Eine Puppe liegt in einem Kinderzimmer auf dem Bett (Foto: dpa/Uwe Zucchi)

Genug Personal in Jugendämtern?

Kai Forst / Thomas Braun   15.05.2018 | 10:07 Uhr

Seit Jahren schon haben viele Jugendämter mit Überlastung zu kämpfen. Eine neue Studie belegt nun erneut: Zu wenig Personal und zu viele Fälle verhindern häufig die notwendige Hilfe für die Familien. Auch in einigen saarländischen Landkreises sind die Fallzahlen hoch. Im Regionalverband Saarbrücken mit dem größten Jugendamt des Saarlandes sieht man sich hingegen angemessen ausgestattet.

Das Problem ist nicht neu: Jugendämter sind an der Grenze ihrer Belastbarkeit angelangt und sind häufig nicht in der Lage ihren Aufgaben beim Kinderschutz nachzukommen. Das belegt auch die aktuelle Studie der Hochschule Koblenz. So kommen auf die rund 13000 Mitarbeiter im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) laut Studie mehr als eine Million Fälle.

Die von der Bundesarbeitsgemeinschaft Allgemeiner Sozialer Dienst geforderte Obergrenze liegt bei maximal 35 Fälle pro Sozialarbeiter. In vielen Städten liegen die Fallzahlen laut Studie allerdings deutlich höher - zum Teil bei mehr als 100 pro Sozialarbeiter. Auf diesem Niveau bewegt sich beispielsweise auch die Situation im Kreis Saarlouis. In Merzig sind es rund 50 Fälle pro Kopf.

Insgesamt liege in vier von sechs Landkreisen die durchschnittliche Fallzahl pro Mitarbeiter bei mehr als 50, kritisiert der Landkreistag. Es herrsche eine hohe Personalfluktuation bei den Jugendämtern, Stellen seien schwer nachzupersonalisieren. Land und Bund müssten die Jugendämter finanziell stärker unterstützen.

Situation im Regionalverband offenbar entspannt

Noch vor einigen Jahren war auch im Jugendamt des Regionalverbandes Überlastung ein großes Thema. Doch hier scheint sich etwas getan zu haben. Derzeit sieht man sich gut aufgestellt. „Wir sind personell angemessen ausgestattet, um die Arbeit zu bewältigen. Wenn man die Fallzahlbelastung im Sozialen Dienst nimmt, haben wir zwischen 40 und 45 Fälle pro Mitarbeiter“, sagte die Dezernentin für Jugend und Soziales, Petra Spoo-Ludwig, im Gespräch mit SR.de.

Keine Überlastung im Regionalverband

„Wir haben keine Überlastungsanzeigen von Kollegen. Natürlich gibt es immer mal Phasen, in denen manche Bezirke oder Mitarbeiter hoch belastet sind oder Zeiten, in denen es durch Krankheitsfälle zu Engpässen kommt. Aber wir können nicht sagen, dass wir generell unterpersonalisiert sind“, so Spoo-Ludwig.

Doch warum sind manche Jugendämter stark überlastet und andere nicht? Laut der Sozialdezernentin des Regionalverbandes kommt es auch darauf an, wie die Jugendämter strukturiert sind. „Manche Soziale Dienste haben noch die Jugendgerichtshilfe oder Teile des Pflegekinderdienstes integriert. Bei uns macht der Soziale Dienst die klassische Bezirkssozialarbeit. Wir sind außerdem dezentralisiert, d.h. die Mitarbeiter sitzen in den Außenstellen vor Ort und wir arbeiten eng mit den Familienzentren zusammen. Dadurch entstehen kurze Wege und wir können einer Familie schnell Unterstützung zum Beispiel in Form eines Familienhelfers anbieten.“ Solche Maßnahmen entlasteten die Bezirkssozialarbeiter.

Mehr Inobhutnahmen 2016

Dennoch muss auch der Regionalverband mehr Inobhutnahmen wegen Kindeswohlgefährdung verzeichnen. Von 2010 auf 2016 stiegen die Fallzahlen, in denen Kinder aus Familien genommen werden mussten, von 263 auf 362 – ein plus von immerhin 40 Prozent.

Besonders extreme Fälle von Kindesmisshandlungen, wie sie in der Studie aufgeführt werden, kommen laut Spoo-Ludwig im Regionalverband kaum vor. „Absichtliche Verbrühungen oder andere sadistische Taten sind eine Ausnahme. Unser Alltag sind insbesondere überforderte Eltern.“ Die Sozialarbeiter hätten es vor allem mit chronischen Vernachlässigungen zu tun, bei denen Kinder nicht ausreichend versorgt würden.

Zusammenhang zwischen Kindeswohlgefährdung und Bildung der Eltern

Besonders in Familien mit einem geringeren Bildungsniveau kommt es laut der Sozial- und Jugendezernentin wesentlich häufiger zu Fällen von Kindeswohlgefährdung und demzufolge zu Inobhutnahmen. „Das kann ich auf jeden Fall bestätigen. Deshalb versuchen wir die Familien frühzeitig auf das Eltern-Werden vorzubereiten. Diese Elternbildung ist ganz wichtig. Zum Beispiel dass Eltern lernen, ihrem Kind ein Buch vorzulesen. Wir haben Lesewerkstätten für Null- bis Drei-Jährige. Da geht es nicht darum, dass die Kinder lesen lernen, sondern dass die Eltern befähigt werden, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen und ihnen auch mal ein Buch vorzulesen", sagte Spoo-Ludwig. Mit einer entsprechenden Sensibilisierung für die Bedürfnisse ihrer Kinder, könnten Eltern auch entspannter mit ihren Kindern umgehen.

Über dieses Thema wurde auch in den Hörfunknachrichten und im aktuellen bericht vom 14.05.2018 berichtet.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja