Ein Liebespaar (Foto: dpa)

Die Kunst des Kennenlernens: War früher alles besser?

Felicitas Fehrer   25.08.2018 | 06:30 Uhr

Früher hat man Briefe geschrieben und Blumen besorgt – heute wird fleißig in die Tasten gehauen. In Zeiten von WhatsApp, Chats und Onlinedating mag das Kennenlernen einiges von seinem ursprünglichen Charme verloren haben. Aber dennoch war früher nicht alles besser. Eine Beziehungsberaterin und ein Paar, das sich im Internet kennengelernt hat, erklären, wieso.

Wer sich in früheren Zeiten in jemanden verguckt hat, hatte erst mal die gleichen Fragen wie heute: Wie heißt die Person mit vollem Namen? Haben wir gemeinsame Bekannte? Und vor allem: Werden wir uns jemals wiedersehen? Der Unterschied: Früher wusste man, wenn man die Person jetzt nicht anspricht, war es das.

Doris Jahn ist Paarberaterin aus Saarbrücken (Foto: Doris Jahn)
Doris Jahn ist Paarberaterin aus Saarbrücken

Heute sieht das anders aus. Da surft man ein bisschen im Netz und hat im Handumdrehen nicht nur den Namen, sondern auch die Hobbies, die Augenfarbe des Haustiers und die Allergien der Tante des Gesuchten gefunden. Dann heißt es beim ersten Treffen: Aufpassen, dass nicht rauskommt, wie viel man eigentlich schon über den anderen weiß, denn das könnte peinlich werden. Doris Jahn, Partnerschaftsberaterin des Diakonischen Werks Saarbrücken, rät von solchen ausufernden „Online-Stalking-Eskapaden“ vor dem ersten Treffen ab. „Wer sich zuvor im Internet über die betreffende Person informiert, der riskiert, voreingenommen in das Date zu gehen. Man sollte sich lieber langsam vortasten und dem Kennenlernen Zeit geben.“

Moderne Technik: kein Beziehungskiller

Laut Jahn nimmt die moderne Technik aber nicht automatisch jeder frischen Liebe den Zauber - auch wenn durch Smartphones und Co. heute vieles schneller und einfacher geht. Denn es ist kein Geheimnis, dass diese Technik auch äußerst nützlich sein kann. „Die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt und so ist es auch mit der Kommunikation. Es wird alles immer schneller“, erklärt Jahn.

Symbolbild: Junge Smartphone-Nutzer  (Foto: Pixabay / terimakasih0)
"Smartphones sind nicht verantwortlich für Beziehungsstreit"

Und das sei auch gut so. Denn „kurz mal anrufen" hieß in den 90ern zum Beispiel nicht, abends gemütlich vom Bett aus mit dem Handy zu telefonieren. Nein, man brauchte das Festnetz mit dem oftmals viel zu kurzen Kabel, das dafür sorgte, dass die Eltern alles mithören konnten. Man traute sich kaum noch, das Haus zu verlassen, um bloß nicht diesen einen Anruf zu verpassen. Und wenn es zu einem Date kam, konnte man nicht kurz vorher schnell eine Nachricht schicken, dass man sich verspätet.

„Heute sind die technischen Möglichkeiten da und dafür sollten wir dankbar sein“, sagt Jahn. „Inzwischen haben auch Menschen, die nicht so viel Zeit haben oder wenig unterwegs sind, die Möglichkeit, schnell und einfach neue Leute kennenzulernen.“ Dadurch sei mit der Zeit zwar alles etwas unverbindlicher geworden, aber nicht unbedingt schlechter. „Ich kenne einige Menschen, die sich im Internet kennengelernt haben und in einer glücklichen Beziehung sind.“

Die Sucht ist schuld

Zur „neuen Technik“ gehört natürlich auch die Smartphone-Nutzung – heute ein nicht seltenes Streitthema in Beziehungen. Jemand beschäftigt sich zu wenig mit seinem Partner und zu viel mit dem Handy – das kann für angespannte Stimmung sorgen. Dann heißt es oft: „Früher gab es sowas nicht, da hat man noch miteinander gesprochen und war nicht so abgelenkt.“

In solchen Fällen dürfe man aber nicht der Technik die Schuld geben. „Wir haben es hier mit einem Suchtproblem zu tun“, sagt Jahn. „Das ist wie mit dem Alkohol: Es gibt Menschen, die können damit umgehen, andere trinken gar nicht und wieder andere kennen nicht das richtige Maß. Das Gleiche gilt für Smartphone-Nutzung.“

Aus dem echten Leben: Andrea & Daniel

Andrea und Daniel aus Schiffweiler sind seit vier Jahren ein Paar. (Foto: Andrea Horras)
Andrea und Daniel aus Schiffweiler sind seit vier Jahren ein Paar.

Das beste Beispiel dafür, dass das Online-Kennenlernen auch gut ausgehen kann, ist die Liebe von Andrea und Daniel aus Schiffweiler. Der IT-Techniker und die Lehrerin haben sich vor vier Jahren in der Facebookgruppe „Singles im Saarland“ gefunden. Heute sind sie glücklich verheiratet und haben Zwillinge, Max und Moritz.

„Daniel wurde damals von einem Arbeitskollegen in der Gruppe angemeldet“, erinnert sich Andrea. „Ich fand ihn interessant, weil er einer der Wenigen war, der auf seinem Profil nur sehr wenig von sich preisgegeben hat. Das hat mich neugierig gemacht und ich habe ihm geschrieben.“

Der Plan ging auf: Die beiden schickten sich eine Woche lang Nachrichten, dann kam es zu einem Treffen. „Ich wollte nicht ewig warten, sondern so schnell wie möglich herausfinden, ob der Mensch, mit dem ich da gerade schreibe, derselbe ist wie im echten Leben.“ Und das war er wohl: „Wir haben uns in einem Café getroffen und ich war direkt positiv überrascht von ihm“, sagt Andrea. „Er war pünktlich, sympathisch und wir konnten direkt an unser Gespräch aus dem Messenger anknüpfen.“ Ganze fünf Stunden haben sie sich verquatscht – die Gesprächsthemen gingen ihnen keine Minute aus.

Schon nach zwei Wochen wussten die beiden, dass sie gut zusammenpassen und haben sich für eine feste Beziehung entschieden. Keine zwei Jahre später hat Daniel seiner Andrea dann auf einer Englandreise einen romantischen Heiratsantrag gemacht. „Ich war erstmal sprachlos. Und das kommt bei mir nur selten vor“, lacht Andrea. Kurz später war die Saarländerin dann schon schwanger – mit Zwillingen.

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