Mikrobiologische Diagnostik von Keimen (Foto: dpa/picture alliance/Olaf Heil)

Mehr Infektionen mit gefährlichen Erregern

Caroline Uhl / Niklas Resch   22.08.2018 | 12:27 Uhr

Die Zahl der Infektionen mit gefährlichen multiresistenten Bakterien steigt im Saarland an. Im vergangenen Jahr wurden den Gesundheitsbehörden bereits 20 Patienten mit besonders gefährlichen 4-MRGN-Erregern gemeldet. Vor allem in Krankenhäusern sind antibiotikaresistente Erreger ein bekanntes Problem.

Warten, hoffen, bangen. Schwere Wochen liegen hinter Michael Keßler und seiner Familie. Die Sorge: Keßlers Tochter lag fast zwei Monate im Krankenhaus. Sie hatte sich nach einer Operation ein besonders hartnäckiges Bakterium eingefangen, das gegen mehrere Antibiotikaklassen resistent war – einen sogenannten multiresistenten gramnegativen Erreger (MRGN).

Michael Keßler bangte um seine Tochter, die sich mit einem multiresistenten Erreger infiziert hatte. (Foto: SR)
Michael Keßler bangte um seine Tochter, die sich mit einem multiresistenten Erreger infiziert hatte.

"Es kam zu der Infektion in der Wunde auf der einen Seite in der Leiste", erinnert sich der Riegelsberger Keßler, der selbst Jahrzehnte als Mediziner im Krankenhaus tätig gewesen war. Die Folge für seine Tochter: Aus einer Operation wurden fünf. Statt geplanten zwei Wochen lag die 39-Jährige am Ende sieben Wochen im Krankenhaus. Doch sie hatte noch Glück im Unglück: Gegen drei wichtige Antibiotikaklassen war der Erreger, den sie sich eingefangen hatte, zwar schon resistent, aber eine wirkte noch.

Belastung für Körper und Psyche

Eine Infektion mit einem multiresistenten Erreger kann schnell gefährlich werden, vor allem für Patienten mit einer Immunschwäche oder mit frischen Wunden wie etwa nach einer Operation. Professor Arne Simon vom Universitätsklinikum Homburg ist stellvertretender Vorsitzender der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) am Robert-Koch-Institut. Er weiß: Solche Infektionen sind manchmal auch ein Wettlauf gegen die Zeit. Es muss erstmal herausgefunden werden, dass der Patient einen resistenten Erreger hat. Und dann muss noch das richtige Medikament ausgewählt werden und nicht eines, das gar nicht mehr wirkt: "Antibiotikaresistenz bedeutet, dass diese Bakterien gegen die Antibiotika, die wir üblicherweise einsetzen, resistent sind, das heißt diese Antibiotika sind nicht mehr wirksam. Wenn der Patient mit solchen Antibiotika behandelt wird, weil die behandelnden Ärzte nicht wissen, dass er eine Infektion mit einem resistenten Erreger hat, kann die Infektion einen problematischen Verlauf nehmen", warnt er.

Audio [SR 3 Region am Mittag, 22.08.2018, Länge: 3:07 Min.]
Zahl der Infektionenen mit multiresistenten Bakterien steigt

Eine Infektion dieser Art ist eine körperliche, aber auch psychische Belastung für die Betroffenen. Und sie belastet auch das gesamte Gesundheitssystem. Studien sagen: Der Krankenhausaufenthalt dauert bei Patienten mit einem antibiotikaresistenten Erreger im Schnitt drei Mal so lange wie bei Patienten ohne eine solche Infektion. Und auch die Zusatzkosten sind enorm. Manche Studien gehen von zusätzlichen Kosten von mehr als 17.000 Euro pro Patient aus. Außerdem sterben nach Schätzungen in Deutschland jedes Jahr bis zu 10.000 Patienten an antibiotikaresistenten Erregern.

Menschen, Tiere, Gegenstände, Wasser

Als besonders problematisch gelten die MRGN. Sie bereiten den Medizinern deshalb großes Kopfzerbrechen, da gegen sie nur noch wenige Antibiotika helfen. Und die Entwicklung neuer Arzneien ist schwierig. Auch im Saarland sind diese Bakterien ein immer größeres Problem. Noch vor einigen Jahren gab es nur Einzelfälle, in denen Patienten einen Erreger hatten, der schon gegen vier wichtige Antibiotika-Klassen resistent war (4-MRGN). Im vergangenen Jahr wurden den Gesundheitsämtern aber schon 20 solcher 4-MRGN-Fälle gemeldet.

Die Übertragungswege dieser Bakterien sind vielfältig. Sie verbreiten sich von Mensch zu Mensch, von Tier zu Mensch, über Oberflächen wie Türklinken oder auch über das Wasser. Besonders problematisch ist es, wenn sie dorthin gelangen, wo viele Kranke sind, in Kliniken. "Antibiotikaresistente Keime gelangen meistens über die Patienten ins Krankenhaus, weil die Patienten bereits mit diesen Erregern besiedelt sind", sagt Experte Simon. Im Krankenhaus selber würden diese Erreger vor allen Dingen über die Hände und über verunreinigte Oberflächen und Medizinprodukte übertragen."

So, das meint Michael Keßler, verlief der Übertragungsweg wohl auch bei seiner Tochter. Der ehemalige Krankenhausarzt Keßler vermutet, dass der Keim über ein Ultraschallgerät in die Wunde seiner Tochter gekommen sein könnte. "Ich habe in solchen Situationen den Schallkopf immer mit einem OP-Handschuh bedeckt. Das war dort überhaupt nicht bekannt, ich habe gefragt", empört sich Keßler über die Arbeitsweise in dem Krankenhaus außerhalb des Saarlands, in dem seine Tochter Patientin war. Aber auch alle möglichen anderen Oberflächen oder nicht ausreichend desinfizierte Hände des Krankenhauspersonals könnten der Ausgangspunkt für die Infektion sein. Genau lässt sich das nicht mehr nachvollziehen.

Mit den Folgen noch zu kämpfen

Umso wichtiger ist es, die Verbreitung der Keime zu unterbinden und Verbreitungswege zu unterbrechen. Für jeden Einzelnen heißt das etwa: auf Handhygiene achten. Für staatliche Stellen: für geringeren Antibiotikaeinsatz in der Tiermast sorgen. Und die Verbreitung übers Wasser durch aufgerüstete Kläranlagen stoppen.

Die Erfahrungen von Keßlers Tochter könnten manch anderem so erspart bleiben. Sie durfte mittlerweile das Krankenhaus verlassen. Die Folgen der Infektion werden ihr aber noch eine Zeitlang zu schaffen machen. Die starken Antibiotika, die sie einnehmen musste, um die hartnäckigen Erreger zu bekämpfen, griffen auch nützliche Bakterien im Körper an – und so zog sie sich eine Pilzerkrankung zu. Mit dieser wird sie nun vorerst leben müssen.

Über dieses Thema wurde auch in der Region am Mittag auf SR3 Saarlandwelle berichtet.

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