Polizei und Feuerwehr (Foto: IMAGO / BeckerBredel)

Wie kommt die kritische Infrastruktur mit Omikron zurecht?

Tabea Prünte   11.02.2022 | 12:15 Uhr

Mit Omikron erreichen die Corona-Fallzahlen neue Höchstwerte. Die Infektionen belasten aber weniger die Intensivstationen als die Personallage in der kritischen Infrastruktur. Wie sieht es im Saarland aus?

Dass die Betten in Krankenhäusern knapp werden könnten, da sich zu viele Menschen mit dem Coronavirus infizieren, das war die gängige Befürchtung in den bisherigen Pandemie-Wellen. In der Omikron-Welle hat sich der Krankheitsverlauf zumeist als milder erwiesen, außerdem sorgt die Impfung für weniger schwere Verläufe. Doch gleichzeitig sind die Fallzahlen höher als je zuvor.

Die Befürchtung deshalb: Selbst wenn weniger Betten auf den Intensivstationen belegt sind, stellt die Patientenversorgung eine Herausforderung dar. Denn vermehrt fallen krankheitsbedingt die Mitarbeitenden aus. Und ähnliche Probleme drohten auch in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens, der sogenannten kritischen Infrastruktur. Deswegen wurden schon frühzeitig Notfallpläne entwickelt, auch im Saarland.

Pläne für den Notfall

Die Notfallpläne sehen verschiedene Stufen vor. Auf der letzten Stufe werden nur noch die dringlichsten Aufgaben des jeweiligen Bereichs erfüllt. Wie weit ist man davon in den verschiedenen Bereichen im Saarland entfernt?


"Dynamischer Krisenmodus" im Klinikum Saarbrücken

Von den knapp 20.600 Mitarbeitenden der saarländischen Krankenhäuser waren laut Angaben des Gesundheitsministeriums am Dienstag (8.2.2022) rund 1540 nicht einsatzfähig - diese Zahl entspricht gut sieben Prozent aller Mitarbeitenden.

Im Klinikum Saarbrücken laufe der Betrieb bereits im "dynamischen Krisenmodus", heißt es aus der Pressestelle. Das heißt konkret: Abhängig von der Zahl der Corona-Patientinnen und -Patienten einerseits sowie von der Verfügbarkeit des Personals andererseits werden Einsätze flexibel gesteuert. So sei die Versorgung dringender Eingriffe und Operationen sichergestellt, ebenso die Akut- und Notfallversorgung. Jedoch könnten sich planbare Eingriffe verzögern oder verschieben.

Dies sei notwendig, da der Krankenstand im Klinikum Saarbrücken den durchschnittlichen Wert überschritten habe. Im Jahresschnitt liege er bei etwa sieben Prozent. In der vergangenen Woche seien beinahe zehn Prozent der Mitarbeitenden krankheitsbedingt ausgefallen. Etwa jeder dritte Fall sei durch eine Corona-Quarantäne begründet.

Für die restlichen Mitarbeitenden kann das bedeuten: Mehrarbeit und Zusatzschichten. "Wir versuchen, die vorhandenen Personalressourcen effektiv einzusetzen und eng am Lagebild orientiert zu agieren", heißt es aus der Pressestelle des Klinikums. Die Tendenz des Krankenstandes sei derzeit eher steigend, man könne aber, sollte es die Situation erfordern, flexibel und schnell reagieren und Dienstpläne anpassen.

In der Kinderklinik der Saarlouiser St. Elisabeth-Klinik haben zahlreiche Coronafälle beim Personal bereits für einen Aufnahmestopp gesorgt.


Personalverfügbarkeit bei Rettungsdiensten

Vor einer personellen Herausforderung stehen auch die Rettungsdienste im Saarland. In der ersten Phase der Pandemie haben vor allem Materialprobleme logistische Schwierigkeiten bereitet - nun sei es vielmehr die Personalverfügbarkeit die die Einsatzfähigkeit des Rettungsdienstes beeinträchtigen könnte, gibt der Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung (ZRF) Saar an.

Neben dem Krankenstand von etwa zehn Prozent seien zusätzlich zwei Prozent der Mitarbeitenden in häuslicher Isolation. Die Impfquote liege derzeit bei 98 Prozent. Jeglicher Personalausfall könne aber kompensiert und die notfallmedizinische Versorgung somit gewährleistet werden. Allein bei zeitunkritischen Krankentransporten kann es Verspätungen geben.

Damit der Rettungsdienst im Saarland auch dann einsatzfähig bleibt, wenn der Krankenstand weiter steigen würde, hat der Gesetzgeber erst Anfang des Jahres eine neue Verordnung verabschiedet. Diese erlaubt es in Einzelfällen, "die erforderliche Mindestqualifikation situationsgerecht und verantwortlich zu reduzieren, um Ausfälle von Einsatzfahrzeugen zu vermeiden", wie der ZRF erklärt.


Polizei im Saarland

Bei der Polizei im Saarland könnten Personalausfälle noch vollständig kompensiert werden, erklärt das saarländische Innenministerium. Am Mittwoch habe der Krankenstand bei knapp acht Prozent gelegen. Auch hier fielen viele der Mitarbeitenden aufgrund von Quarantäneverfügungen aus. Allerdings weist das Ministerium auch darauf hin, dass eine Quarantäne nicht unbedingt die Einsatzbereitschaft beeinträchtigen müsste. Denn Bedienstete, die nicht selbst erkrankt oder symptomfrei sind, können gegebenenfalls von zu Hause aus arbeiten.

Zu "nachhaltigen, negativen Beeinträchtigungen der Funktionsfähigkeit" käme es bei der Polizei im Saarland nicht. Sollte sich das ändern, gebe es auch hier Notfallkonzepte.


"Systemkollaps" in Pflegeheimen?

In den Pflegeeinrichtungen im Saarland, die die Arbeiterwohlfahrt betreibt, habe sich der Anteil der Mitarbeitenden, die krankheitsbedingt ausfallen, innerhalb der vergangenen zwei Wochen mehr als verdoppelt. Die große Herausforderung bei der Dienstplangestaltung: die Quarantäneverfügungen. 120 Mitarbeitende aus den 27 Seniorenzentren der Awo im Saarland betreffe dies derzeit, teilt Geschäftsführer Jürgen Nieser auf SR-Anfrage mit und warnt aufgrund der pandemiebedingten zusätzlichen Belastungen vor einem möglichen "Systemkollaps im Gesundheitswesen".

Denn zusätzlich zu den Quarantäneanordnungen oder Erkrankungen sei die psychische Belastung als Ursache für die hohe Ausfallquote nicht zu unterschätzen. Es werden Mehrarbeitsstunden geleistet, so Nieser, Mitarbeitende verzichten auf ihre Freizeit oder sehen derzeit davon ab, sich Urlaub zu nehmen.

"Dieses überbordende Maß an erforderlichem Engagement hinterlässt seine Spuren", sagt er. "Psychische und körperliche Belastungen bis an die Grenzen, fordern nach nunmehr zwei Jahren ihren Tribut." Berufsflucht und ein weiterhin steigender Pflegenotstand wären die Folge.

Überprüfung einer möglichen Arbeitsquarantäne

Bei den Pflegeeinrichtungen der Caritas sei etwa jede zehnte Person aktuell krankgeschrieben oder in Quarantäne, jedoch können die Dienstpläne noch ohne Mehraufwand abgedeckt werden, heißt es dort. Bewohnerinnen und Bewohner der Einrichtungen können somit jeder Zeit versorgt werden. Sofern notwendig könnten noch Maßnahmen ergriffen werden, um die Mitarbeitenden bei zu großem Personalausfall zu entlasten, zum Beispiel indem die Einrichtungen Besuchszeiten verkürzen oder Unterstützung aus anderen Einrichtungen einfordern. Nur eine der saarländischen Caritas-Einrichtungen sei bereits im Notfallbetrieb.

Vor dem Hintergrund der milderen Verläufe der Omikron-Variante und dem gleichzeitigen Ziel, die Versorgung in den Pflegeeinrichtungen aufrechterhalten zu können, habe die Saarländische Pflegegesellschaft gegenüber dem Sozialministerium und den Landkreisen angeregt, die Möglichkeit einer Arbeitsquarantäne zu prüfen. Das würde bedeuten, dass Personen trotz Infektion zur Arbeit kommen dürften.


Mehrbelastung in den Kitas

Ein recht einheitliches Bild zeichnet sich im Bereich der Kinderbetreuung. Die Kitas im Einzugsbereich der Evangelischen Kirche im Rheinland verzeichnen laut Geschäftsführer Lutz Albersdörfer einen Krankenstand von 18 Prozent. Bei 19 Prozent liege der Krankenstand bei den Kitas in kommunaler Trägerschaft der Landeshauptstadt - damit ist beinahe jede fünfte Betreuungsperson krank. Bei den Katholischen Kindertageseinrichtungen im Saarland gebe es sogar einzelne Einrichtungen, in denen jede vierte Person derzeit krankgeschrieben sei, erklärt die Geschäftsführerin Judith Kost.

Viele der Krankschreibungen seien auf Coronafälle zurückzuführen. "Die verbleibenden Mitarbeitenden müssen hier durchaus die Arbeit auffangen, um die Betreuung sicherzustellen", so Albersdörfer von evangelischer Seite. "Mehrarbeit kommt vor."

Betreuungsverhältnis meist noch passend

Neben der zeitlichen Mehrbelastung seien auch die neuen Herausforderungen nicht zu unterschätzen: "Die Umsetzung der saarländischen Teststrategie, die Überprüfungen der Selbsterklärungen der Eltern, der Mehraufwand durch Umsetzung der Hygieneempfehlungen", sagt die Geschäftsführerin der Katholischen Kitas im Saarland, Judith Kost. Persönliche Ängste vor einer Ansteckung kämen noch hinzu sowie in vielen Fällen auch die Situation, dass Kita-Personal auch ausfalle, wenn das eigene Kind krank ist oder in Quarantäne muss.

Bislang passe allerdings meist das Verhältnis zwischen Fachkräften und Kindern: Da auch viele Kinder krank sind, müssen kleinere Gruppen betreut werden. Sollte dies aus dem Gleichgewicht geraten, müsse das Betreuungsangebot, also die Öffnungszeiten der Kita, eingeschränkt werden. Es handele sich dabei lediglich aber um Tagesmaßnahmen, die stets je nach Situation nachjustiert werden.

Als einen "täglichen Spagat zwischen Aufrechterhaltung der Betreuung, Einhaltung aller Hygienemaßnahmen und der eigenen Belastung durch die Pandemie", bezeichnet ein Sprecher der Stadt Saarbrücken die Situation.


Abfallentsorgung noch gewährleistet

Kritisch seien die aktuellen Fallzahlen im Bereich der Abfallabholung und Stadtreinigung nicht, heißt es vom Entsorgungsverband Saar (EVS) auf SR-Anfrage. Aufgrund zahlreicher Sicherheitsmaßnahmen arbeiteten die meisten Angestellten allein oder da wo es geht im Homeoffice. Nur dort, wo es erforderlich ist, gebe es auch Konstellationen zu zweit. So werde dafür gesorgt, das Ansteckungsrisiko untereinander so gering wie möglich zu halten. Die "umfassenden Maßnahmen waren bislang absolut erfolgreich in dem Sinne, dass der EVS seine Aufgaben trotz Pandemie-Thematik verlässlich erfüllen konnte."

Je nachdem, wie sich die pandemische Lage noch entwickele, könnten die Schutzkonzepte beim EVS noch ausgebaut oder angepasst werden, "um die Abwasserreinigung und Abfallentsorgung im Saarland auch unter Pandemiebedingungen sicherstellen zu können". Eine Priorisierung auf die wichtigsten Bereiche werde dabei nicht ausgeschlossen: "Sollten sich pandemiebedingt personelle Engpässe ergeben, hat - im Sinne der Stadthygiene - die Abfuhr von Rest- und Bioabfall absoluten Vorrang."

Der Zentrale kommunale Entsorgungsdienst, der für die Stadt Saarbrücken zuständig ist, meldet zwar einen etwas höheren Krankenstand als im übrigen Jahr. Doch auch hier könne die Müll- und Abwasserentsorgung stets gewährleistet werden.


Lage unkritisch bei Energie- und Wasserversorgung

Ähnlich sehe es bei der Energie- und Wasserversorgung aus, deuten die Stadtwerke Saarbrücken an. Kritisch sei auch hier die Personalplanung noch nicht. Der Krankenstand habe demnach in den vergangenen zwölf Monaten stets zwischen sechs und acht Prozent gelegen - im Januar habe der Anteil der krankgemeldeten Mitarbeitenden knapp sieben Prozent betragen, sei also "eher niedrig" gewesen und ein Anstieg durch die Omikron-Welle sei bislang nicht zu erkennen.

Das könnte auch an der vergleichsweise hohen Impfquote von 92 Prozent liegen. Seit Juni haben sich Mitarbeitende über die Betriebsärzte impfen lassen können, seit Dezember erfolgen auch die Booster-Impfungen. Als weitere Maßnahme seien die Mitarbeitenden auch für andere Arbeitsbereiche geschult worden, um bei Bedarf auch andere Aufgaben übernehmen zu können. Man befinde sich noch im "außerordentlichen Regelbetrieb", der vor allem eine angepasste Arbeitsweise wie Homeoffice verlange. Falls notwendig seien die nächsten Stufen der "minimalisierte Regelbetrieb" sowie in letzter Stufe der "Notbetrieb", bei dem Wartungen und Instandsetzungen verschoben werden, um zumindest dringende Störungen im Netzbetrieb beheben zu können.


Keine Einschränkungen im ÖPNV

Unproblematisch sei der Krankenstand außerdem im öffentlichen Nahverkehr im Saarland. Ausfälle habe es noch nicht gegeben, ebenso wenig seien veränderte Fahrpläne notwendig gewesen, so das saarländische Verkehrsministerium auf Anfrage.

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