Die Ausbeute für 3,50 Euro bei Kohl Brot. (Foto: Leonie Rottmann/SR)

Mit einer App zum Lebensmittelretter werden

Leonie Rottmann   02.02.2019 | 08:49 Uhr

Die Deutschen werfen nach einer WWF-Studie über 18 Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr weg. Deswegen verbindet die App "Too Good To Go" seit 2015 unter anderem Restaurants, Schnellimbisse und Bäckereien mit Verbrauchern, um so viele Nahrungsmittel wie möglich zu retten. Bis heute wurden damit fast zehn Millionen Mahlzeiten gerettet. SR.de hat getestet, wie die App funktioniert.

Die Theken sollen bis abends gefüllt sein, damit auch die letzten Kunden noch ausreichend Auswahl haben. Beim All-You-Can-Eat-Buffet sollte das Angebot ebenfalls bis Ladenschluss vollständig sein. Die Kehrseite des üppigen Angebots: Wir werfen Unmengen von Lebensmitteln einfach weg. Das ist auch den fünf dänischen Gründern aufgefallen, die hinter dem Konzept von "Too Good To Go" – übersetzt: zu gut, um es wegzugeben – stecken.

Die Idee der App ist einfach: Zuerst die App kostenlos herunterladen, ein Benutzerkonto anlegen und nach Partnern in der Nähe suchen. Ich entscheide mich für ein Paket aus der Bäckerei "Kohl Brot" in der Saarbrücker Europa-Galerie. In der Kurzbeschreibung erfahre ich, dass Brot, Brötchen, Kaffeestückchen und Kuchen übrig bleiben könnten.

Per App bestellen, bezahlen und Mahlzeit retten. (Foto: SR/Pixabay)

Was ich genau zu erwarten habe, bleibt aber bis zur Abholung offen. Ich bekomme eine Auswahl der Produkte, die übrig bleiben. Ein Mitspracherecht habe ich dabei nicht. Dafür muss ich nur 3,50 Euro statt etwa 7,00 Euro bezahlen. Abholen kann ich meine Mahlzeit kurz vor Ladenschluss und bezahlt wird per Kreditkarte, Paypal oder Sofortüberweisung direkt über die App.

Über 3200 Mahlzeiten im Saarland gerettet

Aktuell kooperieren deutschlandweit etwa 2400 Unternehmen mit Too Good To Go. "Im Saarland befindet sich die Rettungsmission noch im Aufbau, zurzeit sind es leider erst 13 teilnehmende Unternehmen, aber die Zahl wächst", sagt Franziska Lienert, Pressesprecherin von Too Good To Go. Immerhin 3200 Mahlzeiten seien bisher im Saarland gerettet worden. Das entspreche einer Menge von 64 Tonnen CO2.

Seit etwas mehr als einem Jahr können Verbraucher Rettungspakete der Bäckerei Kohl Brot über die App kaufen. Damit war die Filiale in der Europa-Galerie der erste Laden im Saarland, der diesen Service angeboten hat. Benedikt Kohl, projektbegleitender Mitarbeiter und Assistent der Geschäftsführung von Kohl Brot, erklärt, das Unternehmen sei schon längere Zeit auf der Suche nach einer Möglichkeit gewesen, die Retouren zu verringern. "Ganz ohne Retouren funktioniert unsere Gesellschaft leider nicht. So genau ist der Konsum nicht planbar."

Günstig gute Lebensmittel kaufen

Als ich um 19:40 Uhr an der Bäckerei ankomme, sehe ich schon drei Tüten von Too Good To Go in der Auslage liegen. Sie sind voll gepackt, aber ich kann noch nicht sehen, was drin ist. Ansonsten ist die Theke ziemlich leer. Ein Paar Brötchen und Baguettes liegen noch aus, der Rest scheint schon weggeräumt oder verkauft zu sein.

Während ich auf die Bäckerei zulaufe, sehe ich noch zwei andere junge Menschen, die dieselbe Richtung einschlagen. Pascal und Anna schauen auf ein Smartphone. Über die Schulter kann ich erkennen, dass sie die App geöffnet haben. Sie bekommen eine der abgepackten Tüten von der Verkäuferin, nachdem sie den Kauf auf dem Smartphone bestätigt hat.

Anna und Pascal freuen sich über ihr Paket von Kohl Brot. (Foto: Leonie Rottmann/SR)

Pascal nutzt Too Good To Go schon zum dritten Mal und ist sehr zufrieden mit der großen Ausbeute: "Was wir nicht brauchen, frieren wir einfach ein. Ich freue mich über die Möglichkeit, so günstig gute Lebensmittel kaufen zu können, die sonst einfach weggeworfen werden." Dass er am Ende des Tages nicht weiß, was ihn in der Tüte erwartet, stört ihn überhaupt nicht. "Brot und Brötchen kann man doch eigentlich immer gebrauchen. Und süße Teilchen sind meistens auch dabei."  

Der Inhalt richtet sich nach der Retoure

Täglich werden drei bis vier Pakete bei Kohl Brot verkauft. Benedikt Kohl erklärt, der Inhalt sei unterschiedlich, richte sich aber an unternehmensinterne Richtlinien. Normalerweise beinhalte ein Paket in etwa vier bis fünf Brötchen, ein Brot und eine Auswahl an Teilchen. Dass durch die reduzierte Ware kurz vor Ladenschluss weniger Kunden am Tag kommen, kann er nicht bestätigen.

"Wegen der begrenzten Portionen und des Überraschungseffekts besteht wenig Gefahr, dass die Tageskundschaft dadurch weniger wird", sagt auch Pressesprecherin Franziska Lienert. Für die Unternehmen entstehe also kein Schaden. Im Gegenteil: Sie würden die Lebensmittel sowieso wegwerfen. So bekommen sie zumindest noch etwa die Hälfte des Originalpreises.

Überraschungstüte zum Ladenschluss

Die Ausbeute für 3,50 Euro bei Kohl Brot. (Foto: Leonie Rottmann/SR)

Ich hole meine Tüte ab und lasse mich überraschen. Bezahlt habe ich die Ware schon per Paypal und die Verkäuferin bestätigt sie nur noch über ein Wischen auf dem Smartphone. Dann halte ich sie in der Hand und sehe erst, wie viel wirklich darin enthalten ist: Sechs Teilchen wie Puddingbrezel und Quarkbällchen, neun Brötchen und ein großes Brot. Und das alles für 3,50 Euro.

Für eine Person sind zu viele Produkte in dem Paket enthalten. Ich entscheide mich dazu, die Lebensmittel teilweise zu verschenken und teilweise einzufrieren. So habe ich meine ersten Lebensmittel gerettet – ein gutes Gefühl.

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