Bildmontage zu Alkohol in der Schwangerschaft: Weinflasche und -Gläser neben einem Babybauch (Foto: pixabay/Quadronet_Webdesign, dpa/Felix Heyder, SR/Knöbber)

Jeder Schluck Alkohol schadet dem Kind

Leonie Rottmann   09.09.2019 | 08:30 Uhr

Wenn werdende Mütter in der Schwangerschaft Alkohol trinken, kann das für ihre Kinder schwerwiegende Folgen haben – im schlimmsten Fall werden sie mit dem Fetalen Alkoholsyndrom geboren. Nach Schätzungen von Experten sind 2017 rund ein Prozent der lebendgeborenen Kinder im Saarland mit Symptomen oder dem Vollbild der Störung auf die Welt gekommen.

Fehlbildungen, geistige Behinderungen Entwicklungsstörungen, Verhaltensstörungen: Alkoholkonsum während der Schwangerschaft zeigt sich in verschiedenen Ausprägungen bei den Kindern. Wie viele Menschen tatsächlich an den Folgen des Alkohols leiden, ist unklar. Die Diagnose ist schwierig, die Dunkelziffer hoch.

Das Kind trinkt mit

Wenn eine werdende Mutter vor der Geburt Alkohol trinkt, konsumiert ihn auch das Ungeborene. „Alkohol geht vollständig zum Kind über – über den Mutterkuchen, einer Art ‚Plazentabarriere‘. Im Gegensatz zu manch anderen Schadstoffen ist das ungeborene Kind dadurch also nicht geschützt“, erklärt Michael Zemlin. Ist das Gift im Körper des Kindes, greift es in zahlreiche Stoffwechselwege ein: „Zum Beispiel kann Alkohol das Wachstum des Gehirns stören, was später nicht mehr aufgeholt werden kann.“

Ausprägungen der Störung

Der Oberbegriff „Fetale Alkoholspektrum-Störung“ (FASD) schließt alle Behinderungen und Entwicklungsstörungen ein, die durch den Alkoholkonsum während der Schwangerschaft entstehen. Von dem Vollbild eines Fetalen Alkoholsyndroms (FAS) spricht man, wenn alle charakteristischen Auffälligkeiten von Wachstum, Gehirnfunktion und Gehirnfunktion zusammen auftreten.

Die Folgen des Konsums sind vielfältig und begleiten die Betroffenen ein Leben lang. Äußerlich sichtbar sind vor allem die charakteristischen Gesichtszüge und eine unterdurchnittliche Körper- und Kopfgröße. Auch die Intelligenz und das Sozialverhalten leiden oft darunter: „Betroffene Kinder leiden wesentlich häufiger als andere Kinder an Verhaltensauffälligkeiten“, sagt der Klinikdirektor. Die Ausprägungen können in allen Bereichen individuell aber sehr unterschiedlich sein.

Experten schätzen, dass im Saarland jährlich etwas mehr als ein Prozent der Neugeborenen mit Fetalen Alkoholspektrum-Störungen geboren werden. „Das Vollbild liegt bei etwa jedem zehnten Kind mit FASD vor“, erklärt Michael Zemlin, Klinikdirektor der Geburtsklinik der Universitätsklinik Homburg.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums sind die geschätzten Fallzahlen seit 2005 weitgehend konstant geblieben. In bundesweiten Schätzungen ist von 10.000 bis 14.000 Fällen im Jahr die Rede.

Dunkelziffer durch Scham und Unwissen

Die Diagnostik der Erkrankung ist schwierig und erfordert die Zusammenarbeit verschiedener Spezialisten, denn alle einzelnen Symptome von FAS oder FASD können auch andere Ursachen haben. „Der erste Hinweis ergibt sich aus der Vorgeschichte der Mutter. Ist sie beispielsweise alkoholabhängig, ist auf Anzeichen zu achten“, so Zemlin. Alkoholkonsum in der Schwangerschaft werde aus Scham oft verschwiegen. Zudem sei einigen Schwangeren nicht bewusst, dass auch kleine Mengen Schäden anrichten können.

Damit in Zukunft mehr Fälle diagnostiziert werden können, setzt sich auch das Landesinstitut für Präventives Handeln (LPH) für mehr Zusammenarbeit und Transparenz ein. „Die Diagnosewege im Saarland waren bisher nicht allgemein bekannt und klar, dementsprechend wird die Diagnose hier kaum gestellt“, sagt Jasmin Arnold vom LPH.

Kliniken arbeiten zusammen

Gemeinsam mit dem Caritasverbund Schaumberg Blies und der Deutschen Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin arbeitet das LPH an einem „Wegweiser FASD“, in dem die Diagnosewege im Saarland aufgezeigt werden. „Zu diesem Zweck haben sich alle Kinder- und Jugendkliniken im Saarland und eine humangenetische Praxis bereiterklärt, einen Part der Diagnostik zu übernehmen“,

Klinikdirektor Michael Zemlin freut sich über die Fortschritte im Gesundheitswesen, das ihm zufolge gemeinsam mit der Politik mit Nachdruck Konzepte für die Diagnostik und Prävention entwickelt: „FAS und FASD können durch gute Prävention zu 100 Prozent verhindert werden. Das ist das höchste Ziel für die Zukunft.“

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