Valentinushof in Beckingen (Foto: Valentinushof)

Saar-Landwirte: "Ohne zweites Standbein geht es nicht"

Melina Miller   25.09.2021 | 09:31 Uhr

Fast jeder zweite landwirtschaftliche Betrieb im Saarland hat im vergangenen Jahr auf zusätzliche Einkommensquellen gesetzt. Das heißt: Die Viehzucht oder der Ackerbau allein reichen häufig nicht mehr aus, um einen Betrieb wirtschaftlich zu führen. Saarländische Höfe berichten von ihren Erfahrungen.

Saar-Landwirte: "Ohne zweites Standbein geht es nicht"
Audio [SR 3, Melina Miller, 24.09.2021, Länge: 02:41 Min.]
Saar-Landwirte: "Ohne zweites Standbein geht es nicht"

Auf dem Valentinushof in Düppenweiler gibt es rund 170 Rinder und Kälber. Leben können die Mitglieder des Familienbetriebs davon allerdings nur, weil sie auf die Direktvermarktung des Fleischs auf ihrem Hof setzen. "Wir dürfen hier direkt auf dem Hof schlachten und haben viele Abnehmer für das Fleisch. Ohne den Direktverkauf würde es nicht gehen", sagt Jutta Klein, die den Hof jahrzehntelang mit ihrem Mann im Nebenerwerb bewirtschaftet hat.

Valentinushof in Beckingen (Foto: Valentinushof )
Der Valentinushof beherbergt rund 20 Pensionspferde.

"Allein von Viehhaltung oder Ackerbau kann man nicht mehr leben", bekräftigt auch Jutta Kleins Tochter Karoline Klein-Maas. Sie hat den Hof 2014 von ihren Eltern als Geschäftsleiterin übernommen und musste erst einmal kräftig investieren: ein neuer Stall, eine Reithalle, Siloanlagen, all das wurde neu gebaut. Nun führt sie den Betrieb zusammen mit ihrem Mann im Haupterwerb. "Ohne die Investitionen wäre das gar nicht möglich gewesen."

Mittlerweile stehen auf dem Hof 20 Pensionspferde, also Pferde, die gegen Entgelt untergebracht und gehalten werden. Außerdem bietet die Landwirtschaftsmeisterin und ausgebildete Reitlehrerin normalerweise Reitstunden an - zumindest vor der Corona-Pandemie. Zusätzlich werden aktuell zwei Ferienwohnungen auf dem Hof ausgebaut, die kommendes Jahr fertig sein sollen. So hat sich die Familie mehrere Einkommenssäulen geschaffen.

Zusätzliche Einkommensquellen

Wie Familie Klein geht es vielen saarländischen Landwirtinnen und Landwirten. Rund jeder zweite landwirtschaftliche Betrieb im Saarland setzte im vergangenen Jahr auf zusätzliche Einkommensquellen abseits der reinen Viehzucht beziehungsweise des Ackerbaus. Ganz vorne mit dabei: die Erzeugung von erneuerbaren Energien, wie Zahlen des Statistischen Landesamtes zeigen.

Die saarländische Landwirtschaftskammer erklärt, dass sich das häufig allein wegen der Größe der Hofgebäude anbiete. Also zum Beispiel, weil auf dem Dach viel Platz für eine Fotovoltaik-Anlage sei. "Aber auch im Bereich Biogas wurde in der Vergangenheit investiert", erklärt ein Sprecher der Kammer.

Mehr Verkaufsautomaten

Die Direktvermarktung der eigenen Produkte, wie sie auch Familie Klein betreibt, war im vergangenen Jahr das zweithäufigste zusätzliche Standbein der Saar-Landwirte. Dazu zählen zum Beispiel auch Hofläden oder Verkaufsautomaten und Milchtankstellen.

Die Nachfrage nach diesen Automaten hat laut Landwirtschaftskammer in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen: "Viele landwirtschaftliche Familienbetriebe müssen für die Versorgung ihrer Tiere und zur Flächenbewirtschaftung einen hohen Arbeitsaufwand leisten. Daher ist es wichtig, dass neue Standbeine arbeitswirtschaftlich darstellbar sind. Mit Verkaufsautomaten ist die Direktvermarktung mit deutlich geringerem Arbeitsaufwand zu bewerkstelligen als beispielsweise mit Hofläden."

Außerdem sei die Nachfrage nach regionalen Lebensmitteln zuletzt immer größer geworden - darauf hätten die Landwirte reagiert.

Das berichtet auch Karin Leibrock, die mit ihrer Familie einen Hof mit Schweinen und Rindern bei Neunkirchen betreibt. Gerade in den letzten beiden Corona-Jahren sei die Nachfrage nach frischen Lebensmitteln aus ihrem "Regiomat", einem jederzeit geöffneten Verkaufsautomaten, stark gestiegen.

Eierhäuschen im Ort gefragt

Eier- und Nudelhäuschen in Nohfelden-Wolfersweiler (Foto: Philipp Pabst)
Philipp Pabst bietet in einem Verkaufshäuschen frische Eier und Eierprodukte an.

Das spürt auch Philipp Pabst. Er betreibt zusammen mit seinem Vater einen Hof in Nohfelden-Wolfersweiler. Sie haben rund 100 Rinder und kalbende Kühe, 300 Legehennen und bauen Kartoffeln an. Der Direktverkauf der Produkte läuft über ein kleines Häuschen in der Ortsmitte, das 24 Stunden geöffnet hat und ohne Personal funktioniert.

"Wir sehen schon, dass die Leute wieder mehr Wert auf frische und regionale Produkte legen. Da werden oft noch am Sonntagmorgen frische Eier geholt", erklärt Pabst. In einem klassischen Hofladen könnten sie dieses Rund-um-die-Uhr-Angebot gar nicht stemmen - auch aus personellen Gründen.

Pabst arbeitet neben der Arbeit auf dem Hof noch als Industriemechaniker. Um ganz von der Landwirtschaft leben zu können und den Hof im Haupterwerb betreiben zu können, müsste auch er deutlich erweitern: "Wir überlegen, eine Pferdepension zu starten und die Direktvermarktung unserer Produkte deutlich auszubauen. Anders würde es nicht gehen."

Einkommen schwankt

Doch woran liegt das, dass so viele Landwirte nicht mehr allein von ihren Tieren und dem Ertrag leben können? Ein Grund sind laut saarländischer Landwirtschaftskammer starke Einkommensschwankungen - etwa durch das Auf und Ab bei den Milch- oder Getreidepreisen. Auch die Ernte fällt witterungsbedingt nicht immer gleich aus. Philipp Pabst rechnet zum Beispiel schon damit, dass er in den kommenden Jahren durch die zunehmende Dürre weniger Weiden für seine Tiere zur Verfügung hat.

Jutta Klein vom Valentinushof sieht noch einen weiteren Aspekt: landwirtschaftliche Produkte würden häufig nicht ausreichend wertgeschätzt. Für den Preis, zu dem zum Beispiel Fleisch in Billigmärkten erhältlich sei, könne kein Landwirt wirtschaftlich produzieren - allein aufgrund der gestiegenen Anforderungen in den Bereichen Umwelt und Tierschutz. Darauf weist auch der saarländische Bauernverband hin.

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten am 25.09.2021 berichtet.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja