Fuss am Schwebebalken (Foto: picture alliance/augenklick/GES)

Missbrauch im Sport rückt in den Fokus

Sandra Schick   11.05.2019 | 08:20 Uhr

Seit fast zehn Jahren wird der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche breit diskutiert. Nun gerät der Sport zunehmend in den Fokus. Experten vermuten, dass es im Leistungssport ein ähnliches Ausmaß an Missbrauchsfällen geben könnte. Weil es aber nur wenige Berichte von Opfern gibt, sucht nun eine bundesweite Kommission Betroffene. Im Saarland ist es still geworden um das Thema.

"Es gibt noch kein umfassendes Bild über sexuellen Kindesmissbrauch im Sport", sagt Sabine Andresen, Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Allerdings gebe es Hinweise darauf, dass es auch im Bereich des Sports ähnlich schlimme Ausmaße geben könnte wie in den Kirchen.

Im Jahr 2017 hatte das Projekt "Safe Sport" unter Beteiligung der Sporthochschule Köln alarmierende Befunde veröffentlicht. Bei einer Online-Befragung von rund 1800 Kader-Athleten hatten rund ein Drittel angegeben, Opfer von sexualisierter Gewalt geworden zu sein. Einer von neun Sportlern hatte von lang andauerndem oder besonders schwerem Missbrauch berichtet.

"Relativ große Dimension" vermutet

Kontakt für Opfer
Missbrauchsopfer, die von ihren Erfahrungen berichten möchten, können dies unter folgender Adresse tun: www.aufarbeitungskommission.de/sport oder telefonisch unter 0800 40 300 40 (kostenfrei und anonym).

"Wir vermuten eine relativ große Dimension im Bereich des Sports. Bisher haben sich aber erst wenige Betroffene bei uns gemeldet" sagt Andresen. "Der Sport verfügt über spezifische Gelegenheiten, die Raum für Missbrauch bieten." Beispielsweise die körperliche Nähe zwischen Trainern und Sportlerinnen und Sportlern bei Hilfestellungen. "Aber auch die Motivation der Sportler gerade im Leistungssport, die eigenen physischen und psychischen Grenzen zu überschreiten, bietet Tätern eine Gelegenheit."

Die Kommission hat sich zum Ziel gesetzt, sexuelle Belästigung und sexuellen Missbrauch im Sport in Deutschland systematisch aufzuarbeiten. Zu diesem Zweck wurde jetzt bundesweit ein großer Aufruf gestartet: Betroffene, die in Sportvereinen, im Sportunterricht oder im Leistungssport Erfahrungen mit Missbrauch machen mussten, werden gebeten, sich bei der Kommission zu melden und ihre Geschichte zu erzählen. Das ist auch anonym möglich.

Vereine befassen sich zu wenig damit

Kritik übt die Kommission an den Sportvereinen und Verbänden. Diese seien zwar oft bereit, sich mit dem Thema Prävention auseinander zu setzen, "aber bisher gibt es keine Signale, dass sie sexuellen Kindesmissbrauch eigenständig und umfassend aufarbeiten wollen", so Andresen. Dabei sei der Blick in die Vergangenheit und die Auseinandersetzung mit möglichen Taten und Tätern, mit Mitwissern und Vertuschern und nicht zuletzt mit den Betroffenen die Basis für gelingenden Kinderschutz heute und in Zukunft.

Im Saarland ist es ruhig geworden

Auch im Saarland hat sich in dieser Hinsicht wenig getan. 2011 hatte der Landessportverband (LSVS) eine Broschüre mit dem Titel "Prävention sexualisierter Gewalt im saarländischen Sport" herausgegeben und für das Thema bei den Vereinen geworben. Doch seitdem ist es ruhig geworden. Udo Genetsch vom LSVS sagt: "Viele Vereine sehen das nicht als Thema, solange keine neuen Vorfälle bekannt werden." Und das sei in den letzten Jahren nicht passiert. "Seit 2011 ist bei uns kein einziger Fall bekannt geworden", so Genetsch.

So ist offenbar auch das Thema Prävention in den Hintergrund gerückt. Der LSVS hat nach eigenen Angaben keinen Überblick darüber, wie viele Vereine sich aktiv mit dem Thema befasst haben, beispielsweise indem sie Selbstverpflichtungserklärungen für ihre Übungswarte und Trainer eingeführt haben. Genetsch würde sich nach eigenen Angaben zwar wünschen, "dass die Vereine damit etwas offensiver umgehen." Andererseits "wollen wir aber auch nicht mit erhobenem Zeigefinger auf die Vereine zugehen und sie zu irgendwelchen Maßnahmen drängen."

So obliegt es weiterhin den Eltern, bei der Auswahl der Sportvereins einen genauen Blick darauf zu werfen, in wie weit Prävention betrieben wird - oder auch nicht.

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