Eine junge Frau macht ein Selfie (Foto: Imago/Westend61)

"Wir haben ein angeborenes Bedürfnis, uns mit anderen zu vergleichen"

Das Gespräch führte Jan Henrich   27.03.2021 | 08:35 Uhr

Licht, Kulisse, die richtige Pose: Zutaten für den perfekten Social-Media-Feed. Aber was macht es mit Jugendlichen, wenn die mediale Selbstinszenierung immer weiter in den Vordergrund rückt? Ein Gespräch mit Psychologin Dr. Katharina Stenger über die Chancen und Risiken sozialer Medien für junge Menschen.

Ringlichter auf dem Stativ sind der letzte Feinschliff. Sie bewirken eine gleichmäßige Ausleuchtung im Gesicht. Dazu kommt ein markanter Ring auf der Pupille. Im Hintergrund leuchten die professionellen Kulissen. Glitzernd, farbenfroh, vielfältig. Ein Look wie aus einem Modemagazin. Alles sieht gut aus, alles ist Hochglanz und jeder kann sich perfekt in Szene setzen.

Diese Woche eröffnete das erste Instagram-Museum im Saarland. Besucher finden hier unterschiedliche Kulissen für Fotoshootings. Eine ganze Ausstellung, die auf die Welt der sozialen Netzwerke zugeschnitten ist. Alles für das perfekte Foto auf dem eigenen Instagram-Profil. Doch wenn alles immer perfekt aussehen soll, hat das auch Schattenseiten, weiß Psychologin Dr. Katharina Stenger.

Die Saarbrückerin bietet online Beratungen an, beschäftigt sich mit Themen wie Selbstdarstellung und Selbstwert. Sie erklärt im Interview die positiven Aspekte, aber auch die Risiken für junge Erwachsene und Jugendliche bei der eigenen Inszenierung in den sozialen Netzwerken.

Dr. Katharina Stenger (Foto: Selina Semeraro )
Dr. Katharina Stenger

SR.de: Frau Dr. Stenger, wie nutzen junge Menschen denn momentan hauptsächlich soziale Medien?

Stenger: Die Schwerpunkte sind sehr vielfältig. Gerade jetzt in Zeiten, in denen man sich nicht so häufig persönlich sehen kann, stehen kommunikative Aspekte im Vordergrund. Man tritt über soziale Netzwerke miteinander in Kontakt. Daneben gibt es natürlich auch die Möglichkeit, sich selbst zu präsentieren und sich auch selbst zu verwirklichen. Man kann sich inspirieren oder motivieren lassen. Vielleicht findet man auch eine Gruppe von Gleichgesinnten, mit denen man sich austauschen kann. Das sind die schönen Seiten von Social Media. Weniger schön wird es, wenn die Plattformen einen zu großen Anteil des Alltags einnehmen, man sich quasi den Netzwerken mehr oder weniger hingibt.

SR.de: Sogenannte „Made-for-Instagram Museen“ sind im Trend. Dort entstehen beeindruckende Bilder vor spektakulären Kulissen. Mit Photoshop werden anschließend noch letzte Hautunreinheiten ausgebügelt. Auch in anderen Bereichen professionalisiert sich die Online-Selbstdarstellung. Was macht das denn mit Jugendlichen, wenn sie ständig Menschen sehen, die immer glücklich scheinen und immer perfekt aussehen?

Stenger: Natürlich muss man sich bewusst machen, dass Social Media nicht das reale Leben ist, aber das vergisst man ab und zu einfach. Der Social Media Feed ist voll mit anderen Leuten, die supertoll aussehen. Alles wirkt lebendiger und aufregender. Und egal, welche Leistungen man bringt oder welche Fotos man hochlädt, man hat das Gefühl, andere übertreffen einen irgendwie. Wir Menschen haben ein angeborenes Bedürfnis, uns mit anderen zu vergleichen.

Es wird aber kritisch, wenn wir uns mit Social Media Accounts vergleichen, die uns überlegen scheinen. Zumal dort eben meist positive Momente dargestellt sind, die den Alltag nicht widerspiegeln. Aber wir glauben eben das, was wir sehen. In der Psychologie nennt sich das Positivity-Bias. Das bedeutet in diesem Zusammenhang eine Tendenz, die dargestellte Onlinewelt als positiver zu beurteilen als die eigene Realität. Durch diesen vermeintlichen Vergleich nach oben können sich Minderwertigkeitskomplexe entwickeln.

SR.de: Für viele Menschen ist der Blick auf das Smartphone zum Automatismus geworden. Der Finger wandert automatisch auf die App, der Feed wird immer wieder aktualisiert. Was steckt dahinter?

Stenger: Social Media hat Suchtpotenzial. Wir sind online - Emotionen prasseln auf uns ein und werden in uns ausgelöst. Positive Emotionen, die wir zum Beispiel beim Betrachten von lustigen Memes oder Katzenvideos spüren, führen zur Ausschüttung von Dopamin („Glückshormonen“) im Gehirn. Das kann natürlich abhängig machen. Dann haben wir das Gefühl, wir müssen immer online sein. Gerade in der Pandemie ist das Smartphone unser Fenster zu einer Welt außerhalb der eigenen Isolation. Das möchten wir natürlich so oft es geht nutzen.

Daneben gibt es noch die sogenannte „Fear of missing out“ (FOMO), also die Angst etwas zu verpassen oder ausgegrenzt zu werden. Dadurch entsteht das Bedürfnis, immer erreichbar sein zu wollen. Wir haben das Gefühl, andere sind viel aktiver und wir sitzen nur zuhause. Gerade bei Jugendlichen können dabei negative Glaubenssätze entstehen: „Ich muss dabei sein, sonst verliere ich, sonst bin ich für immer alleine.“

SR.de: Wie geht man gesund mit Facebook, Instagram und Co. um?

Stenger: Da gibt es einige Tipps. Ich fange mal mit der Bildschirmzeit an. Die kann man allgemein im Auge behalten und gegebenenfalls begrenzen. Viele Jugendliche sind drei Stunden am Tag auf sozialen Netzwerken unterwegs, das ist doch sehr lange. Auch ein „Social Media Detox“ kann nützlich sein, also vielleicht mal einen Tag ohne Instagram und Co. unterwegs verbringen.

Dazu gibt es Apps, die man installieren kann. Eltern können auf vielen Smartphones Bildschirmzeiten einstellen. Wichtig ist, sich selbst die Frage zu stellen: Was verbinde ich mit Social Media, wie lange und wie oft bin ich eigentlich aktiv? Eltern können dabei eine Vorbildfunktion erfüllen, bewusst Momente gemeinsam und ohne Smartphone zu verbringen.

Eltern können ihren Kindern auch Social-Media-Kompetenz mitgeben, sich mit den Kindern über wichtige Fragen austauschen. Welche Gedanken, welche Gefühle hat man, wenn man auf Social Media unterwegs ist? Wie viel will man preisgeben in den Netzwerken, wie sieht es mit der Kontrolle über die eigenen Informationen aus? Möchte ich wirklich, dass es die ganze Welt sieht, was ich hier poste?

Auch das eigene Leben mit dem Instagram-Feed zu vergleichen bringt nichts. Man sollte sich immer wieder bewusst machen, dass Social Media der positive Filter ist, der ein unrealistisches Abbild der Welt schaffen kann.

Allgemein ist es wichtig, Social Media achtsam und gewissenhaft zu nutzen. Man kann sich dafür auch einen eigenen „Feelgood-Feed“ schaffen. Also überprüfen: Wem folge ich, was sehe ich da, was macht das mit mir? Und sich darauf basierend dann mit solchen Inhalten zu umgeben, die einen gut fühlen lassen und inspirieren.

SR.de: Frau Stenger, vielen Dank für das Gespräch!

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