Pandemie müsste man da Burnout-Präventionsmaßnahmen, also Entspannung, Urlaub oder entzerrte Arbeitszeiten miteinbeziehen.

SR.de: Ein Ergebnis Ihrer Studie ist ja, dass der empfundene Stress großen Einfluss auf die Lebenszufriedenheit hat. Wovon hängt denn ab, wie stark gestresst man sich fühlt?

König: Gewissenhaftigkeit ist ein Faktor. Wenn man alles perfekt machen und immer alle Termine einhalten möchte, kann das dazu führen, dass man sich gestresster fühlt als Menschen, die eher loslassen können. Und Resilienz spielt in gewissen Altersgruppen eine Rolle.

Deswegen haben auch die Jüngeren vielleicht stärker zu kämpfen. Die Älteren stehen ganz anders im Leben. Das ist vielleicht nicht die erste Krise in ihrem Leben. Man hat gelernt, dass die Welt nicht untergeht, auch wenn es nicht so läuft, wie man es geplant hatte.

SR.de: Deswegen hat sich die Stimmung junger Saarländerinnen unter 30 laut Ihrer Studie am meisten verschlechtert?

König: Ja, wir sehen bei den jungen Frauen einen größeren Rückgang in der Lebenszufriedenheit. Und hier werden auch deutlich stärkere Auswirkungen auf die künftige Lebenszufriedenheit erwartet.

Gerade bei Frauen unter 30 Jahren haben wir eine etwas geringer ausgeprägte emotionale Stabilität gemessen. Das kann dazu führen, dass diese Bevölkerungsgruppe mehr mit der Krise zu kämpfen hat als andere.

SR.de: Sie bereiten gerade die nächste Befragung zur dritten Welle vor. Was denken Sie, wie geht’s dem Saarland jetzt?

König: Ich glaube, dass wir den Impferfolg antizipieren und so eine Art Vorfreude entwickeln. Und diese Frage nach der Vorfreude auf die Post-Corona-Zeit nehmen wir jetzt auch in die Befragung auf.

SR.de: Frau König, danke Ihnen für dieses Gespräch.


1200 Saarländer befragt

Für die „Covid_Saar“-Studie hat die Forschungsgruppe aus dem Bereich empirisches Marketing um Prof. Tatjana König seit Beginn der Pandemie mehrere Erhebungswellen im Saarland durchgeführt. Insgesamt wurden mehr als 1.200 Menschen im Alter zwischen 18 und 73 Jahren befragt. Das Forschungsprojekt der Hochschule für Technik und Wirtschaft Saarland (htw saar) wird vom Land gefördert.  

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten am 02.05.2021 berichtet.

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