Rosenkranz (Foto: dpa)

Missbrauchsstudie: "Das Risiko besteht fort"

  25.09.2018 | 15:13 Uhr

Mehr als 3600 Minderjährige sind in den vergangenen Jahrzehnten von katholischen Geistlichen missbraucht worden. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz. Und die Studienmacher sind sicher: Das Missbrauchsrisiko besteht weiterhin.

Der Wissenschaftler Harald Dreßing, der das Studienprojekt über Missbrauch in der deutschen katholischen Kirche geleitet hat, beklagt einen mangelnden Aufklärungswillen in weiten Teilen der Institution. Das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen als auch auch "der Umgang der Verantwortlichen damit" hätten die Forscher "erschüttert", sagte Dreßing am Dienstag in Fulda bei der Vorstellung der Untersuchung. Er betonte, die Missbrauchsthematik sei keineswegs überwunden. "Das Risiko besteht fort", sagte der forensische Psychiater, der am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim arbeitet.

Hintergrund

Die Studie „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ soll Aufschluss über das Ausmaß sexuellen Kindesmissbrauchs in der katholischen Kirche geben und aufzeigen, welche strukturellen Mängel zu massenhaftem Missbrauch führen konnten, wie er seit 2010 in kirchlichen Institutionen aufgedeckt wurde. Die Forscher fanden bei der Durchsicht von Akten der Jahre 1946 bis 2014 Hinweise auf Beschuldigungen von 1670 Klerikern. Sie machten 3677 Opfer aus.

"Unsere Studienergebnisse legen nahe, dass es in der katholischen Kirche Strukturen gab und gibt, die den sexuellen Missbrauch begünstigen können", sagte er. Gründe dafür seien beispielsweise der Missbrauch klerikaler Macht, die Verpflichtung der Priester zur Ehelosigkeit (Zölibat) sowie ein innerkirchlich "problematischer Umgang" mit dem Thema Sexualität, vor allem mit der Homosexualität. Dreßing sagte, wenn die Kirche die Missbrauchsthematik in Zukunft wirklich überwinden wolle, müsse sie sich mit diesen Themen "ernsthaft und mit dem Mut zur Veränderung" befassen.

Im Bistum Trier, zu dem das Saarland größtenteils gehört, wurden zwischen 1946 und 2014 148 Kleriker beschuldigt sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen begangen zu haben. Dazu wurden über 4500 Personalakten durchgesehen. Auffällig war hier, dass in vielen Akten kein Hinweis auf ein Vergehen vermerkt war und nur durch die Meldung von Betroffenen Fälle bekannt wurden. Betroffen waren rund 250 Jungen und knapp 200 Mädchen.

Video [aktueller bericht, 25.09.2018, Länge: 3:15 Min.]
Kollegengespräch mit Christian Otterbach
Mehr als 3600 Minderjährige sind in den vergangenen Jahrzehnten von katholischen Geistlichen missbraucht worden, wie eine aktuelle Studie nun belegt. SR-Kirchenexperte Christian Otterbach spricht im Interview über die Entwicklung und den Umgang mit dem Skandal, sowie über die Auswirkungen auf die kirchlichen Institutionen.

Ackermann: "Habe das Ergebnis leider erwartet"

Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, bewertete die Ergebnisse der jüngsten Missbrauchsstudie im kirchlichen Auftrag als nicht überraschend. „Ich habe das Ergebnis der vorliegenden Studie leider erwartet.“ Die konkreten Resultate hätten ihn dennoch „neu erschreckt“. Mit Blick auf mögliche Konsequenzen betonte Ackermann, der Forschungsbericht gebe der Kirche „deutliche Hinweise“ für die Beantwortung der Frage, welche Strukturen und Dynamiken das Missbrauchsgeschehen begünstigen können.

Marx: "Ich schäme mich"

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, drückte anlässlich der Studie sein Bedauern aus. „Ich schäme mich“, sagte Marx. Den Opfern sei zu wenig zugehört worden. Zudem sei „vertuscht, weggeschaut und geleugnet“ worden.

Missbrauch in der Kirche: Was sagen Katholiken im Saarland?
Audio [SR 3, Oliver Buchholz , 25.09.2018, Länge: 03:01 Min.]
Missbrauch in der Kirche: Was sagen Katholiken im Saarland?

Über dieses Thema wurde auch in den Hörfunknachrichten vom 25.09.2018 berichtet.

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