Bakterien-Belastung in Saar-Gewässern

Gefährliche Bakterien in Bächen und Seen

Caroline Uhl / Niklas Resch   21.08.2018 | 18:00 Uhr

In saarländischen Gewässern sind gefährliche Bakterien nachgewiesen worden, gegen die viele Antibiotika nicht mehr helfen. Im Auftrag des SR-Rechercheteams haben Wissenschaftler sechs verschiedene Flüsse, Seen und Bäche untersucht. In allen getesteten Gewässern fanden sich antibiotikaresistente Erreger, darunter auch solche, die als besonders problematisch gelten.

Am stärksten mit antibiotikaresistenten Keimen belastet ist der Untersuchung zufolge der Erbach bei Homburg. Nahe des Auslaufs der dortigen kommunalen Kläranlage, dort also, wo frisch gereinigtes Abwasser fließt, fanden sich mindestens fünf verschiedene Bakterienarten, die gegen wichtige Antibiotika resistent sind. Dieselben Erreger, wenn auch in etwas geringerer Konzentration, wiesen die Forscher im Köllerbach nach. Dasselbe Bild zeigte sich bei der Analyse des Wassers der Saar. In dem im Vergleich zu Erbach und Köllerbach deutlich größeren Fluss fiel die Konzentration der gefundenen resistenten Bakterienarten aber geringer aus.

Erreger in den Badeseen

Auch in Seen und Weihern, die Saarländer gerne zum Baden nutzen, ließen sich antibiotikaresistente Bakterien nachweisen: im Würzbacher Weiher und in geringem Ausmaß sogar in den für ihre ausgezeichnete Wasserqualität bekannten offiziellen EU-Badegewässern Bostalsee und Losheimer Stausee. Die beiden Badeseen schnitten von allen untersuchten Gewässern am besten ab.

Für gesunde Personen besteht beim Baden in zugelassenen Badegewässern, die eine hohe Wasserqualität haben wie der Bostalsee und der Losheimer Stausee, ein geringes Risiko, an einem antibiotikaresistenten Keim zu erkranken. Auszuschließen ist das aber nicht. Aufpassen sollte laut Umweltbundesamt grundsätzlich, wer eine Immunschwäche oder offene Wunden hat oder längere Zeit Antibiotika einnehmen musste. 

Ein kleiner Lichtblick der Befunde: Die in den beiden Badeseen, dem Würzbacher Weiher sowie der Saar gefundenen Bakterien sind wohl nicht gegen Reserveantibiotika resistent. Das legen molekularbiologische Untersuchungen dieser vier Gewässer nahe. Erbach und Köllerbach wurden nicht molekularbiologisch untersucht.

Risikofaktor Abwasser

Die Ergebnisse decken sich mit anderen Untersuchungen in Deutschland, zum Beispiel des NDR in Niedersachsen. Zu den Untersuchungen des SR am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sagt Professor Dr. Thomas Schwartz: "Was wir sehen ist, dass Gewässer, die von Abwässern beeinflusst sind, deutlich höher mit antibiotikaresistenten Bakterien belastet sind als Gewässer, die nicht oder weniger mit Abwässern belastet sind." Der renommierte Mikrobiologe hat mit seinen Mitarbeitern die Untersuchungen für den SR durchgeführt. Dass darüber hinaus aber auch die Seen in der Region, in die kein Abwasser aus Kläranlagen fließt, mit antibiotikaresistenten Bakterien belastet sind, zeige, wie weit sich die gefährlichen Erreger in der Umwelt schon verbreitet haben. Und je weiter verbreitet sie sind, umso größer ist die Infektionsgefahr.

Besonders bedenklich: An allen sechs Probestellen fanden sich in unterschiedlicher Konzentration verschiedene sogenannte gramnegative antibiotikaresistente Bakterien. Dazu gehören beispielsweise E.coli-Bakterien, Klebsiellen oder Citrobacter. Gramnegative antibiotikaresistente Keime bereiten Experten weltweit große Sorgen: Unter ihnen gibt es schon Bakterien, die gegen die vier wichtigsten Antibiotikaklassen resistent sind. Die Zahl der gramnegativen resistenten Erreger nimmt weltweit zu und es gab in den vergangenen Jahren nur wenig Nachschub an neuen Medikamenten, die sie wirksam bekämpfen können.

"Die Resistenzentwicklungen sind bedrohlich und heftig", beschreibt der Geschäftsführende Direktor des Helmholtz-Instituts für Pharmazeutische Forschung (HIPS) in Saarbrücken, Rolf Müller, die Gesamtsituation. "Die Zahl neuer Antibiotika, die für den Arzneimittelmarkt entwickelt wird, ist sehr gering. Folglich werden die multiresistenten Keime zunehmend – und das haben wir jetzt schon in den Krankenhäusern – nicht mehr therapierbar sein.“ Umso wichtiger ist es also, die Verbreitungskette dieser Erreger zu unterbrechen.

Regierung bisher tatenlos

Multiresistente Keime in saarländischen Gewässern
Audio [SR 1, Niklas Resch, 22.08.2018, Länge: 04:13 Min.]
Multiresistente Keime in saarländischen Gewässern

Den saarländischen Behörden war die Belastung ihrer Gewässer mit den gefährlichen Bakterien bisher unbekannt. Das geht aus einem Protokoll des Landtags-Gesundheitsausschusses vom April hervor, das dem SR vorliegt. Dort war die Landesregierung nach einer Einschätzung der Gesundheitsgefahren durch multiresistente Erreger in Gewässern gefragt worden. Aus dem Umweltministerium war erst gar kein Vertreter gekommen. Man ließ aber ausrichten: "Untersuchungsergebnisse zu antibiotikaresistenten Erregern in den Gewässern sind im Saarland nicht vorhanden."

Um der zunehmenden Ausbreitung antibiotikaresistenter Keime entgegenzuwirken, gibt es verschiedene Ansätze. Als immens wichtig gilt es, den Antibiotikaverbrauch bei Menschen und in der Massentierhaltung zu senken. Und wenn es darum geht, die Verbreitung der Bakterien zwischen Menschen zu minimieren, kann jeder Einzelne mithelfen, etwa durch regelmäßiges gewissenhaftes Händewaschen. Aber: Es gibt auch Methoden, die Verbreitungskette in der Umwelt zu unterbrechen. Wichtigster Ansatzpunkt da: die Kläranlagen.

Video [aktueller bericht, 21.08.2018, Länge: 3:24 Min.]
Kollegengespräch mit Caroline Uhl, SR-Rechercheteam

Technologien schon vorhanden

In einem vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt namens HyReKa geht es unter anderem um die Frage, welche Technologien geeignet sind, um resistente Bakterien in der Kläranlage aufzuhalten. Thomas Schwartz vom KIT ist Forschungsleiter. Er betont: "Es gibt schon Methoden wie die Ultrafiltration, mit denen die antibiotikaresistente Bakterien fast vollständig aus dem Wasser gefiltert werden können." Dabei wird das Abwasser nach der konventionellen Reinigung noch durch Membranstränge gepumpt. Durch die winzigen Poren passen die Erreger nicht durch.

Auch weil es keine gesetzlichen Grenzwerte für antibiotikaresistente Keime im Abwasser gibt, wird diese Technologie aber bisher selten verbaut. Auch die knapp 140 saarländischen kommunalen Kläranlagen verfügen standardmäßig nicht über eine solche "zusätzliche Klärstufe".

Das HyReKa-Projekt soll im nächsten Jahr abgeschlossen sein. Dann liegen ganz konkrete Handlungsempfehlungen auf dem Tisch. Und durch die SR-Untersuchung ist jetzt klar: Auch im Saarland besteht Handlungsbedarf, denn auch hier sind antibiotikaresistente Bakterien in der Umwelt weit verbreitet.

Panorama
FAQ: Resistente Keime in Saar-Gewässern
Eine Analyse im Auftrag des SR brachte Gewissheit darüber, was Experten schon vermuteten: In saarländischen Gewässern tummeln sich antibiotikaresistente Bakterien. Wie haben wir untersucht? Was haben wir gefunden? Was bedeutet das für die Bevölkerung?

Über dieses Thema wurde auch in der SR3-Rundschau vom 21.08.2018 berichtet.

Artikel mit anderen teilen