Leere Tafel in einem Völklinger Klassenraum (Foto: SR)

Landräte fordern neue Quarantäne-Strategie für Schulen

mit Informationen von Patrick Wiermer   07.11.2020 | 12:05 Uhr

Über 4600 Schüler und Lehrer sind derzeit im Saarland in Quarantäne, Tendenz steigend. Mehrere Landräte fordern nun ein Umdenken, sie wollen Schüler nicht direkt in Quarantäne schicken. Der Saarländische Lehrerinnen- und Lehrerverband (SLLV) ist gegen eine Lockerung der Regeln.

Landrat Recktenwald: "Es ist eine Schließung der Schulen durch die Hintertür"
Audio [SR 3, Interview: Renate Wanninger, 09.11.2020, Länge: 03:59 Min.]
Landrat Recktenwald: "Es ist eine Schließung der Schulen durch die Hintertür"

Ein Coronafall an einer Schule ist aktuell in der Regel gleichbedeutend mit einer Quarantäneanordnung für die komplette Klasse inklusive Lehrern des Infizierten. Dadurch steigt landesweit die Zahl der Schüler und Lehrer in Quarantäne immer weiter an: Am Freitag waren laut Bildungsministerium rund 4160 Schüler und rund 480 Lehrer in Quarantäne. Eine Woche zuvor waren es noch 460 Schüler und 54 Lehrer gewesen.

Mit dem Coronavirus infiziert sind aktuell 155 Schüler und elf Lehrkräfte. Eine Woche zuvor waren es noch 21 Schüler und eine Lehrkraft gewesen.

Interview mit SR-Reporterin Julia Berdin zur Lage der Lehreinrichtungen
Video [SR Fernsehen, (c) SR, 06.11.2020, Länge: 03:38 Min.]
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FFP2-Masken für Lehrer?

Der St. Wendeler Landrat Udo Recktenwald und der Saarlouiser Landrat Patrik Lauer fordern nun ein anderes Vorgehen im Hinblick auf die Quarantäne an Schulen. Beide warnen vor einem "Lockdown durch die Hintertür".

Einheitliche Regelungen der Gesundheitsämter gefordert
Audio [SR 1, Patrick Wiermer, 06.11.2020, Länge: 02:04 Min.]
Einheitliche Regelungen der Gesundheitsämter gefordert

Recktenwald ist dafür, dass Kontaktpersonen nicht grundsätzlich in Quarantäne geschickt werden, wenn es eine infizierte Person in der Klasse gibt. Stattdessen sollten die Klassen weiter unterrichtet werden, wenn alle Mund-Nasen-Bedeckungen tragen, Abstände gewahrt würden und das Lüftungskonzept eingehalten werde. Lehrer sollten dann FFP2-Masken tragen. Allerdings müssten dann alle Lehrer mit FFP2-Masken ausgestattet werden. Das hat das Bildungsministerium jedoch bislang abgelehnt.

Genauer differenzieren?

Der Saarlouiser Landrat Lauer spricht sich ebenfalls dafür aus, dass nur diejenigen, die näheren Kontakt mit dem Infizierten hatten, in Quarantäne geschickt werden. Es brauche einen "Paradigmenwechsel im Hinblick auf die Quarantäneanordnungen an Schulen", so Lauer auf seiner Internetseite. Man müsse einfach genauer hinschauen, wen man in Quarantäne schicke. Es gehe auch um ein Recht auf Bildung und die Folgen des ständigen Ausfalls wie stark ausgelastete Testkapazitäten und Gesundheitsämter.

Schlegel-Friedrich schlägt Luxemburger Modell vor

Die Landrätin von Merzig-Wadern, Daniela Schlegel Friedrich (CDU), hat schon Mitte der Woche für einen ähnlichen Weg plädiert. Auch sie kritisierte den "Lockdown durch die Hintertür" durch die zahlreichen Quarantäne-Anordnungen an Schulen. Stattdessen sollte sich das Saarland an dem Modell in Luxemburg orientieren. Dort werde bei einem Coronafall zunächst die Klasse innerhalb der Schule isoliert, aber weiter unterrichtet. Nach sechs Tagen würden dann Schüler und Lehrer getestet. Erst bei mehreren Fällen innerhalb einer Klasse werden alle Betroffenen unter Quarantäne gestellt.

Bei Kontaktverfolgung auch auf Quellcluster konzentrieren

Recktenwald und Schlegel-Friedrich plädieren zudem für eine Anpassung der Teststrategie. Man müsse neben der Nachverfolgung der Infizierten auch die Quellcluster - also das Umfeld und die Situation, in dem der Betroffene sich infiziert haben könnte - aufspüren. Alle Mitglieder dieser Quelle sollten für fünf Tage isoliert und danach getestet werden. Wer negativ ist, dürfe die kurzzeitige Quarantäne wieder verlassen. „Ohne diese zusätzliche Methode hätten wir das Cluster in der Gemeinde Marpingen nicht so schnell aufgespürt“, betonte Recktenwald.

Die beiden CDU-Politiker greifen damit einen Vorschlag des Berliner Virologen Christian Drosten auf, der dieses Konzept schon vor mehreren Wochen angeregt hatte.

Saar-Lehrkräfte gegen lockerere Quarantäneregeln

Der Saarländische Lehrerinnen- und Lehrerverband fürchtet hingegen eine Lockerung der Quarantäneregeln an Schulen. Aus seiner Sicht müssen bei einer Coronainfektion in einer Klasse weiterhin alle Schüler in häusliche Quarantäne geschickt werden. Den in den saarländischen Landkreisen diskutierten Vorschlag, dies auf einen kleineren Kreis zu begrenzen, lehnen die Lehrer ab. Es sei dann auch nicht Aufgabe der Schule, zu entscheiden, wer in Quarantäne müsse und wer nicht.

Der Verband dringt darauf, vor allem in den Grund- und Förderschulen, in denen keine Maskenpflicht besteht, nichts an der bestehenden Quarantäneregelung zu ändern. Statt einer Lockerung fordert der SLLV einen organisierten Hybridunterricht im wochenweisen Wechsel. Also abwechselnden Präsenz- und Online-Unterricht. Mit etwas zeitlichem Vorlauf und klaren Ablaufplänen könnten viele Familien eine Betreuung daheim besser organisieren, als eine unvorhersehbare Quarantäne.

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten am 07.11.2020 berichtet.

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