„Stromer“ im Theater Überzwerg: Eva Coenen, Sabine Merziger, Gerrit Bernstein (Foto: Uwe Bellhäuser)

Überzwerg: Mit Kindern die Welt reflektieren

Tina Leistenschneider   16.02.2020 | 09:05 Uhr

In Saarbrücken inszeniert das Überzwerg seit über 40 Jahren Theaterstücke für Kinder- und Jugendliche. Mit Geschichten aus dem Alltag will das Überzwerg auch heute noch sein Publikum begeistern. Doch es hat mit Herausforderungen zu kämpfen.

Frostiger Wind weht Stromer um den Körper, lässt ihn frieren. Er hat Hunger. Seit Jahren lebt er auf der Straße. Seinen richtigen Namen hat er längst vergessen. Es ist ein schwieriges Thema, dessen sich das Überzwerg ungeschönt und auf eine für Theater unkonventionelle Weise angenommen hat: Statt auf der Bühne zu stehen und die Texte aufzusagen, sitzen die Schauspieler an Tischen. Unterstützt von Bildern, Musik und Geräuschen erzählen sie die Geschichte eines Obdachlosen. Die Illustrationen werden als Projektionen auf die Leinwand geworfen.

"Intelligenz ist keine Frage des Alters"

Bob Ziegenbalg, Künstlerischer Leiter des Theaters Überzwerg (Foto: SR)
Bob Ziegenbalg, Künstlerischer Leiter des Theaters Überzwerg

„Es ist eine sehr poetische Geschichte“, findet Bob Ziegenbalg. Dem künstlerischen Leiter ist es wichtig Geschichten zu erzählen, die mit dem echten Leben zu tun haben. „Wir machen kein Kasperl-Theater. Wir beschäftigen uns mit der Wirklichkeit und reflektieren mit den Kindern die Welt – mit Geschichten, die traurig sind, die schrecklich und die lustig sind.“

Die handeln auch mal von Ausgrenzung und Mobbing, wie in „Die Geschichte von Lena“ oder „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“, von Einschlafschwierigkeiten, wie in „Quartier für Vier“ und mal von Rassismus, wie in „Nathans Kinder.“ Ziegenbalg ist sich sicher, dass Kinder auch solche anspruchsvolle Themen verstehen: „Wenn man Theater für Kinder macht, darf man nie vergessen, dass Intelligenz keine Frage des Alters ist.“

Nah am Publikum

Doch in seinen 30 Jahren als künstlerischer Leiter bemerkt er, dass sich das Theater verändert hat. Die Aufmerksamkeitsspanne der Kinder sei im Laufe der Jahrzehnte kürzer geworden. Auch mit den Besucherzahlen hat das Theater zu kämpfen. In der Saison 2017/18 verzeichnete das Überzwerg mit rund 14.000 Besuchern fast 2000 weniger als im Vorjahr. Auch finanziell könnte es besser laufen.

Nichtsdestotrotz ist Ziegenbalg zufrieden: „Wir hatten genug Publikum und recht erfolgreiche Stücke“, rekapituliert er. 210 Aufführungen gab es in der letzten Spielzeit. Für ihn ist der Rückgang der Besucherzahlen eher eine Verlagerung in den Bereich Theaterpädagogik, dessen Angebot sich laut Ziegenbalg verdoppelt hat. Mit diesen Angeboten habe man 11.000 Menschen erreicht.

Zum pädagogischen Theaterprogramm zählen etwa die Überzwerg-Jugendclubs, in denen Kinder von acht bis 19 Jahre die Grundlagen lernen, wie man Theater spielt. Und das Konzept scheint aufzugehen: Vor über 30 Jahren gegründet, erfreuen sich die Theaterclubs derzeit sehr großer Beliebtheit. „Kinder und das Publikum ernst zu nehmen und da abzuholen, wo sie altersmäßig stehen", darauf kommt es Ziegenbalg an.

Warum Theater wichtig ist

Dabei sei es egal, wie man sich mit Theater beschäftigt - ob als Zuschauer oder als Teilnehmer von Workshops. Wichtig ist Bob Ziegenbalg, dass Kinder und Jugendliche überhaupt ins Theater gehen. Denn: „Theater ist ein autonomes Sehen-Lernen. Theater ist der Ort, wo alle Künste zusammen laufen. Musik, bildende Kunst, darstellende Kunst und Tanz. Es ist ein wundervolles Medium, um Geschichten zu erzählen, die das eigene Leben reflektieren – das ist sowohl für Kinder als auch für Erwachsene schön."

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