Stimmen SR 2, Michael Thieser (Foto: Pasquale D'Angiolillo)

Europa am Abgrund

Ein Kommentar von Michael Thieser   30.03.2020 | 13:10 Uhr

Das Corona-Virus verändert die Welt. Fast überall herrschen Ausgangsbeschränkungen, das Wirtschaftsleben steht still und immer mehr Menschen stellen sich die Frage, wann und wie eine Rückkehr zur Normalität möglich sein wird. Das Virus flößt vielen Angst ein und es droht in Europa zu einer tödlichen Gefahr für den gesamten Kontinent zu werden, kommentiert Michael Thieser.

In der Not so scheint es, ist sich jeder selbst der Nächste. Grenzen werden wieder dicht gemacht, Milliardenprogramme aufgelegt, um die Wirtschaft zu stützen und 25 Jahre nach der Unterzeichnung des Schengener Vertrags knirscht es im europäischen Gebälk wie nie zuvor.

Kommentar: "Das Corona-Virus setzt der Solidarität scheinbar enge Grenzen"
Audio [SR 3, Michael Thieser, 30.03.2020, Länge: 02:46 Min.]
Kommentar: "Das Corona-Virus setzt der Solidarität scheinbar enge Grenzen"

Selbst die deutsch-französische Freundschaft steht vor der größten Belastungsprobe seit dem Ende des zweiten Weltkrieges. Die Aufnahme von einigen französischen Patienten in deutsche Krankenhäuser kann darüber nicht hinwegtäuschen. Ein Jahr nach der Unterzeichnung des Aachner Vertrags stellt sich heraus, dass vieles, was darin zu Papier gebracht wurde, offenbar nur dann gilt, wenn die Sonne scheint, aber nicht, wenn ein Sturm aufzieht.

Enge Grenzen der Solidarität

Das gilt auch für das Saarland und das Zusammenwirken mit den Nachbarn in Lothringen. Die französische Generalkonsulin, Cathrin Robinet und die lokalen Exekutiven wurden über die Grenzschließung erst im Nachhinein informiert. Innenminister Klaus Bouillion freute sich öffentlich über jeden Franzosen, den er zurückschicken konnte und französische Einpendler, die nach wie vor zur Arbeit ins Saarland kommen, so berichten es Betroffene und Augenzeugen, werden immer häufiger angefeindet und diffamiert.

Wie kann das sein? Tausende Saarländer wohnen jenseits der Grenze in Lothringen. Die im Vergleich billigeren Grundstückspreise werden gerne genommen; ebenso das Geld der französischen Kunden, die den saarländischen Einzelhandel am Leben erhalten, doch wenn es darauf ankommt, spielt dies augenscheinlich nur noch eine untergeordnete Rolle. Das Corona-Virus setzt der Solidarität scheinbar enge Grenzen;  dabei ist es das Virus selbst, das der Welt tagtäglich vor Augen führt, dass es (das Virus) mit Egoismus und im nationalen Maßstab nicht zu besiegen sein wird.

Europa am Scheideweg

Europa steht insofern am Scheideweg. Selbst aus Sicht des eher konservativen Instituts der Deutschen Wirtschaft ist ein Auseinanderbrechen der Europäischen Union nicht mehr völlig auszuschließen. Italien, Frankreich, Spanien, Portugal und andere Mitgliedsstaaten stehen finanziell schon jetzt mit dem Rücken zur Wand und das Corona-Virus könnte Ihnen und dem Euro als gemeinsamer Währung schon bald den Rest geben.

Während in Rom, Paris und Madrid immer mehr Tote gezählt werden, winken Deutschland, Holland und andere mit dem Rechenschieber. So genannte Corona-Bonds werden nach wie vor strikt abgelehnt; sprich eine gemeinsame Anleihe auf dem Kapitalmarkt, um ärmeren Ländern in der aktuellen Situation unter die Arme zu greifen, soll es auch in Zukunft nicht geben.

Die nächsten Wochen sind entscheidend

So trennt das Corona-Virus nicht nur die USA in Arm und Reich, sondern auch Europa. Vieles steht auf dem Spiel: Menschenleben, Grundwerte wie Freiheit und Gerechtigkeit sowie die Europäische Union als gemeinsames Haus für rund 450 Millionen Einwohner.

Corona trifft die Welt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, so als gäbe es nicht schon genügend sonstige Krisen. Die nächsten Wochen werden deshalb entscheidend sein, nicht nur im Kampf gegen das Virus. Eine EU, die ihren Mitgliedern in der Not nicht beistehen kann, hat für die Menschen keinen Sinn mehr!  

Über dieses Thema wurde auch in der Sendung "SR 2-Der Morgen" am 30.03.2020 berichtet.

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