Die Kinder schauen sich gemeinsam Bilderbücher an. (Foto: Leonie Rottmann / SR)

Saarländische Kitas vermitteln Vielfalt

Leonie Rottmann   17.03.2019 | 08:54 Uhr

Sensibel sein für Differenzen, für Kinderrechte und für Vorurteile – darum geht es beim Modellprojekt "Kita differenzsensibel". Seit Ende 2016 entwickeln sechs saarländische Kindertageseinrichtungen Konzepte für den Umgang mit Sprachbarrieren, diversen Kulturen und Lebensformen. Dabei steht vor allem eins im Vordergrund: Die Kinder so nehmen, wie sie sind.

Es ist ruhig und friedlich in der städtischen Kita Kunterbunt in Völklingen. Einige Kinder sitzen am Frühstückstisch, andere spielen mit einer dunkelhäutigen Puppe in einer Ecke, wieder andere spielen ein Brettspiel mit einer Erzieherin. Hasan* und Pierre* sitzen am Tisch und spielen mit Polizeiautos in einer Polizeistation. Sie reden nicht miteinander. Trotzdem scheint die Kommunikation zu funktionieren. Hasan gibt Pierre seine Figur und nimmt sich stattdessen ein Auto. Pierre sieht ihn an und lächelt. Worte brauchen die beiden nicht.

Seit September 2016 ist die Völklinger Kindertagesstätte Teil des dreijährigen Modellprojekts "Kita differenzsensibel". Fast 90 Prozent der Kinder, die die Kita besuchen, haben einen Migrationshintergrund oder Fluchterfahrung. Das bringt Herausforderungen, aber auch Chancen mit sich.

Sensibel sein für Unterschiede

Auf Differenzen aufmerksam machen und gleichzeitig den Kindern beibringen, Unterschiede nicht hervorzuheben und als etwas Normales und vor allem Gutes anzusehen – das ist Teil des Konzepts. "Die differenzsensible Arbeit bedeutet hauptsächlich, dass wir uns, die Kinder und die Eltern frei machen von allen Vorurteilen und Klischees", erklärt Brigitte Eller, Leiterin der Kita Kunterbunt. "Kinder finden immer eine Möglichkeit, sich zu verständigen. In unserer Einrichtung passiert sehr viel über Spiel und Sprache, aber auch über das Kreative und den Sport."

Ein großes Thema in der Kita Kunterbunt ist Partizipation. Die Kinder dürfen mitentscheiden – überall, wo es möglich ist. Sie dürfen entscheiden, wo sie spielen, wie lange sie spielen, wie die Gruppe gestaltet wird, welche neuen Spielsachen angeschafft werden. Brigitte Eller erinnert sich an eine ganz besondere Verkaufsaktion:

"Eine Gruppe wollte unbedingt neue Legobausteine haben. Aber sie hatte kein Geld. Also haben die Kinder überlegt, dass sie stattdessen etwas verkaufen könnten. Daraufhin haben sie entschieden, Kuchen zu backen und ihn in der Einrichtung an die Eltern zu verkaufen. Schließlich haben sie das Geld gezählt, haben sich aus Kinderkatalogen gemeinsam Spielsachen ausgesucht und abgestimmt, was angeschafft werden soll."

Alltag in der Kita Kunterbunt

Grenze der Partizipation: Kindeswohl

Morgens gibt es in der Kita einen Stuhlkreis, in dem unter anderem über anstehende Entscheidungen gesprochen wird. Es gibt aber auch Grenzen in der Partizipation. "Beim Personal haben die Kinder kein Mitspracherecht. Und auch nicht bei allen Entscheidungen, die mit ihrer Sicherheit zu tun haben", sagt Brigitte Eller. Kinder sollen zum Beispiel so viel Abstand wie möglich von der Straße halten oder dürfen nicht mit zu dünner Kleidung nach draußen.

Nach den ersten beiden Jahren des Projekts hat sich schon einiges in der alltäglichen Arbeit getan. Die Einrichtungsleiterin erklärt, die Arbeit sei manchmal sehr viel schwieriger, aber bringe dafür umso mehr Spaß: "Wir lassen jetzt Dinge zu, die wir vorher nicht zugelassen hätten und nehmen uns bei Konflikten so lange zurück, bis die Kinder alleine nicht mehr weiterkommen." Die Arbeit spiegle sich aber auch in der Entwicklung der Kinder wider. "Sie sind viel offener im Gegensatz zu früher."

Diese Offenheit kann man spüren. Jason* sieht ein neues Gesicht in der Gruppe. Er schaut erst nur und wirkt unsicher. Dann fragt er Brigitte Eller leise, wer das denn sei. Die Leiterin der Kita antwortet ihm, wenn er das wissen möchte, solle er nachfragen. Der Junge hält kurz inne und überlegt. Dann steht er auf und fragt ganz selbstbewusst: "Wer bist du und was machst du hier?"


Das Projekt soll weitergehen

Das Projekt wurde vor über zwei Jahren in sechs Kindertagesstätten im Saarland eingeführt, die sich in Struktur und Lage sehr unterscheiden. Ein Grund war unter anderem die sich wandelnde Gesellschaft, die vielfältige Lebenswelten der Kinder mit sich bringt. "Kinder sollen in einem selbstbewussten und differenzsensiblen Aufwachsen gestärkt werden. Und dabei geht es auch immer um Beteiligungsmöglichkeiten für Kinder und Demokratieförderung in den Kitas", sagt Projektleiterin Natalie Papke-Hirsch.

Bundesweite Förderung

Das Projekt wird über das Bundesprogramm "Demokratie leben" gefördert. Es ist durch die Forschungs- und Transferstelle gesellschaftlicher Integration und Migration (FITT) an die HTW Saar angegliedert.

Es gebe weder pauschale Handlungskonzepte noch Patentrezepte, sondern Fortbildungen, Fachliteratur und Teamarbeit. Die Kitas würden darin unterstützt, eigene Konzepte weiterzuentwickeln und umzusetzen.

Wie die Arbeit nach Abschluss des Projekts weitergeht, sei noch offen. "Wir haben viele Ideen und sehen Möglichkeiten, aber wie die Umsetzung konkret aussehen wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab – unter anderem auch von der Finanzierung."


Kinder lernen von Erwachsenen und umgekehrt

Im letzten Jahr des Projekts wird es in Völklingen vorrangig um Kinderrechte gehen. Brigitte Eller könnte sich vorstellen, dass diese Themen durch die verschiedenen Kulturen der Kita-Kinder teilweise schwierig werden, aber nicht unmöglich: "Die Kinder sollen lernen, dass sie Rechte haben, welche Rechte sie haben und dass sie dafür einstehen dürfen."

Von der differenzsensiblen Arbeit profitieren aber nicht nur die Kinder, ist die Kita-Leiterin überzeugt: "Sie sind viel offener, unbedarfter und machen sich weniger Gedanken darüber, was als Nächstes passieren könnte. Sie leben im Hier und Jetzt – davon können wir Erwachsene noch viel lernen."

* Namen von der Redaktion geändert

Artikel mit anderen teilen