Ein Gang in einem Kinderkrankenhaus (Foto: (c) dpa)

"Zwölf Tage am Stück waren keine Seltenheit"

Kai Forst   15.12.2019 | 10:20 Uhr

Pflegekräfte in deutschen Krankenhäusern gehen am Krückstock. Schichtarbeit, Personalnot, Überlastung: Immer weniger Menschen können sich vorstellen, diesen Beruf unter diesen Bedinungen auszuüben. So wie Nadja Stuchlik. Sie zieht die Reißleine - mit nur 27 Jahren.

Ende 2018 fällt Nadja Stuchlik die Entscheidung. Sie will nicht mehr. Zu diesem Zeitpunkt arbeitet sie bereits seit einigen Jahren als Krankenschwester auf der Kinderstation der Homburger Uni-Klinik. Ein Beruf, den sie eigentlich liebt und der sie ausfüllt. Doch zu groß ist der Druck, zu sehr überwiegen die Schattenseiten in der Pflegebranche. Akute Personalnot, Schichtarbeit, Stress und Überlastung: Sie zieht die Reißleine. Ihre Gesundheit gehe vor.

Ein einschneidendes Erlebnis

Es sei ein schleichender Prozess gewesen, erzählt sie. Und doch gab es ein einschneidendes Erlebnis. „Wir hatten einen 18-Jährigen auf Station, der nur noch palliativ behandelt wurde. Er hatte keine Überlebenschance und hatte sich entschieden, auf unserer Station zu sterben.“ Doch es habe die Zeit gefehlt, sich so um ihn zu kümmern, wie es eigentlich angebracht gewesen wäre. „Er war oft allein im Zimmer. Wir konnten nicht mit ihm an die frische Luft oder ihm was anders Gutes tun. Das war der Knackpunkt." In dieser Situation habe sie entschieden, so nicht noch Jahre oder Jahrzehnte weitermachen zu wollen.

Nadja Stuchlik ist kein Einzelfall. Die Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern sind so schlecht, dass immer mehr Pflegekräfte wegbrechen. Viele gehen frühzeitig in Rente oder verkürzen, weil sie den Belastungen nicht mehr standhalten. Und viel zu wenige wollen heute noch einen Pflegeberuf erlernen. Experten gehen davon aus, dass in den kommenden Jahren in den medizinischen Diensten und Krankenhäusern bundesweit rund 80.000 Vollkräfte fehlen werden.

"Permanent Schichtarbeit, ständig unterbesetzt"

Die Leidtragenden der akuten und permanenten Personalnot sind eigentlich alle: Patienten, Ärzte, Pflegekräfte. „Wir haben permanent Schichtarbeit, sind ständig unterbesetzt. Häufig ist man nur zu zweit auf Station oder sogar ganz alleine, wenn auf einer anderen Station jemand wegbricht. Das kommt regelmäßig vor.“ Eine enorme Belastung - physisch aber vor allem psychisch. „Es ist ein ungutes Gefühl, wenn man weiß, man ist auf sich alleine gestellt und hat sehr kranke Kinder auf Station.“

Für Nadja Stuchlik war die Erfahrung ernüchternd und deprimierend, nicht allen Patienten gerecht werden zu können. Häufig müssen auch kleine Kinder zu lange alleine bleiben. Die Anwesenheit der Eltern ist auf der Kinderstation nicht nur geduldet, sie ist dringend notwendig. Denn das schafft Entlastung. „Wir würden den Eltern gerne häufiger sagen: Fahren Sie mal nach Hause und ruhen sich aus. Aber eigentlich brauchen wir die Eltern hier.“

Fünf Tage Arbeit, zwei Tage frei: Keine Realität

Fünf Tage Arbeit, zwei Tage frei: So steht es im Vertrag der Krankenschwester. Doch die Realität sieht anders aus. Acht oder neun Tage sind üblich, zwölf Tage am Stück keine Seltenheit, das sogenannte „Holen aus dem Frei“ an der Tagesordnung. Das Gefühl, dass man ihre Sorgen ernst nimmt, haben die Beschäftigten längst nicht mehr. Und das, obwohl die Uniklinik in Homburg das einzige Krankenhaus im Saarland ist, an dem die Gewerkschaft Verdi einen sogenannten „Tarifvertrag Entlastung“ erstreiten konnte.

Mit der Vereinbarung verpflichtete sich die Klinik, 145 neue Stellen zu schaffen. Und Verdi sieht auch die Bemühungen. 100 Stellen hat das UKS nach eigenen Angaben bereits geschaffen. Gleichzeitig muss die Klinikleitung eingestehen, dass auch schon wieder 50 gegangen sind. Heißt im Klartext: Die Entlastung kommt nicht an bei den Pflegekräften.

"Das kann ich mir in diesem Job einfach nicht vorstellen"

Und die Beschäftigten haben auch wenig Hoffnung, dass sich das in absehbarer Zeit ändern wird. Und so wird Nadja Stuchlik mit Sicherheit kein Einzelfall bleiben. Inzwischen hat sie ein Studium begonnen und will Lehrerin werden. Auf der Kinderstation der Homburger Uniklinik arbeitet sie nur noch mit einer viertel Stelle. Und sie steht hinter dieser Entscheidung – auch mit Blick auf die Zukunft. „Die Arbeit als Krankenschwester macht ein Privat- und vor allem ein Familienleben unmöglich. Ich bin jetzt 27 und will bestimmt irgendwann eine Familie gründen. Das kann ich mir in diesem Job einfach nicht vorstellen.“

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