Ein Stethoskop und Kinderspielzeug liegen in einer Kinderarztpraxis auf einem Tisch. (Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa)

Kinderkliniken in Not

tagesschau.de   14.11.2019 | 07:58 Uhr

Viele Kinderkliniken operieren laut dem ARD-Magazin Kontraste jenseits ihrer Kapazitätsgrenzen - insbesondere in der Intensivmedizin. Oft fehlt es an Personal. Die Folgen können für die Betroffenen tödlich sein.

Die Versorgungsengpässe in deutschen Kinderkliniken sind massiv. So massiv, dass Kinder in Lebensgefahr geraten oder tatsächlich sterben können. Dieses dramatische Bild zeichnen aktuelle Recherchen des ARD-Magazins Kontraste.

Demnach konnen sogar in Großstädten wie München und Berlin lebensbedrohliche Versorgungsengpässe entstehen. Der Direktor der Kinderklinik der Berliner Charité, Prof. Marcus Mall, schildert im Kontraste-Interview, wie Ärzte oft stundenlang nach Betten für schwer kranke Kinder suchen, um dann die kleinen Patienten kilometerweit ins Umland zu transportieren.

Sparzwang durch Fallpauschalen

2004 wurde unter der Bundesregierung das neue Abrechnungssystem mit Fallpauschalen eingeführt. Gespart wurde seitdem vor allem bei der Pflege: Die Zahl der Kinderschwestern und -pfleger sank von etwa 40.200 auf rund 37.500 im Jahr 2017 - während die Zahl der Fälle im selben Zeitraum anstieg.

Das bedeutet: Immer weniger Pflegekräfte müssen sich in immer kürzerer Zeit um immer mehr Kinder kümmern. Verschärfend kam hinzu, dass die Krankenhäuser einem Wettbewerbsdruck ausgesetzt wurden und auch öffentliche Häuser Gewinne schreiben sollten.

Kliniken bauen lieber lukrative Bereiche aus

Wie bedrohlich die Situation inzwischen ist, belegt auch eine aktuelle Studie der Universität Köln: Das Team um die Medizinethikerin Christiane Woopen führte 50 anonymisierte Interviews mit Pflegern und Ärzten aus Kinderkliniken in ganz Deutschland.

Die Studie zeigt, dass das Fallpauschalensystem und der Wettbewerbsdruck falsche Anreize setzen: Die Kliniken konzentrieren sich auf Bereiche, die einträglich seien. Demnach existiert ein Überangebot mit Level-1-Zentren für Frühgeborene unter 1500 Gramm, weil Frühchen lukrativ seien. Bei chronisch kranken Kindern mit komplexen Erkrankungen herrsche dagegen teilweise "eine eklatante Unterversorgung".  

Studie zeigt enorme Arbeitsverdichtung

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Die alltägliche Arbeitsverdichtung sei enorm, die Beschäftigten geraten in "ethische Konflikte", weil sie "aus einer hohen ideellen Motivation" heraus gute Medizin machen wollen,  den Anspruch aber so nicht mehr umsetzen können, sagt Woopen. Deshalb verlassen sogar qualifizierte und ursprünglich hoch motivierte Fachkräfte den Beruf - was den Mangel natürlich verschärft.

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